So fortschrittlich wird das neue Wasserrad in Bannetze

Projektleiter Christian Seidel (links) und Alexander Redenius freuen sich über den Baufortschritt an der Forschungswasserkraftanlage in Bannetze. Foto: Lothar H. Bluhm

Weltweit gesehen ist Wasserkraft die drittwichtigste Form der Stromproduktion. In Deutschland ist die Hydroenergie allerdings kaum von Bedeutung. Der Bau der neuen Forschungswasserkraftanlage bei Bannetze könnte das jedoch ändern. Ein Besuch auf der Baustelle.

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BANNETZE. Es ist ein unangenehmer nasskalter Morgen. Das Thermometer steigt nicht über vier Grad, Sprühregen, Feuchtigkeit zieht in die Winterkleidung. Die Männer in den neongelben und orangefarbenen dicken Arbeitsjacken stört das alles nicht. Sie sind schon einige Zeit hier, denn Arbeitsbeginn war heute um halb sechs. 19 Minuten später rollt der erste orangefarbene Betontransporter auf der Baustelle: Das Fundament für das Wasserrad in Bannetze wird geschüttet.

„Das ist doch super!“, freut sich der zuständige Projektleiter der Arbeitsgruppe Regenerative Energien im Institut für Statik an der Technischen Universität Braunschweig, Christian Seidel. Eigentlich wäre es ein guter Grund für einen Prosecco an der Baustelle. „Aber wir sind ja im Dienst“, beobachten Seidel, sein Mitarbeiter Lars Ostermann und der Vertreter des Bauherrn, der Salzgitter Mannesmann Forschung GmbH, Alexander Redenius, die Bauarbeiten vom Allerwehr aus, nachdem sie in einer Baubesprechung in dem kleinen Containerdorf mit allen an dem Projekt beteiligten Unternehmen Details erörtert haben.

800 Kubikmeter Unterwasserbeton werden in die Baugrube vergossen, auf der künftig die zwölf Meter breite Forschungswasserkraftanlage Bannetze-Hornbostel stehen soll. Zum Vergleich: Die Erneuerung des Allerwehres in Bannetze erforderte eine Unterwasserbetonsohle von rund 2000 Kubikmetern.

Schluckvermögen zehnmal so hoch wie üblich

Redenius: „Das hier geplante 500 kW Stahl-Hochleistungswasserrad mit einem Durchmesser von elf Metern besitzt mit 60 Kubikmetern pro Sekunde das zehnfache Schluckvermögen gegenüber klassischen Wasserrädern. Viele der dafür notwendigen maschinenbaulichen Komponenten sollen aus zum Teil neu- und weiterentwickelten Produkten aus dem Portfolio der Salzgitter AG erstellt werden.“

Die Aller fließt schnell, aber fast geräuschlos über das abgesenkte Wehr, Aggregate brummen, die Betonpumpe arbeitet nahezu ununterbrochen. Der Kontroll-Laser bewirkt gelegentlich ein helles Piepen. Planmäßig ist die Arbeit in zehn Stunden erledigt. Der frühe Start ermöglicht einen Zeitpuffer nach hinten.

Fast im sechs Minuten Takt bewegen sich die Betonmischer über den matschigen Weg entlang des 75 Hektar großen Naturschutzgebietes Hornbosteler Hutweide, auf dem seit 2009 Heckrinder und Przewalski-Pferde die Landschaft naturnah und kostengünstig pflegen. Nach hier, am Ostufer der Aller, liefern drei Betonwerke aus der Umgebung das Material. Jedes Fahrzeug ist mit rund zehn Kubikmetern breiig-flüssigem Unterwasserbeton beladen. Nach einer kurzen Rückwärtsfahrt docken die Betontransporter auf Weisung eines Kollegen nacheinander an die Pumpe an, in die der Beton geschüttet wird.

Über einen rund 20 Meter langen Rüssel wird der Baustoff präzise an die Stelle gepumpt, an der er gebraucht wird: Unter das Wasser in die Baugrube – bei ständigen Kontrollpeilungen mit Laser. Rote und grüne Lämpchen signalisieren den Experten auf dem schwimmenden Ponton die jeweilige Stärke der Unterwasserbetonsohle.

Taucher müssen unter Wasser alles abtasten

Zudem kontrolliert ein Tauchteam während der gesamten Einbauzeit den Betonanschluss. Der Industrietaucher reinigt außerdem die Baugrund-Oberfläche von Fremdkörpern. „Wir haben schon Eichenbalken des alten Holzwehres, das vor Jahren abgebaut wurde, sichergestellt“, beschreibt Redenius den Einsatz des Tauchers, der als Spezialist aus dem Emsland auf die Baustelle gekommen ist. „Der sieht unter Wasser nichts, sondern er muss alle Fremdkörper mit den Händen ertasten und einsammeln.“ Fremdkörper wären echte Schwachstellen für die Haltbarkeit der Betonsohle. „Der Baugrund muss komplett sauber sein.“

Die Sohle für das Stahlwasserrad wird 140 Zentimeter dick. Auftriebspfähle wurden vorher eingepresst, damit das Fundament dem Druck des Grundwassers standhalten kann, denn die Unterwasserbetonsohle dient
einerseits der Abdichtung gegen Grundwasser und gleichzeitig als Gründung. Dabei wurde die Sohlendicke aus der Differenz der Wasserspiegel innerhalb und außerhalb der Baugrube ermittelt. Redenius: „Es ist einfach so: Bei höheren Wasserspiegeldifferenzen bietet sich eine Auftriebssicherung mit Erdankern an.“

Der Allerpegel am Wehr bei Stromkilometer 38,3 zeigt heute 337 Zentimeter. Die benachbarten Wiesen sind überflutet, obwohl das Wasser nicht angestaut wird. Nebenan spritzen die LKW-Fahrer ihre entleerten Betonmischer mit einem scharfen Wasserstrahl ab, damit sie die Rückfahrt zum Betonwerk antreten können.

Hier läuft momentan die Endphase des „Bauloses 1“ des auf elf Millionen Euro kalkulierten Gesamtprojektes. Baulos 1 hat ein finanzielles Volumen von rund 1,8 Millionen Euro.

Anlage soll 2,5 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen

„Gelingt die erhoffte technische Umsetzung von universitärer Forschung zum Industriemaßstab, lässt sich langfristig eine grundlastfähige, CO2-freie Schlüsseltechnologie mit netzstabilisierender Funktion im Bereich der erneuerbaren Energien in Deutschland einführen“, sagt Seidel. Die erwartete Jahresstromproduktion der Forschungswasserkraftanlage beläuft sich auf 2,5 Millionen Kilowattstunden. „Damit können etwa 1000 Drei-Personen-Haushalte im Umland ganzjährig mit grünem Strom versorgt werden. Außerdem können wir rund 2500 Tonnen CO2 pro Jahr gegenüber Kohlestrom einsparen.“

Nach dem Aushärten des Unterwasserbetons wird die Grube für die Dichtigkeitsprüfung gelenzt. Redenius: „Wir werden gleich zu Beginn des neuen Jahres das gesamte Baufeld räumen und die Baustelle sichern.“ Dazu gehört auch, dass die Rampe zwischen Wehr und Zuwegung auf der Hornbosteler Seite für die Radfahrer zwischen Bannetze und Hornbostel wieder passierbar hergestellt wird. „Dann können die Radler endlich wieder die Aller an dieser Stelle überqueren und müssen keine Umwege in Kauf nehmen.“

Danach wird mindestens ein halbes Jahr vergehen, bevor wieder Leben auf die Baustelle einzieht, um das nächste Baulos in Angriff zu nehmen.

Indes herrscht Katerstimmung in Bannetze, denn die Gemeinde Winsen hat sich von dem Plan distanziert, das seit Jahren leerstehende Schleusenhaus hinter der Allerinsel zu kaufen. Zu marode sei das Haus geworden, da die Eigentümerin, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, trotz dringender Appelle aus Winsen keinerlei Unterhaltungsaufwendungen vorgenommen hat. In dem Haus hätte unter anderem ein Infopoint zu dem Wasserrad eingerichtet werden können. Somit wird es schwerfallen, das angedachte Projekt Tourismus-Knotenpunkt Bannetzer Schleuse mit dem weltweit einzigartigen Wasserrad zu realisieren. Als eine interessante Attraktion für die Fahrgastschifffahrt und für den Tourismus bezeichnete der Bannetzer Heimatpfleger Harry Fricke den Bau des Wasserrades. Er hoffte gleichzeitig auf den Erhalt des historischen Schleusenhauses, für den sich auch die Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann eingesetzt hatte. Vergeblich.

Projektleiter Christian Seidel ist indes von dem Fortschritt der Betonierungsarbeiten an der Baugrube begeistert: „Das ist echt ein erhebender Moment, zu sehen, wie der Beton in die Sohle für das Wasserrad eingebracht wird. Wir haben’s geschafft.“

Lothar H. Bluhm Autor: Lothar H. Bluhm, am 02.01.2018 um 13:39 Uhr
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