Niemand wollte damals den Celler Kurt W. Roberg haben

Foto: Michael Schäfer

Kurt W. Roberg weilt derzeit wieder in seiner Heimatstadt Celle. Der Jude musste Ende 1938 Celle verlassen. Doch erst nach zweieinhalb Jahren war seine Flucht glücklich beendet, als die USA ihn aufnahmen. Heute berichtet der 93-Jährige vor allem jungen Menschen über die Geschehnisse während der NS-Zeit.

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CELLE. „Man kann nicht mit Hass im Herzen leben.“ Derjenige, der diese Lebensweisheit im Hermann-Billung-Gymnasium der gesamten 9. Klassenstufe vermittelte, hat seinen Frieden mit Deutschland gemacht. Kurt Walter Roberg hat vor fast 79 Jahren seine Heimatstadt verlassen müssen. Er ist Jude. Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 war sein Leben in Celle nicht mehr sicher. Auch hier wurden jüdische Geschäfte zerstört und die Synagoge geschändet, indem das Mobiliar zerschlagen wurde.

In eben jener Synagoge berichtete Roberg am Abend desselben Tages erneut über sein Leben. Hier verliehen ihm sowohl die Jüdische Gemeinde als auch die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit jeweils die Ehrenmitgliedschaft. Roberg dürfte das einzige Mitglied der jetzigen Celler Gemeinde sein, das auch schon der alten jüdischen Gemeinde angehört hatte. Auch im Gymnasium Ernestinum traf der Zeitzeuge mit Schülern zusammen.

Roberg berichtete den Gymnasiasten am HBG von seiner abenteuerlichen Flucht aus Deutschland. Über Rotterdam, Berlin, Spanien und Portugal erreichte er schließlich die USA. Aber auch hier wollte man ihn zunächst nicht haben, weil sein Visum abgelaufen war, ehe er in New York ankam. Aber nach zwei Monaten auf Ellis Island durfte er schließlich doch bleiben. „Man kann das mit den Konditionen, die heute sind, vergleichen“, meinte Roberg in Bezug auf die Flüchtlingsströme.

Erstmals kam Roberg 1952 zurück nach Celle. Er besuchte seinen alten Lehrer und die Nachbarn, „die uns immer behilflich und freundlich waren“. Und auch noch im Alter von 93 Jahren ist er in dieser Woche wieder zurückgekehrt. Der 1941 in die Vereinigten Staaten Emigrierte möchte vor allem der jüngeren Generation erklären, wie es damals dazu kam, dass Juden aus Deutschland fliehen mussten. „Nirgendwo sonst in der Geschichte der Menschheit finden wir einen Präzedenzfall, wo sechs Millionen Menschen systematisch ausgerottet worden sind und das nur wegen ihrer Abstammung“, sagte er. Er mahnte zur Wachsamkeit, um „Wiederholungen für alle Zeiten unmöglich zu machen“. In den Medien könne man heutzutage fast täglich neue Meldungen über wieder zunehmenden Antisemitismus und Völkermorde lesen. Man müsse sich fragen: „Kann so etwas wieder geschehen und wie können wir so etwas verhindern?“

Buch: Eine Schülerin wollte wissen, wann er seine Lebensgeschichte aufgeschrieben habe. Roberg antwortete, dass er erstmals nach 30 Jahren in den USA einen Artikel über seine Auswanderung verfasst habe. Aber erst im Jahr 2004 nahm er eine Anregung der Celler Stadtarchivarin Sabine Maehnert auf, ein Buch über seine Kindheit in Celle zu schreiben. Entstanden ist als Celler Beitrag zur Landes- und Kulturgeschichte sein auch für Schüler lesenswertes Werk „Zwischen Ziegeninsel und Stadtgraben: Eine jüdische Kindheit und Jugend 1924–1938“.

Sorgen: Eine andere Schülerin wollte wissen, ob er sich damals nicht Gedanken darüber gemacht habe, wie er sich in Amerika verständigen wolle. „Das Englische war nicht meine größte Sorge“, sagte Roberg. Damit leitete er die gut einstündige Darstellung seiner zweieinhalb Jahre andauernden Flucht aus Deutschland ein.

Freunde: Ob er denn Freunde auf der Flucht gefunden habe, wollte ein Schüler wissen. „Wir waren elf Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 19 Jahren. Ich habe immer Kontakt zu ihnen gehalten und es haben sich lebenslange Freundschaften entwickelt“, sagte der agile 93-Jährige.

Zweifel: Ob er an seinem jüdischen Glauben gezweifelt habe? Die Antwort kommt prompt: „Nein, ich habe nie einen Grund gehabt, daran zu zweifeln.“

Bruder: Was aus seinem zwei Jahre älteren Bruder geworden sei, dem zuvor mit den Eltern die Flucht in die USA gelungen war? „Das ist eine gute Frage. Er und ich waren im Krieg in der amerikanischen Armee, ich im Pazifik und er hat die Invasion in der Normandie mitgemacht.“ Sein Bruder hat sich mit einem Geschäft für Elektrotechnik in New York selbstständig gemacht. Im Ruhestand ist er nach Florida übergesiedelt, wo er vor wenigen Monaten im Alter von 95 Jahren gestorben ist.

Rückkehr: Ob er sich überlegt habe, nach Deutschland zurückzukehren? Diese Frage versteht Kurt Roberg nicht ganz richtig, aber er beantwortet sie doch. Zunächst hatte er in den 1950er Jahren aus beruflichen Gründen in Köln und Berlin zu tun, doch es war ihm auch ein Anliegen, seine Heimatstadt zu besuchen. „Ich wusste, wir hatten hier gute Deutsche“, sagt er. Kurt Roberg ist ein Celler Jung‘ geblieben, auch wenn er heute hier nicht mehr lebt. Er hat Ausgrenzung und Ablehnung erfahren, aber auch viele positive Erinnerungen gespeichert, von denen er bei seinen Vorträgen berichtet.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 01.12.2017 um 19:11 Uhr
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