Ausnahmemusiker Albrecht Mayer im Großen Sendesaal des NDR

Konzerte mit Albrecht Mayer sind eine seltsame Sache: In musikalischer Hinsicht ist der Oboenstar über alle Zweifel erhaben, seine Attitüde indes bleibt Geschmackssache.

HANNOVER. Bei seinem Auftritt im ausverkauften Großen Sendesaal des NDR setzte Mayer auf den italienischen Spätbarock, ging dabei aber keineswegs nur auf Nummer Sicher: Dreimal Antonio Vivaldi, zweimal Giuseppe Sammartini und je ein Werk der heutzutage weitgehend unbekannten Pietro Castrucci und Alessandro Marcello waren im Angebot, außerdem schmuggelte der Oboist jenseits des ausgedruckten Programms eine Version von Johann Sebastian Bachs „Ich hatte viel Bekümmernis“ in die Abfolge. Eine interessante Abfolge, denn die weniger populären Kompositionen stellten in ihrer Eigenwilligkeit unbedingt eine Bereicherung dar. In drei Fällen überließ der Solist seinen kompetenten Begleitern vom Ensemble „I Musici di Roma“ die Bühne.

Immer wieder wird von der Kritik Mayers Fähigkeit zu gesanglicher Intonation gepriesen. Zu Recht – diesbezüglich hat er auf seinem Instrument keine wirkliche Konkurrenz. Natürlich beherrscht der Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker auch die quecksilbrige Virtuosität, und in den besten Fällen vereinen sich beide Qualitäten wie an diesem Abend bei Marcellos Concerto in d-Moll. Auch Vivaldis Doppelkonzert mit Primgeiger Antonio Anselmi als zweitem Solisten kam voll auf den Punkt.

Nun wäre Mayer nicht Mayer, würde er auf die eine oder andere Plauderei verzichten. Das ist bei ihm immer charmant und birgt viel Lokalkolorit – Hannover hat der Musiker, so erfährt man, schon als 15-Jähriger bei einer Fahrradtour erkundet. Vieles klingt und ist wohl auch spontan, den einen oder anderen Spruch aber bringt Mayer offenbar bei jedem Konzert.

Etwas zwiespältig scheint auch sein Umgang mit den Musikerkollegen. Bei den Verbeugungen reiht Mayer sich gern bescheiden ein, wenn er jedoch zwischendurch dirigiert – was nicht ohne Pathos vonstatten geht – wird doch sehr deutlich, wer der Star des Abends ist.

All das ändert natürlich nichts daran, dass man mit dem Besuch eines Mayer-Konzerts wenig falsch machen kann, sollte man schlicht und ergreifend auf einzigartige Musik erpicht sein. Und wenn die Händel-Zugabe „Lascia ch‘io pianga“ fast zu schön klingt, um wahr zu sein, muss es sich bei diesem Interpreten fraglos um einen Ausnahmemusiker handeln. Stehende Ovationen.

Jörg Worat Autor: Jörg Worat, am 18.12.2017 um 16:48 Uhr
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