Statisten im Schlosstheater: Manche müssen sich übergeben

Foto: Oliver Knoblich

Statisten, die stehen nur auf der Bühne rum, damit die voll ist? Von wegen! Am Celler Schlosstheater zumindest ist es harte Arbeit. Dort müssen auch die Laiendarsteller ran. Sie sind aktiv an der Handlung beteiligt. „Der Regisseur hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mich zu übergeben“, erzählt Elke Winter lachend. Die 48-Jährige ist mit zehn „Leidensgenossen“ als Statistin beim aktuellen Stück „Das Spiel ist aus“ von Jean-Paul Sartre auf der Bühne zu sehen.

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Dabei ist Flexibilität gefragt. Mal bevölkern sie die Totenwelt, mal agieren sie als Widerständler, mal als Soldaten oder Diener. „Ich muss drei Sätze sagen und mit einer Pistole schießen“, sagt Johanna Holze. Sie ist aber wie Elke Winter und Horst Teichert eigentlich schon ein „alter Hase“. Teichert steht zum siebten Mal als Statist auf der Hauptbühne, Winter und Holze haben Erfahrungen aus dem „Theaterklub“, der dem Schlosstheater angeschlossen ist.

Alle sind sich aber einig: Es ist ein Virus, der einen befällt, wenn man einmal „Blut geleckt“ und Theaterluft geschnuppert hat. „Dann will man immer mehr davon haben.“

Marliese Gierveld-Törkel ist eine von denen, die zum ersten Mal dabei sind. „Zunächst einmal verläuft man sich ganz oft, trifft häufiger den Hausmeister und fragt ihn nach dem Weg zur Bühne“, beschreibt sie ihre ersten Eindrücke. „Und auf der Bühne hab ich zunächst nur gedacht: Oh Mann, ist das dunkel! Oh Mann, dreht sich das schnell! Und wo bin ich jetzt gerade?“, fügt sie lachend hinzu.

Denn fast das komplette Stück findet auf einer sich drehenden Bühne statt. „Dabei verliert man schon mal die Übersicht, wo man gerade ist und wo das Publikum sitzt“, bestätigt Gisela Rose den Eindruck. Sie hat seit 25 Jahren ein Theater-Abo und steht zum ersten Mal selbst auf der Bühne. „Ich war schon sehr nervös zu Beginn“, gesteht sie. „Aber das hat sich schnell gelegt, als es losging.“

Was nicht zuletzt an Regisseur Sebastian Sommer und den Schauspielern liegt. Unter anderem sind Johanna Marx, Gintas Jocius, Dirk Böther, Irene Benedict und Jürgen Kaczmarek bei diesem Stück im Einsatz. „Wir sind absolut nett aufgenommen worden“, sagt Silke Steppan, ebenfalls eine „Newcomerin“. „Sie begegnen uns immer absolut auf Augenhöhe.“ Wobei Gisela Rose erwähnt: „Sie haben mir zu Beginn schon etwas leidgetan. Wegen uns mussten sie einige Szenen ganz schön oft wiederholen.“ Horst Teichert nickt. „Weil wir einfach noch nicht wussten, wo wir uns hinstellen und wie wir uns bewegen sollten.“

60 Bewerbungen für
elf Statistenrollen

Rund 60 Bewerbungen hat es gegeben auf die elf Statisten-Stellen, sagt Andrea Hoffmann vom Schlosstheater. Von jedem wurde ein Foto geschossen, dann mussten sie auf die Rückmeldung warten. „Es wurden ja bestimmte Typen gesucht. Da hat der Regisseur ganz genau geschaut“, sagt Horst Teichert.

Und jeder bekommt auch ein Kostüm. Auch die Anproben seien total locker und ohne Druck gewesen. „Die Kostümbildnerin hatte schon für uns ein paar Kostüme zur Auswahl“, erzählt Silke Steppan. „Das Wichtigste war aber, das hat sie immer wieder betont, dass wir uns in dem Kostüm wohlfühlen sollten“, ergänzt Gisela Rose. Und sie war sehr beeindruckt davon, dass Aleksandra Kica, die für die Kostüme verantwortlich ist, das Stück sehr gut kannte. „Sie konnte uns genau erklären, warum sie welches Kostüm für uns vorgesehen hatte.“

Rose schaut vor allen Dingen „mit ein bisschen Angst“ auf den Abend voraus, an dem sich ihre Abo-Runde das Stück anschauen wird. „Wir sind immer zu zwölft, dann sitzen dieses Mal elf Frauen, die ich kenne, im Publikum. Ich hoffe, dass ich nicht nervös werde und alles vergesse, was ich machen soll.“ Marliese Gierveld-Törkel löst dieses Problem auf ihre eigene Weise. „Ich habe meiner Familie und meinen Freunden gesagt, sie sollen ruhig alle ins Theater kommen. Aber ich will gar nicht wissen, wann sie da sind.“

Alle haben
Feuertaufe bestanden

Elke Winter hat durch ihr eigenes Wirken im Theater-Klub und als Statistin auf der Hauptbühne ihre Kinder für das Theater begeistert. „Sie sind jetzt richtig heiß auf die neuen Premieren und wollen immer hin.“

Jetzt haben alle ihre Feuertaufe hinter sich gebracht. Das war die Vorstellung, vor der alle den meisten Bammel hatten. „Wenn die Premiere gut gelaufen ist, dann werden wir mit Sicherheit etwas ruhiger“, ist sich Johanna Holze sicher.

Das können sie auch mit Fug und Recht sein. Denn nicht nur die Schauspieler bekamen nach der Vorstellung donnernden Applaus, sondern auch die Statisten. Und zwar ihren eigenen – ihre Leistung fand ganz offensichtlich große Anerkennung. Und alle elf wussten dann, dass sich die wochenlangen Probearbeiten wirklich gelohnt haben.

Jürgen Poestges Autor: Jürgen Poestges, am 07.12.2017 um 19:16 Uhr
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