Albtraum Straßensanierung: Winser soll 50.000 Euro bezahlen

Martin Florian lebt mit seiner Familie auf einem idyllischen Grundstück in Südwinsen. Wenn die Gemeinde die Straßensanierung mit ihm abrechnet, steht er vor dem finanziellen Ruin. Foto: Michael Schäfer

Martin Florian ist verzweifelt. „Das ist eine große seelische Belastung, die einfach kein Ende nehmen will“, sagt der Familienvater. Bei ihm steht alles auf dem Spiel. Das Haus, die Firma, die ganze Existenz. 50.000 Euro sollen Martin und Jana Florian für die Sanierung der Straßen In den Dünen und Am Weinberg zahlen. „Als wir den Betrag gehört haben, sind wir beide in Tränen ausgebrochen“, berichtet der 40-Jährige. „Das ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe“, sagt seine Frau.

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SÜDWINSEN. Ihre große Hoffnung ist die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge, die derzeit in den Gremien der Gemeinde Winsen diskutiert wird. Denn die Florians haben das Geld für die Straßensanierung nicht. Sie leben auf einem großzügigen Grundstück mit 2100 Quadratmetern Platz. Genau genommen sind es sogar zwei nebeneinander liegende Grundstücke an der Straße In den Dünen. Die Ecklage zum Weinberg könnte ihnen jetzt zum Verhängnis werden. Beide Straßen sollen 2018 auf einen Schlag saniert werden.

Sie sind 2002 in das Haus nach Südwinsen gezogen, in dem sie heute mit ihrer sechsjährigen Tochter leben. Damals haben sie im Bauamt extra nachgefragt, was auf sie zukommen könnte, wenn die Straßen eines Tages saniert werden. Ein Gemeindemitarbeiter habe damals von 10.000 Euro gesprochen, sagen die Florians.

Vor drei Wochen fand eine Anwohnerversammlung statt, in der die Gemeinde über die Straßenprojekte informierte. Anschließend bekam jeder Anlieger den Betrag genannt, mit dem er rechnen müsse. In der Siedlung sind viele Bürger empört, heißt es. Die Nachbarn müssen zwischen 11.000 und 24.000 Euro zahlen, ein weiterer sogar 29.000 Euro. Es ist eine Menge Geld. In der Nachbarschaft leben viele Rentner, der eine oder andere dürfte große Probleme haben, seinen Beitrag zur Sanierung der Straße zu bezahlen.

Aber niemand muss auch nur annähernd so viel zahlen wie Martin und Jana Florian.

Bei der Gemeinde Winsen äußert man sich nicht zum Einzelfall. Bauamtschefin Anke Schumann sagt allgemein, dass Immobilienbesitzer, die nicht in der Lage sind, ihren Beitrag zu leisten, einen Antrag auf Stundung stellen können. Das bedeutet Ratenzahlung. Problem dabei: Die Gemeinde muss nach der Abgabenverordnung sechs Prozent Zinsen verlangen.

Martin Florian macht der Gemeinde Winsen keinen Vorwurf. Im Gegenteil: Die Verwaltung habe transparent gearbeitet, die Anwohner seien immer wieder über den Stand der Dinge informiert worden. Zudem habe es das Angebot gegeben, die 50.000 Euro langfristig zurückzuzahlen.

Familie Florian fürchtet aber, ihr Haus verkaufen zu müssen, sollte die Straße mit den Anliegern abgerechnet werden. „Die Kreditlinie bei unserer Bank ist ausgeschöpft“, sagt er. Martin Florian ist selbstständig und hat im Dachgeschoss eine kleine Handelsvertretung, die sich auf Umkleidekabinen und Trennwände spezialisiert hat. Seine Frau ist Angestellte der Firma, Martin Florian hat auch die Verantwortung für seine Mitarbeiter.

Sollte das Südwinser Paar sein Haus verkaufen müssen, würde es wohl ein schlechtes Geschäft machen. Denn wer ist schon scharf auf ein Einfamilienhaus, wenn man auch noch zwei Straßen bezahlen muss? Selbst wenn die Florians den unbebauten Teil des Grundstücks verkaufen würden, bliebe durch die Kreditbelastung noch immer ein größerer Betrag offen.

Der Winser Gemeinderat wollte am 13. Dezember entscheiden, ob die Straßenbeiträge abgeschafft werden oder nicht. Inzwischen sieht es nach einer Vertagung aus (siehe Infobox). Diskutiert wird, ob die Grundsteuern deutlich erhöht werden sollen. Für viele ist die Steuer-Variante fairer und sozial ausgewogener. Das Thema gärt in etlichen Kommunen. Die Gemeinde Winsen wäre die erste im Kreis Celle, die die Beiträge abschafft.

Simon Ziegler Autor: Simon Ziegler, am 01.12.2017 um 16:34 Uhr
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Info-Box

Entscheidung wird wohl vertagt

Der Finanzausschuss der Gemeinde Winsen hat sich am Donnerstag dafür ausgesprochen, die Entscheidung in Sachen Straßenausbaubeiträge zu vertagen. Die CDU hatte beantragt, dass im Januar eine Infoveranstaltung stattfinden soll, bei der alle drei möglichen Varianten diskutiert werden, gab Kämmerin Anke Schumann nach der Sitzung bekannt. Für den Vorschlag gab es eine breite Mehrheit. Die drei Varianten sind: Beibehaltung der Straßenausbaubeiträge, Einführung von wiederkehrenden Beiträgen oder Erhöhung der Grundsteuer. Sollte der Gemeinderat am 13. Dezember der Empfehlung des Finanzausschusses folgen, womit nach dem klaren Votum am Donnerstag gerechnet wird, wird es eine Entscheidung zu den Straßenbeiträgen erst nach der Infoveranstaltung geben. Der Gemeinde-Haushalt 2018 soll erst im Anschluss verabschiedet werden.

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