153: Celler erinnern sich an Brauerei Schilling

Foto: Sammlung Ingo Brinkmann

Bis 1971 war die Brauerei Schilling an der Ecke Bremer Weg / Kreuzgarten beheimatet. Zeitzeugen erinnern sich an einen Brand, Eisstangen und Pferdegespann.

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CELLE. Die Feuersirenen schrillten am 25. August 1970 um 4 Uhr. Auf dem Betriebsgelände der Firma Schilling am Bremer Weg war ein Feuer ausgebrochen. „Besonders erschwerend für den Löscheinsatz
wirkten sich das leichtgebaute Pappdach und die völlig verschachtelte Bauweise des alten Gebäudes
aus“, schrieb die Cellesche Zeitung, die damals noch mittags erschien, am gleichen Tag. Gegen 6 Uhr sei das Feuer unter Kontrolle gewesen. „Ich habe damals mitgelöscht“, berichtet Hänschen Röling (Jahrgang 1940), der sich daran erinnert, dass es Leute gab, die daraus Kapital schlugen und wertvolle Schnapsflaschen mitgehen ließen. „Das Lager war leer geräumt“, sagt der Zeitzeuge. Die Feuerwehr sei hinterher befragt worden, aber die Kameraden seien „sauber“ gewesen.

Für Ingo Brinkmann (Jahrgang 1960) war die Brauerei Schilling in seiner frühen Kindheit ein Anlaufpunkt, wenn er bei seiner Oma zu Besuch war. „Sie hat bei Schilling im Getränkeverkauf gearbeitet und mein Bruder und ich haben immer eine Brause bekommen“, erzählt der Celler, der sich noch an die Telefonnummer (3474), an den Pilzanbau im Keller, den Brand kurz vor dem Abriss und den Neubau der Hochhäuser erinnert. Als das Feuer, das möglicherweise gelegt wurde, ausbrach, stand nämlich schon fest, dass Schilling nach Westercelle zieht und an der Ecke Kreuzgarten / Bremer Weg Wohnungen gebaut werden.

Ingo Brinkmann hat noch einige Bilder von früher – unter anderem eins von 1910, auf dem außer der Brauerei eine Gärtnerei zu sehen ist. Die Celler Stadtarchivarin Sabine Maehnert ist sich sicher, dass auf dem Foto Schilling abgebildet ist. Sie ist an dem Backsteinbau als Kind selbst immer vorbeigegangen. Sie hat in alten Adressbüchern recherchiert und herausgefunden, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts tatsächlich eine Gärtnerei am Kreuzgarten gab. Diese hieß allerdings Meyer, auf dem Schild, das auf dem Foto zu sehen ist, steht „Friedrich Alborn“.

Während seiner Lehre bei Karl Zähle wurde Detlef Wiedemeyer (Jahrgang 1943) regelmäßig zum Bier Holen zur Brauerei geschickt. „Wenn jemand Geburtstag hatte, habe ich zwei Kisten mit der Schubkarre zur Baustelle geholt“, erzählt der Zeitzeuge. „Der Braumeister hat mir auch die Champignonzucht im Keller gezeigt. Überall weiße Köpfe – ein Bild, das man nie vergisst.“

Erich Schäfer war Champignonzüchter. „Mein Vater war zunächst in Osterode im Harz tätig und wurde dann von der Brauerei Schilling angeworben. weil dort dringend für die dortige Champignonzucht ein Champignonzüchter gesucht wurde“, erzählt Rudolf Schäfer (Jahrgang 1952). „Soweit ich mich erinnere, waren die feuchten Kellerräum der Brauerei ideal für die Champignonzucht. Es war aber kein leichter Job für meinen Vater.“ Die Champignons seien immer in lustiger Runde von den dort tätigen Frauen gesäubert und mit einer Maschine in Dosen eingeweckt worden.

Familie Schäfer wohnte von etwa Mitte 1956 bis Juni 1962 in Wohnungen am Kreuzgarten und am Bremer Weg, die zur Brauerei Schilling gehörten. „Für mich als Kind war die Brauerei Schilling mit seinen Unterständen für die Thekengarnituren und Gestühle, die bei Bedarf vermietet wurden, ein super Spielplatz“, sagt Rudolf Schäfer.

Karl Heinz Tetzlaff (Jahrgang 1942) berichtet davon, dass die Champignons mit Pferdemist gedüngt wurden. Sein Vater Willy Tetzlaff hat von 1932 bis 1958 als Bierkutscher bei Schilling gearbeitet. „Bis Anfang der 1950er Jahre ist er das letzte Pferdegespann gefahren“, erzählt der Neu-Schepelser, der als Kind oft mitgefahren ist. Als die Getränke später mit einem Lkw ausgeliefert wurden, war sein Vater „nur“ noch Beifahrer, da er keinen Führerschein hatte. „Es wurden auch Eisstangen ausgeliefert“, erzählt der Zeitzeuge.

Unter anderem bekam Klaus Brandes (Jahrgang 1939) einmal pro Woche solche etwa einen Meter lange Stangen geliefert. „Unser Eisschrank lief nicht mit Strom, daher wurde eine Klappe geöffnet und in eine Zinkwanne eine Eisstange gelegt“, erzählt der der Celler.

Helmut Guddat (Jahrgang 1938), der vom Kriegsende bis zu seiner Konfirmation an der Ecke Bremer Weg/Sehndenstraße wohnte, holte im Sommer Stangeneis. „Da musste ich immer schnell laufen, weil die geschmolzen sind“, erzählt er. Von der Kühlanlage vom Dach der Brauerei sei Wasser runtergespritzt. „Das war eine angenehme Geschichte“, sagt der Zeitzeuge.

Seit 1942 kennt Hermann Timme (Jahrgang 1928) die Brauerei Schilling. „Nach dem Krieg gab es dort billiges Bier – das war günstiger als im Lokal“, erzählt er. Bärbel Meißner (Jahrgang 1947) erinnert sich, dass ihre Eltern, die damals Besitzer in zweiter Generation des Schützenhauses Klein Hehlen waren, regelmäßig von der Brauerei Schilling beliefert wurden. „Unter der Gaststätte befand sich der Bierkeller, der mit zwei großen Holzklappen geöffnet wurde, es wurde ein großes Lederkissen in die Öffnung geworfen und darauf wurden dann die Bierfässer von Schilling hinuntergelassen“, erzählt sie. „Öfter wurden die Fässer von einem Pferdegespann gebracht.“

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 08.12.2017 um 17:06 Uhr
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