Wunsch nach Rückzug: Wenn Alltagsreize für Kinder zu viel sind

Foto: Fotolia (Symbolfoto)

Tim war zwei Jahre lang ein fröhliches, aufgewecktes Kind. Im Kindergarten bemerkten die Erzieher, dass er langsamer ist als andere in seinem Alter, dass er oft am Rand steht und beobachtet, dass er sich viel zurückzieht und gern allein sein möchte. Später in der Schule wurde er für sein Verhalten gehänselt. Der Druck baute sich so sehr auf, dass Tim aggressiv wurde. Tim ist hochsensibel.

CELL. Lärm – Licht – Geruch – Geschmack, manchmal das im Pullover eingenähte Firmenschild, das im Nacken kratzt. Stichworte sind Reizüberflutung und Hochsensibilität. Gefühlte Enge auf dem Weihnachtsmarkt, Düfte und Gerüche, blinkende Lichter der Dekorationen, die Musik des Karussells, Choräle der Posaunenbläser.

Hochsensible Menschen können auf Reize empfindlich reagieren. Etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen sind betroffen. Die amerikanische Psychologin Elaine Aron hat 1990/91 den Begriff geprägt und Studien dazu durchgeführt. „Reizüberflutung heißt, dass ich sozusagen irgendwann nicht mehr aufnahmefähig bin für die ganz normalen Alltagsreize“, beschreibt die Heilpraktikerin Andrea Herbst aus Hessisch Oldendorf während eines Vortrages in Celle die Symptome. „Das hat immer mit einem Rückzugswunsch zu tun, also mit der Tatsache dass ich mich aus dieser Situation entziehen möchte, egal wo das gerade ist.“

Dabei sei es sehr vielfältig, wie Menschen ihre Hochsensibilität erleben. Fest stehe, dass hochsensible Menschen Reize intensiver aufnehmen. „Das kann zu einer Überstimulation führen, die bei vielen Menschen einen starken Rückzugswunsch auslöst“, sagt Herbst, die selbst hochsensibel ist. „Wenn ich zum Beispiel einen Einkaufsbummel mache, dann sollte man doch denken, dass der Spaß macht. Aber ich komme nach zwei Stunden wieder nach Hause und bin völlig erschlagen: Ich fühle mich körperlich völlig erschöpft.“

Ein hohes Maß an Empathie, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und Wahrheitsliebe, starke Vorstellungskraft, tiefe Verarbeitung von Eindrücken, das Denken in großen Zusammen-hängen sowie hohe Emotionalität und ein intensives Harmoniebedürfnis kennzeichnen hochsensible Menschen: Achtsamkeit, überdurchschnittliche Intelligenz und kreativ-künstlerische Veranlagung gehören oft dazu. Herbst: „Es ist einfach die Verwundbarkeit, die jemand hat. Und die Gefahr, traumatisiert zu werden, ist natürlich immer da. Wenn die Menschen traumatisiert sind, dann haben sie große Energieräuber in der Seele und oft Probleme damit. Das kann Leidensdruck erzeugen.“

Zwar seien Menschen unterschiedlich, aber der Rückzugswunsch ist häufig vorhanden, dass jemand sagt, das sei ihm zu viel, er könne in der Situation nicht leben, er wolle raus.

Wie Herbst in ihrem Vortrag sagt, zeigen Studien, dass bereits Säuglinge besser lernen und erinnern, als
man allgemein glaubt. „Sie lernen und entwickeln Ideen, ohne sich dessen bewusst zu sein oder es sprachlich ausdrücken zu können.“ Das hätten Experimente gezeigt, in denen Mütter keinerlei Mimik zeigten oder nur einen gleichbleibenden Gesichtsausdruck gegenüber dem Baby hatten. Babys reagieren sehr verstört und verzweifelt. „Bleibt das Vertraute aus, weiß das Baby, dass etwas nicht stimmt.“ Es komme häufig vor, dass in einer Familie mit einem oder zwei hochsensiblen Elternteilen auch hochsensible Kinder leben. „Kinder haben noch keine erprobten Bewältigungsmechanismen und sind einer Überstimulation oft hilflos ausgeliefert. Reaktionen wie Ängstlichkeit, Schreckhaftigkeit, schnelle Ermüdung bis hin zu Aggressivität oder einem völligen Boykott sind oft zu beobachten“, sagt Herbst und warnt: Schule und die damit verbundenen Geräuschkulissen sind für hochsensible Kinder oft eine Herausforderung, die sie allein nicht bewältigen können.

„Jedes Kind lernt anders, und die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen werden von uns anerkannt und respektiert“, beschreibt Schulleiter Detlev Soetbeer das Präventions- und Interventionskonzept an der Hehlentorschule. Vielfalt sei normal und notwendig, da jedes Individuum zur Entwicklung seiner Identität ein Gegenüber benötigt, das durch sein Anderssein dabei hilft, sich selbst zu verorten. „Dies gilt in sozialer, kultureller, sprachlicher und kognitiver Hinsicht“, sagt Soetbeer. Die Teilhabe am gemeinsamen Unterricht ist daher Prinzip der Arbeit in der Hehlentorschule, die von 340 Schülern besucht wird. „Für uns sind alle Kinder, die ihr Päckchen zu tragen haben, wichtig.“ Ziel individueller Förderung sei neben der Unterstützung zur Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit jedes Einzelnen der Erwerb unterschiedlicher Kompetenzen. Im Zuge inklusiver Schulentwicklung liegt das Hauptaugenmerk allen pädagogischen Handelns in der Teilhabe aller am gemeinsamen Lernen. Soetbeer: „Das gilt für den Bereich der Lernentwicklung in gleichem Maße wie für den Bereich der emotional-sozialen Entwicklung. Um Teilhabe ermöglichen zu können, müssen Barrieren beseitigt werden und Präventionsmaßnahmen dienen der Beseitigung von Barrieren.“

Was ist zu tun? „Wir sind hier ganz besonders aufgerufen, die wichtigen Regeln zu beachten, damit nicht aus einem gesunden hochsensiblen Kind später ein persönlichkeitsgestörter, traumatisierter oder depressiver Mensch wird“, nennt Herbst eine Voraussetzung. Zuerst sei wichtig, dass der betroffene Mensch seine Filter für Hochsensibilität öffnet, dass er selbst versteht, dass er nicht allein ist mit der Symptomatik: „Wer versteht, dass er hochsensibel ist, bekommt einfach ein großes Gefühl von Erleichterung, wenn er weiß, dass er nicht allein ist. Wenn ich nicht weiß, wie Überstimulation entsteht und was sie genau bedeutet, kann ich ihr nicht entgegenwirken. Wir können nur angemessen auf etwas reagieren, was wir kennen und benennen können.“

Lothar H. Bluhm Autor: Lothar H. Bluhm, am 14.12.2017 um 18:15 Uhr
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Nachgefragt

nachgefragt bei Dr. Joachim Riedel

Dr. Joachim Riedel ist der Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Celle (SPZ). Das SPZ ist eine ambulante Spezialeinrichtung des Allgemeinen Krankenhauses Celle für Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen oder Behinderungen. Herr Dr. Riedel, nach aktuellen Studien sind rund 15 bis 20 Prozent der Menschen hochsensibel. Wirkt sich das auch auf Ihre Arbeit aus? Ich würde diese Zahlen sehr kritisch hinterfragen und möchte betonen, dass „Hochsensibilität“ keine Diagnose ist, die in die internationale Klassifikation der Erkrankungen ICD oder psychischer Störungen aufgenommen wurde. Wir vergeben diese Diagnose selbst nicht. Mehrfach pro Jahr wenden sich allerdings Eltern an uns, weil sie selbst oder andere Bezugspersonen ihres Kindes die Vermutung äußern, ein Kind könne „hochsensibel“ sein. Wenn Eltern sich an uns wenden, hat das natürlich einen Grund und die vermutete Diagnose ist für uns nicht entscheidend. Jedes Kind, das bei uns vorgestellt wird, sehen wir uns ganz unvoreingenommen an. Wir sind im SPZ ein Team von neun Ärzten, sechs Psychologen und sieben Therapeutinnen. Insgesamt betreuen wir pro Jahr etwa 2100 Patienten – vom Säuglingsalter bis 18 Jahren, in einigen Fällen auch darüber hinaus. Zu uns kommen Kinder mit ganz unterschiedlichen Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, neurologischen Erkrankungen und Behinderungen. Das Besondere an unserer Arbeit ist, dass die verschiedenen Fachleute sehr eng zusammenarbeiten, um die Ursache eines Problems zu klären und gemeinsam mit den Eltern eine Empfehlung für die Behandlung zu erarbeiten. Je früher Entwicklungsstörungen oder Behinderungen erkannt werden, umso besser kann ein Kind gefördert werden. Also keine bemerkenswerte Zahl beim Thema Hochsensibilität? Es gibt sicher viele Menschen, bei denen die Eigenschaften vorliegen, die mit einer „Hochsensibilität“ in Verbindung gebracht werden. In den meisten Fällen sind diese Symptome aber nicht als Erkrankung oder Störung anzusehen, sondern eher als besondere Persönlichkeitsmerkmale oder Charaktereigenschaften, die nicht unbedingt einer ärztlichen oder psychologischen Behandlung bedürfen. Häufig ist aber eine professionelle Beratung der Eltern erforderlich, damit sie lernen, mit den besonderen Bedürfnissen ihres Kindes besser umzugehen. Bei den Kindern und Jugendlichen, die erhebliche Probleme haben, können wir in der Regel eine andere Diagnose stellen und eine Empfehlung zur Behandlung geben. Man sollte also zunächst selbst versuchen, mögliche Ursachen für Störungen zu beschreiben? Genau. Die „Hochsensibilität“ ist aus meiner Sicht der Versuch einer Erklärung für die Menschen, die im alltäglichen Leben Probleme haben, die sich so auswirken, wie Sie es in Ihrem Artikel beschreiben. Das mag sich auf verschiedene Bereiche beziehen. Bei Kindern auf die Schule ebenso wie auf das berufliche Umfeld bei Erwachsenen. Aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht ist das aber wie gesagt keine gesicherte Diagnose und wir verwenden andere Erklärungsmodelle, die besser gesichert sind. Was empfehlen Sie Eltern, die bei ihrem Kind Auffälligkeiten feststellen? Sollten die sich an das SPZ wenden? Die meisten Eltern, die ein Kind haben, das anders reagiert als – ich sag es mal so – „normal“, sollten sich professionell beraten lassen. Die ersten Ansprechpartner dafür sind neben Erzieherinnen und Lehrerinnen vor allem die Kinder- und Jugendärzte. Auch die Erziehungsberatungsstelle in Celle ist eine sehr gute Anlaufstelle für diese Fragen. Die dort tätigen Psychologinnen können Eltern und bei Bedarf auch Kita und Schule beraten. Wenn bei einem Kind stärkere Auffälligkeiten in der Entwicklung oder im Verhalten festgestellt werden, wird der Kinderarzt eine Untersuchung im SPZ empfehlen und eine entsprechende Überweisung ausstellen, mit der die Eltern sich bei uns melden können. Dann schauen wir uns das Kind ergebnisoffen an. In einem gemeinsamen Erstgespräch mit einer Ärztin und einer Psychologin verschaffen wir uns einen möglichst genauen Überblick von den Auffälligkeiten und Problemen. Meist sind weitere Untersuchungen nötig, bis wir Klarheit darüber haben, wie wir das Problem bewerten und welche Empfehlungen wir geben. Oft begleiten wir die Kinder und ihre Familien dann über viele Jahre. (lhb)

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