Wer hat Feuer in Celler Praxis gelegt?

Zahnmedizinerin vor Gericht: Wollte sich die Angeklagte die Entsorgung der Möbel sparen? Foto: Julian Stratenschulte

Wegen Brandstiftung und versuchten Betrugs muss sich eine Zahnmedizinerin vor dem Landgericht Lüneburg verantworten. Schon beim ersten von 24 angesetzten Verhandlungstagen lag Spannung in der Luft.

CELLE. Ausgerechnet zwischen Heiligabend und dem ersten Weihnachtsfeiertag 2015 verschaffte sich ein Feuerteufel Zugang zu einer Zahnarztpraxis in Celle. An mehreren Stellen im Röntgenraum vergoss der Eindringling mehrere Liter Vergaserkraftstoff, zündete das Gemisch an und ergriff die Flucht. Auch wenn die Flammen selbst ausgingen, reichte dies aus, um die gesamte Einrichtung zu zerstören. Der Schaden lag bei rund einer halben Million Euro. Einen Tag nach Neujahr erschien eine Laborantin kurz nach sieben Uhr an ihrer Arbeitsstelle und wunderte sich, dass Haus- und Praxistür offen standen. "Mir fiel erst gar nichts auf, dann sah ich herunterhängende Kabel und eine schwarze Wand. Brandgeruch merkte ich nicht", sagte die 61-Jährige gestern am ersten von 24 Verhandlungstagen vor dem Landgericht Lüneburg aus.

Die Anklage geht davon aus, dass sich die tatverdächtige Zahnmedizinerin wegen einer bevorstehenden Praxisaufgabe die Entsorgung der Möbel ersparen wollte, um aus dem Topf einer im Oktober 2015 abgeschlossenen Inventarversicherung mehrere hunderttausend Euro zu kassieren. Die 50-Jährige soll demnach ihren Gatten angestiftet haben, in den Behandlungsräumen einen Brand zu legen. Als die Versicherung wenige Tage später von dem Vorfall erfuhr und um Zahlung gebeten wurde, schöpften die Sachbearbeiter einen Verdacht und kontaktierten die Strafverfolgungsbehörden.

Wegen Beteiligung an einer Brandstiftung und versuchten gemeinschaftlichen Betrugs müssen sich die beiden Angeklagten womöglich bis Juni vor der 3. großen Strafkammer verantworten. Nach Belehrung durch die Vorsitzende Richterin startete Verteidiger Ralf Neuhaus mit einer Eröffnungserklärung. Der Vortrag entwickelte sich zu einer Generalabrechnung mit Polizei und Justiz. Das Ermittlungsverfahren bezeichnete der Anwalt als Konstrukt und warf dem leitenden Kommissar vor, sich nicht an den geltenden Richtlinien eines Strafverfahrens orientiert zu haben. Fahnder stellten bei Begehung in den beschädigten Räumlichkeiten einen Handschuh sicher, verzichteten unter anderem auf eine ausführliche kriminaltechnische Untersuchung.

"Das Ziel ist ein Freispruch, da der Angeklagte für den Tatzeitraum ein lückenloses Alibi vorweisen kann", hieß es in dem Statement. Tatsächlich sei hinter dem "perfiden Schuldzuweisungsplan des wahren Täters" ein ausgeklügelter Schachzug zu vermuten, der die Fahnder nie interessierte. "Mein Ärger darüber ist ungebrochen", begründete Neuhaus. Er trug vor, die Mandantin habe schon lange geplant, die Celler Praxis aufzugeben, um fortan andernorts im Landkreis Celle der Versorgung der Patienten nachzugehen – da brauchte sie die Versicherung nicht hintergehen. Nach Ansicht des Verteidigers steckt womöglich ein Immobiliendeal hinter dem Verbrechen. Der Gebäudekomplex ist denkmalgeschützt. Die ehemalige Besitzerin verkaufte das Anwesen vor einiger Zeit an einen Investor. Nach Auszug der Zahnmedizinerin sah der neue Eigentümer hohe Kosten auf sich zukommen. Es ist gut möglich, dass der Brandstifter am Ende einer langen Kette von Mittelsmännern stand und gar nicht wusste, für wen er arbeitete. Am kommenden Dienstag geht der Krimi weiter, dann sagen einige Ermittler aus.

Benjamin Reimers Autor: Benjamin Reimers, am 13.12.2017 um 07:47 Uhr
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