"Ich wünsche mir einen schönen Teppich"

Ihr Leben war nicht so, wie Petra Baumann (Name von der Redaktion geändert) sich das erhofft hatte: Mit dem guten Verdienst ihres Mannes und dem „Luxus“ eines Lebens als „nur“ Hausfrau und Mutter war Schluss, als ihr Mann die Diagnose Krebs bekam. Mit Mühe, aber festentschlossen hat sie die Erziehung und Betreuung von drei Kindern und die Pflege ihres Ehemanns zwischen Krankenhausbesuchen und „austherapiert“ gemeistert. Heute lebt sie, selbst schwer erkrankt, in einer halb leeren Wohnung von Sozialhilfe.

CELLE. Das Schicksal von Petra Baumann steht exemplarisch für jene Fälle, in denen die CZ-Weihnachtsaktion „Mitmenschen in Not“ helfen will.

Nach Atem ringend setzt Petra Baumann ihre schwere Einkaufstasche ab und sinkt auf der feuchten Parkbank zusammen. Die Sitzgelegenheit am Rande eines Spielplatzes liegt etwa in der Mitte des Weges vom Discounter zu ihrer Wohnung und ist oft die Rettung – ohne Rast schafft sie die Strecke nur noch selten. „Wenn es ganz schlimm ist, bekomme ich einen Hustenanfall und breche auf offener Straße zusammen, weil mir die Luft weg bleibt“, bekennt die 56-Jährige. Das sei schon zweimal vorgekommen. „Der ganze Rummel mit Notarzt und Sanitäter war mir so peinlich. Ich weiß ja, was mir fehlt und dass ich nur wenig Kraft habe.“ Jetzt versucht sie, es gar nicht so weit kommen zu lassen und sich nicht mehr zuzumuten als geht.

Zugemutet hat das Schicksal ihr und sie sich selbst schon einiges: Erst die Erkrankung ihres Mannes, die Petra Baumann vom Traum eines kleinen eigenen Häuschens in die dreieinhalb Zimmerwohnung und vormittägliche Aushilfsjobs als Putzfrau – während die Kinder in der Schule waren – gezwungen hat. Später, als der Zustand ihres Mannes schlechter wurde, ging nicht einmal mehr das. Die Familie musste soziale Unterstützung beantragen. Beinahe zehn Jahre hat sie mit ihm gelitten und gekämpft – und durchgehalten bis zum Schluss. „Ich konnte ihn doch nicht einfach weggeben. Er hat so an mir und den Kindern gehangen. Bei uns zu sein hat ihm lange Mut gemacht.“

Woher sie die Kraft genommen hat, weiß sie heute auch nicht mehr. Aber die anhaltende Überbeanspruchung und verschiedene verschleppte Erkältungen von Bronchitis- bis Lungenentzündung – „Es ging doch nicht anders, war doch keiner da, der sich über längere Zeit um Kinder und Mann kümmern hätte können“ – haben ihren Preis gefordert. Seit einigen Jahren leidet die 56-jährige Witwe unter einer fortschreitenden chronischen Lungenerkrankung. Die alltäglichen Arbeiten fallen ihr immer schwerer – für eine Kur oder zusätzliche Reha-Maßnahmen fehlt das Geld. „Naja, jetzt kann ich zumindest langsam machen“, kommentiert die blasse, stark abgemagerte Frau, die auf den Fotos aus fröhlicheren Tagen gar nicht mehr wiederzuerkennen ist.

Heute sind alle drei Kinder erwachsen und aus dem Haus. „Es ist aus allen etwas Ordentliches geworden“, sagt sie stolz. Ihre beiden Ältesten hat der Beruf allerdings in andere Bundesländer geführt. „Wir haben regelmäßig Kontakt, sehen uns aber leider nur selten – die sind ja jetzt auch mit eigener Familienplanung beschäftigt.“ Ihr Jüngster ist 18. Er hat im vergangenen Jahr eine Lehrstelle in Braunschweig gefunden, dort lebt er in einer WG. „Er konnte natürlich nicht jeden Tag fahren.“

Auf Grund des Auszugs und der Volljährigkeit ihres Jüngsten hat sich im Herbst letzten Jahres das zuständige Sozialamt gemeldet. „Meine Wohnung sei nun zu groß und zu teuer“. Petra Baumann war gezwungen, sich innerhalb von wenigen Monaten eine neue Bleibe zu suchen. Jetzt lebt sie in eineinhalb Zimmern mit Kochnische und winzigem Bad. „Eigentlich reicht das ja für mich und ich brauche nur eine Treppe hoch. Aber für Besuch – vor allem von meinen Kindern – hab ich jetzt keinen Platz mehr.“

Das alte Schlafsofa war schon beim Umzug zusammengebrochen und landete, wie viele andere unbrauchbare Möbel, auf dem Sperrmüll. Nur wenige persönliche Dinge schafften es in die neue Bleibe. Angeschafft werden konnte nur das Nötigste. Trotz der kleineren Räume wirkt die neue Wohnung kahl und unfreundlich. Für eine nette Einrichtung und einen Teppich, der den abgewohnten Linoleumboden verstecken und für ein wärmeres Klima sorgen könnte, ist kein Geld übrig. „Ich würde mich schon über ein paar ordentliche Secondhand-Möbel freuen – allerdings bliebe dann noch das Problem, wie bekomme ich sie her. Vor allem aber wünsche ich mir einen schönen Teppich.“

Doris Hennies Autor: Doris Hennies, am 28.11.2017 um 16:49 Uhr
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