Trotz aller Entbehrungen spendet Celles Bevölkerung 1917 reichlich für den Krieg

Die reichsweite Woche für die „U-Boot-Spende“ vom 1. bis 8. Juni 1917 wurde auch in der CZ beworben. Foto: Cellesche Zeitung vom 6. Juni 1917

Seit dem 1. Februar 1917 befindet sich das Deutsche Reich im uneingeschränkten U-Bootkrieg. Die 136 deutschen U-Boote versenken nun auch Schiffe neutraler Staaten ohne jede Vorwarnung. Erklärtes Ziel ist die Störung der britischen Versorgungslinien. Den Kriegseintritt der USA am 6. April nehmen die Verantwortlichen in Kauf.

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Seit dem 1. Februar 1917 befindet sich das Deutsche Reich im uneingeschränkten U-Bootkrieg. Die 136 deutschen U-Boote versenken nun auch Schiffe neutraler Staaten ohne jede Vorwarnung. Erklärtes Ziel ist die Störung der britischen Versorgungslinien. Den Kriegseintritt der USA am 6. April nehmen die Verantwortlichen in Kauf.

In der Woche vom 1. bis zum 8. Juni 1917 wird eine reichsweite Spendensammlung organsiert, um die U-Bootflotte finanziell zu unterstützen. Mit ganzseitigen Anzeigen wird in der Celleschen Zeitung für die „U-Boot-Spende“ geworben. Viele namhafte Celler unterzeichnen den Aufruf, wonach alle Einwohner von Celle den „unvergleichlichen U-Boot-Helden (…) opferwilligsten Dank“ schulden. Allein in den ersten drei Monaten des uneingeschränkten U-Bootkriegs wurden bereits 1325 Schiffe versenkt. Die täglichen Meldungen über Versenkungen sind seinerzeit eine feste Rubrik in der Celleschen Zeitung, meist auf der Titelseite.

Celle gibt reichlich. Die Straßensammlung am Sonntag, 3. Juni 1917, bringt 7296,48 Mark. An den Celler Schulen werden während der „U-Boot-Woche“ 887,54 Mark gesammelt. Zusammen mit dem Ertrag der übrigen städtischen Sammelstellen kommen insgesamt 10.876,85 Mark zusammen.

Auch die Landgemeinden beteiligen sich an der Sammlung. Laut Landrat Dietrich von Harlem spendet der Landkreis insgesamt 6993,88 Mark. Am meisten Geld kam aus Beedenbostel (551,15), Hermannsburg (479,50) und Hornbostel (252,10).

Aber nicht nur Geld sollen die
Celler abgeben. Es wird auch dringend Hafer für die Armee-
Pferde benötigt. Am 6. Juni 1917
werden die Landwirte aufgerufen: „sofort alles irgendwie entbehrliche Futtergetreide“ an die Proviantämter abzugeben. Es sind allerdings keine Reserven mehr vorhanden.

Auch mit den Kohlen soll die Bevölkerung äußerst sparsam umgehen. Wegen ständig teurer und knapper werdenden Papiers werden die Zeitungen dünner. Extrablätter dürfen nur noch in vorgeschriebener Größe erscheinen und die Cellesche Zeitung verzichtet an Sonntagen und Montagen auf Beilagen.

Auch die Ernährung bleibt problematisch. Am 27. Juli 1917 erklärt Oberbürgermeister Wilhelm Denicke: „Um den fortgesetzten Felddiebstählen entgegen arbeiten zu können, wird von heute ab die Feldmark durch Militärpatrouillen überwacht.“ Wer unberechtigt angetroffen wird kommt in Haft und kann mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden.

Trotz aller Entbehrungen gibt die Bevölkerung ihr letztes Erspartes für den Krieg, als Oberbürgermeister Denicke im Namen des Magistrats der Stadt Celle zur Beteiligung an der siebenten Kriegsanleihe aufruft. Unter dem Motto: „Durchhalten und siegen, draußen und in der Heimat“, sollen Celles Bürger wieder die gut verzinsten staatlichen Schuldverschreibungen kaufen. „Ein guter Erfolg ist die Brücke zum Frieden“, verkündet Denicke.

Aufgerufen ist: „Wer dazu beitragen will, daß das Blut unserer Heldensöhne nicht vergeblich geflossen, alle Siege nicht umsonst errungen, die ungeheuren Opfer nicht unnütz gebracht sind.“

Der Appell wird wochenlang propagandistisch unterstützt und kommt an. Im Zeitraum vom 19. September bis 18. Oktober 1917 zeichnen Celles Bürger insgesamt Kriegsanleihen im Wert von 13.196.200 Mark. Die Gesamtsumme der Kriegsanleihen aus Celle steigt damit auf 76.608.900 Mark.

Celler Heideregiment kämpft 1917 an vielen Fronten

Nach den verheerenden Verlusten in der Frühjahrsschlacht an der Aisne wird das 2. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 77 im Mai 1917 an einen ruhigeren Frontabschnitt bei Ripont verlegt. Die stark ausgedünnten Kompagnien warten auf Ersatztransporte aus Celle.

Am 30. Juni rückt das Heideregiment von der Front ab und trainiert in Beaumont bei Sedan für neue Aufgaben. Insbesondere wird Distanzschießen geübt. Bereits am 8. Juli bricht das Regiment per Bahn an die Ostfront auf. In Galizien gilt es, den stark bedrängten Österreichern zu helfen.

Tagelange Gewaltmärsche auf von Dauerregen vermatschten Straßen fordern Männer und Material. Immer wieder liefert sich das Regiment schwere Gefechte mit russischen Verbänden. Der russische Angriff wird gestoppt. Im Gegenstoß gelingt es, die Frontlinie weit nach Osten zu verschieben. Das Heideregiment hat allerdings 31 Gefallene, 60 Verwundete und 3 Vermisste zu beklagen.

Am 26. August 1917 verlassen die 77er Galizien und erreichen vier Tage später Mitau (heute: Jelgava/Lettland). Von dort aus beteiligen sie sich an der Eroberung Rigas. Bei der Überquerung des Flusses Düna am 2. September wird das Regiment in schwere Gefechte verwickelt, kann den Auftrag aber erfüllen. Anlässlich der Kaiserparade in Riga, am 6. September 1917, bekommen auch Angehörige des Celler Regiments Orden verliehen.

Anschließend heißt es für das kampferprobte Regiment wieder Abmarsch nach Westen. Am 26. September beginnt für die 77er bei Cambrai in Frankreich die dritte Flandernschlacht. Die britische Armee tritt zur Großoffensive an. Nach massivem Artilleriebeschuss und Sturmangriffen mit großer Übermacht werden die deutschen Stellungen teilweise überrannt.

Der 4. Oktober 1917 wird „einer der schwärzesten und einer der ruhmvollsten Tage des Heideregiments“, schrieb Helmut Viereck später in der Regimentsgeschichte. Die 77er werden überflügelt und verlieren einen Großteil der erfahrenen Offiziere und Soldaten. Der endgültige Frontdurchbruch gelingt den Alliierten an diesem Tag jedoch nicht. Am 7. Oktober werden die 77er schließlich abgelöst und in Cambrai gesammelt. Die Verluste des kurzen Flanderneinsatzes sind schwer: 69 Tote, 217 Verwundete und 594 Vermisste.

Zur Auffrischung kommen die Reste des Celler Heideregiments in eine ruhigere Stellung zwischen Pronville und Inchy. Doch bereits Mitte November wird das geschwächte Regiment wieder an die vorderste Front gerufen. In der „Tankschlacht von Cambrai“ und der deutschen Gegenoffensive ab 30. November 1917 erleiden die 77er wieder hohe Verluste.

52 Tote, 195 Verwundete und 115 Vermisste sind zu beklagen, aber die Front wird gehalten. Das Grauen findet kein Ende. Die vierte Kriegsweihnacht verbringt das Celler Heideregiment 1917 in Frontstellung.

Chronologie des Kriegsgeschehens Juni bis Dezember 1917

5. Juni: Die Italiener brechen die zehnte Isonzo-Schlacht nach 19 Tagen erfolglos ab. 7. Juni: Beginn der britischen Großoffensive bei Ypern und Langemarck, die bis November andauert (Flandern-Schlacht). Die Briten setzen auch Panzer ein. 16. Juni: In Norddeutschland beginnen Massenimpfungen gegen Pocken. Etwa 2000 Menschen sind erkrankt, mehr als 200 Erkrankte sterben. Die ersten amerikanischen Truppen landen in St. Nazaire (Frankreich). 19. Juni: Das englische Unterhaus stimmt dem Frauenwahlrecht, ab dem 30. Lebensjahr, zu. 26. Juni: Erste amerikanische Truppen landen in Frankreich. 14. Juli: Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg tritt auf Druck von Paul von Hindenburg zurück. Sein Nachfolger wird Georg Michaelis, der bisherige Reichskommissar für das Ernährungswesen. 20. Juli: Gegen die Stimmen der USPD bewilligt der deutsche Reichstag einen neuen Kriegskredit in Höhe von 15 Milliarden Mark. 17. August: Die Deutschen räumen Langemarck in Flandern. 19. August: Beginn der elften Isonzo-Schlacht. Diese letzte italienische Offensive am Isonzo (Caporetto) endet am 10. September und bringt den Italienern geringe Geländegewinne. Sie erobern das Dorf Selo. 3. September: Die achte deutsche Armee erobert Riga. 24. Oktober: Beginn der zwölften und letzten Schlacht am Isonzo. Ein Durchbruch deutscher und österreichischer Truppen bringt Italien an den Rand der Niederlage. Massiver Giftgaseinsatz tötet Tausende italienische Soldaten. Rund 300.000 Italiener geraten in Kriegsgefangenschaft. Die Frontlinie wird weit nach Süden verschoben. Bereits nach drei Tagen sind die Maximalziele der Offensive erreicht. 26. Oktober: Reichskanzler Michaelis reicht nach 100 Tagen sein Rücktrittsgesuch ein. Kaiser Wilhelm II nimmt es an und ernennt den 74-jährigen bayrischen Grafen Georg Freiherr von Hertling zum Nachfolger. 7. November: In Russland bricht die Oktober- Revolution aus. Die Bolschewiki treten mit den Mittelmächten in Waffenstillstandsverhandlungen. 9. Dezember: Britische Truppen besetzen das von den Türken verlassene Jerusalem. 31. Dezember: Im Jahr 1917 fielen allein an der Westfront 1.054.467 deutsche, 569.080 französische und 750.249 britische Soldaten. Aus dem Tagebuch des Wathlinger Kanoniers Heinrich Bartel: Schlacht um Riga und Waffenstillstand an der Ostfront Nach wohl vier Wochen langer Vorbereitung heißt am 31. August der Befehl, wenn Wetter und Wind günstig bleiben, beginnt am 1. September 4 Uhr das große Schießen des Angriffs, und so geschah es. Um 3 Uhr morgens standen unsere Bedienungen fertig am Geschütz, viele Geschosse (gr. Kr.) [= Grünkreuz/Phosgen] waren fertig gemacht. Pünktlich um 4 Uhr begannen wir mit einem regelmäßigen Schnellfeuer auf die feindlichen Batterien, welche bald heftig antworteten. Doch nach zweistündigem Feuer wurden sie ruhiger, da wir die böseste Munition gebraucht hatten, die acht Stunden lang wirkte. […] Am 3. September, morgens, nach einem kurzen Gefecht, geht es weiter vor bis vor die Stadt Riga. Doch ehe wir reinkommen, sprengt der Russe sämtliche Brücken. Die Holzbrücken brennen, so müssen wir vor der Stadt halt machen. […] Der Übergang über die Düna wird jetzt mit kleinen Fuhren und den kleinen Dampfern verrichtet. So geht der Verkehr von Militär und Zivil Tag und Nacht durch, auch ist eine gesprengte Brücke für Fußgänger ausgebessert. […] Ende November kommt der erste Schnee, dazu ein böser Dreck. Die Pferde haben daher viel zu leiden und bei dem wenigen Futter gehen viele kaputt. Am 2. Dezember abends kommt die amtliche Nachricht, dass Russland mit uns am 3. Dezember in Verhandlungen wegen eines sofortigen Waffenstillstands und eines allgemeinen Friedens treten [will]. Es liegt was in der Luft, dass wir in nächster Zeit nach dem Westen kommen. Am 15. Dezember abends rücken wir ab zur Bahn, in der Nähe von Riga. An der Straße nach Petersburg werden wir verladen und fahren über Mitau bis Skarbe und kommen im Nollendorf-Lager ins Quartier, wo das Geschütz- und Fußexerzieren weitergeht. Auch zu Weihnachten sind wir noch hier. […] Die Bescherung fällt ja nicht so großartig aus, da nicht viel zu haben ist. 10 Paar Hosenträger, 30 Paar Einlegesohlen und Blei- und Tintenstifte werden vom Batterieführer ausgeteilt. Außerdem gibt es a Mann ein Viertel Pfund Honig, ein halbes Paket Keks, 2 Zigarren und 2 Zigaretten. Am zweiten Feiertage ist morgens zwei Stunden Dienst, dann ist frei. Am zweiten Weihnachtsabend bekomme ich das E.K. Herausgegeben von Klemens Weilandt
Florian Friedrich Autor: Florian Friedrich, am 15.12.2017 um 12:42 Uhr
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