Nach 79 Jahren kennengelernt: Kurt W. Roberg besucht Schwester seines Schulfreundes in Celle

Kurt W. Roberg zeigt der Schwester seines im Zweiten Weltkrieg gefallenen Schulfreundes Werner Köster, Hanna Masche, in deren Wohnung am St. Georgsgarten alte Fotos, die ihm jetzt vom Hermann-Billung-Gymnasium überreicht worden sind, Foto: Andreas Babel

Dem einen wurde die Heimat genommen, der anderen der Bruder. 74 Jahre ist Werner Köster tot. Nun traf seine Schwester auf seinen ehemaligen Schulfreund. Kurt W. Roberg ist mittlerweile 93 Jahre alt, die Cellerin Hanna Masche (geborene Köster) auch schon 88. Das Treffen fand an historischer Stätte statt: in der kleinen Wohnung in der Siedlung St.-Georgsgarten des Bauhaus-Architekten Otto Haesler, in der Hanna und Werner schon als Kinder aufwuchsen. Kurt W. Roberg, seit kurzem Ehrenmitglied der Jüdischen Gemeinde Celle, musste als Jude Weihnachten 1938 aus Celle fliehen. Da war er gerade einmal 14 Jahre alt.

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CELLE.

Was die beiden alten Menschen verbindet, ist Werner Köster. Der wäre heute ein Jahr älter als der an der Fritzenwiese groß Gewordene und heute in New Jersey (USA) lebende Roberg. Er und Werner waren Klassenkameraden, zunächst auf der Altstädter Schule und später auf der weiterführende Schule. "Wir haben nie miteinander gespielt, sind aber immer zusammen nach Hause gegangen", sagt Roberg. Und bei dieser Gelegenheit erfährt er, dass Werner nach dem Unterricht stets zu seinen Großeltern in deren Wohnung an der Zöllnerstraße gegangen ist. "Ich habe gedacht, dass Werner dort wohnt", sagt der klein gewachsene Mann mit den wachen Augen. "Mein Bruder war sehr viel bei meinen Großeltern. Er hing sehr an der Oma", sagt Hanna Masche mehrfach.

Und auch sie hängt immer noch sehr an ihrem Bruder. "Mein Bruder ist ohne Wissen meiner Eltern von der Schule abgegangen, um bei der Deutschen Bank eine Lehre zu machen, die er auch beendet hat. Dann wurde er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und dann zur Wehrmacht", erzählt die 88-Jährige. Als er dann 1943 vom Kampfgeschehen in Stalingrad nicht mehr zurückkehrte, war das nicht nur für ihre Eltern "sehr, sehr schlimm". Noch heute erinnert sie sich gerne daran zurück, wie sie den geliebten Bruder, mit dem sie sich in Kindertagen ein Bett teilte, zum letzten mal in der Heidekaserne besuchte, wo er stationiert war. "Ich bin da mit Rollschuhen in der Kaserne herumgelaufen, das weiß ich noch."Noch heute erinnert die Buntglasscheibe in der Wohnungstür an Werner Köster. Diese Scheibe durfte er sich vor fast 80 Jahren aus der Deutschen Bank mitnehmen, als dort saniert wurde.

Trotz der so verschiedenen Lebenswege, eint die beiden Senioren nicht nur die Erinnerung an das vergangene Celle und an den mit 19 Jahren gestorbenen Werner. "Ich bin froh, jetzt im Alter meine Tochter so nah bei mir zu haben", sagt Hanna Masche. Die 51-jährige SUSANNE lebt nur einen Block weiter und hilft ihrer Mutter, wo sie kann. "Ich lebe allein in meinem Haus in New Jersey", erzählt Roberg. Seine Tochter lebt eine Autostunde entfernt, aber das ist für amerikanische Verhältnisse wie im Block nebenan. Seinen Sohn hat er übrigens vor seinem Celle-Trip in Dänemark besucht. Dort lebt dieser schon seit 25 Jahren, der Liebe wegen, er hat eine Dänin geheiratet.

Hanna Masche spricht Roberg ihre Bewunderung darüber aus, dass er in seinem hohen Alter noch so viel herumreist und das nicht zum Selbstzweck, sondern um an die schreckliche NS-Zeit zu erinnern. Dabei erinnern sich Mutter und Tochter, dass sie Roberg schon einmal haben reden hören. Das muss im Jahr 2005 gewesen sein, als er sein Buch "Zwischen Ziegeninsel und Stadtgraben" vorgestellt hat. Dieses Buch ist vor kurzem wieder in einer kleinen Auflage gedruckt worden. Es schildert Robergs Kindheit und Jugend in Celle.

Hanna Masche erinnert sich an die jüdische Familie Schul, die auch in den Blöcken des St.-Georgsgarten gelebt hat. "Auf einmal waren die weg und ich habe Regina Schul so vermisst. Als Kinder haben wir gar nicht verstanden, wo die hin sind", sagt sie. Mit Adi (Adolf) Schul war Roberg zweimal wöchentlich in der jüdischen Schule. "Die Eltern sind nach Polen abgeschoben worden. Er ist auch im Krieg gefallen. Er hat für die Engländer gekämpft", sagt er kurz und trocken. Schicksale, die die NS-Ideologie und der dadurch heraufbeschworene Krieg schmiedeten.

Und dann erinnern sich die Beiden an die schönen Eindrücke ihrer Jugend. "Bei Rössing an der Zöllnerstraße kauften wir unseren Bienenstich", weiß Roberg noch. Er erinnert sich auch an die beiden Spielzeuggeschäfte Rahls und Renners. In einem Geschäft am Großen Plan kaufte sich auch Roberg seine Schülermützen. "Jedes Jahr wurde die Schülermütze gewechselt. Jedes Jahr hatte seine eigene Farbe", erinnert er sich. Bis seine Mitschüler allmählich anfingen, die Schülermützen gegen die Kluft der Hitlerjugend zu wechseln...

"1928 war ein strenger Winter und die Aller war ganz zugefroren. Als das Eis aufbrach, haben die Schollen die Pfennigbrücke mitgenommen - da schwamm die ganze Brücke auf der Aller über den Fall hinweg", erzählt Roberg in seiner sympathisch wirkenden, altertümelnden Sprache. Ein halbes Jahr habe es damals gedauert, bis die Brücke wieder aufgebaut wurde. Er wundert sich heute noch über die Geschäftstüchtigkeit der Betreiber der Gaststätte "Zur Blühenden Schifffahrt", auf deren Gelände die Brücke führte und an die so mancher Pfennig abgedrückt werden musste, wenn man die Aller hier überqueren wollte. "Was die für Einnahmen gehabt haben müssen!"Früher sei es zwischen den Dammaschwiesen und er Aller alles kahl gewesen. Da dort heute Büsche und Bäume den Wind abhalten, wunderte es ihn nicht, dass heute auf der Aller nicht mehr gesegelt wird. "Ich hätte für mein Leben gern gepaddelt oder gerudert", sagt der Mann, der früher viel Sport getrieben hat. Aber das war den Juden verwehrt. Das Saarfeld hat seinen Namen erhalten, weil zu dem Zeitpunkt, als er gebaut worden ist, die Saar wieder zu Deutschland zurückkam, erläutert Roberg. "Das war früher nur ne Wiese und ein Damm." Sabine Maehnert, Celles Stadtarchivarin, wurde über die Jahre zu einer guten Freundin. Sie ergänzt: "Das waren alles Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen."

"Schön, dass Sie so gut Deutsch sprechen!", sagt SUSANNE Masche. "Ich bin auf eine sehr gute Schule gegangen", entgegnet der alte Mann, der tags zuvor Schülern des Hermann-Billung-Gymnasiums(seiner Schule) über seine Flucht aus Deutschland berichtet hatte. Und außerdem habe er mit seiner Mutter, die 94 Jahre alt geworden ist, und seiner Frau, die ebenfalls aus Deutschland stammte, zu Hause nur Deutsch gesprochen.

Die Fritzenwiese sei damals die einzige Straße in Celle gewesen, in der Birnenbäume standen. Die Jungs spielten immer auf der Straße Fußball. Und der flog dann ganz gerne in die Gärten, in denen die besten Birnen wuchsen. "Unsere Hauswirtin Frau Süßkind hatte einen Kirschbaum. Sie hat einen stinkenden Fisch auf einer langen Stange ganz oben im Baum anbringen lassen. Da sind dann immer die Katzen auf den Baum geklettert und haben die Vögel abgehalten, die die Kirchen stehlen wollten", erzählt Roberg. Als die Kirschen reif waren, fragte Frau Süßkind, ob er ihr denn nicht die Kirschen pflücken könne, weil er doch so gut klettere. Als Kurt im Baum saß, forderte sie ihn auf, ihr ein schönes Liedchen zu pfeifen. So wollte die gewiefte Hauswirtin verhindern, dass er sich den Wams vollschlug. Doch Roberg verlaibte sich trotzdem die eine oder andere Kirsche ein.

Als er 1952 die lieben Menschen in dem Haus an der Fritzenwiese wieder besuchte, standen die Bäume noch. Viele aus seinem näheren Umfeld waren keine Nationalsozialisten. Alle anderen Menschen aber, die er sprach, meinten aber: "Ich musste mitmachen." Das Einzige, was sie Hitler nicht vergeben konnte, war, dass er den Krieg verloren hatte", meint Roberg. Seine Haltung zu dem aktuellen Fall des KZ-Aufsehers von Auschwitz, Oskar Gröning, der bis vor wenigen Jahren unbehelligt im Landkreis Uelzen lebte, ist eindeutig. Der 96-Jährige, der auch als "Buchhalter von Auschwitz" betitelt worden ist, muss nun hochbetagt hinter Gitter. Dazu meinte Roberg: "Er ist bis jetzt seiner Strafe entgangen. Er war Teil des Vernichtungssystems. Er muss sich dafür verantworten." Es sagt das ohne Groll, ohne Hass, aber mit Bestimmtheit und mit dem Wissen, was dem jüdischen Volk angetan worden ist. Das vor allem der Jugend zu vermitteln, hat sich Kurt Roberg auf die Fahne geschrieben. Er wird nach Celle zurückkehren um aufzuklären und zu mahnen , so lange er kann.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 12.12.2017 um 16:14 Uhr
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