Geständnisse im Prozess nach Schuss auf Autohändler in Wietze

Erster von 16 Prozessterminen: Einer der beiden Angeklagten wird in den Verhandlungssaal des Lüneburger Landgerichts geführt. Foto: Philipp Schulze

Im Prozess um den Schuss aus einer Maschinenpistole auf einen Autohändler in Wietze haben die beiden Angeklagten am Montag die Vorwürfe im Kern eingeräumt. Den 20 und 41 Jahre alten Männern wirft die Staatsanwaltschaft in der Verhandlung am Landgericht Lüneburg außer versuchtem Mord auch einen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und gefährliche Körperverletzung vor. Das Opfer hatte die Attacke vom vergangenen Juli dank einer Notoperation überlebt.

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WIETZE. Der jüngere Angeklagte gestand in einer von seinen beiden Anwälten verlesenen Erklärung, mit der Waffe auf den 47-Jährigen in dessen Geschäft geschossen zu haben, um ihn zu töten. Laut Anklage soll der damals 19 Jahre alte Ezide – ein in Celle geborener Kurde mit deutscher Staatsangehörigkeit – wegen der Liebesbeziehung seiner Schwester mit dem Nicht-Eziden aus gekränkter Familienehre gehandelt haben. Das bestritt der 20-Jährige in seiner Erklärung. Die Tat habe nichts mit dem Glauben zu tun, er habe vielmehr „aus falsch verstandener Sorge“ um seine angeblich psychisch labile Schwester gehandelt. Außerdem habe er zuvor Drogen und Alkohol konsumiert. Es sei kein versuchter „Ehrenmord“, ein Zusammenhang mit dem Glauben „abwegig“.

Der 20-Jährige soll nach Darstellung von Staatsanwältin Kristina Winter am 23. Juli vergangenen Jahres gegen 23 Uhr bei dem US-Car-Händler um Einlass und ein persönliches Gespräch gebeten haben. Plötzlich soll die Situation eskaliert sein. Der Tatverdächtige soll in einem unbeobachteten Moment mit einer Maschinenpistole hantiert und abgedrückt haben. Die Kugel bohrte sich in die obere Brusthälfte des Autohändlers. Der Schütze soll seinem Opfer die Waffe an den Kopf gehalten und fünfmal abgedrückt haben. Wegen eines technischen Defekts habe sich kein Schuss mehr gelöst.

Der 41 Jahre alte Mitangeklagte, ein Angestellter des Opfers, nannte es in seiner Aussage „lächerlich“, dass es nicht um den Glauben gegangen sei. So habe auch ein anderer Bruder gedroht, die Schwester und ihren Partner zu töten, weil der nicht Ezide und kein Kurde sei. „Mitwisser würden auch dafür bezahlen“, habe es geheißen, er sei in Anrufen ebenfalls mit dem Tode bedroht worden. Die Waffe will er daraufhin zwar unmittelbar vor der Tat bereit gelegt, aber die Patronen aus dem Magazin zuvor entfernt haben. Sein Chef habe seit März 2016 eine geheime Beziehung zu der Frau unterhalten und mit der Hotelfachfrau zahlreiche Reisen ins In- und Ausland unternommen. Das Paar lebte demnach in ständiger Sorge vor Repressalien.

Die Verhandlung machte deutlich, dass der 41-jährige Angestellte wohl schleichend zwischen die Fronten des Konflikts geriet. Mit den Beteiligten verband ihn eine Freundschaft. Spätestens als Brüder des Hauptangeklagten Rachegelüste äußerten und planten, dem Unternehmer etwas anzutun, übernahm er die Rolle eines Vermittlers. Demnach sollte es nur zu einer blutigen Schlägerei auf dem Firmengelände kommen. "Ich wusste, wo der Chef seine Waffen lagerte und holte die Pistole aus einem Versteck, entfernte die Patronen und legte sie auf den Tisch am Eingang. Dann drehte ich die Kameras auf dem Grundstück in eine andere Richtung, damit die Rauferei auf dem Grundstück niemand mitbekommt. Ein dummer Vorschlag." Wie sich trotz der angeblich entfernten Munition eine Kugel löste, bleibt rätselhaft.

Der 41-Jährige erhielt Stunden nach den Schüssen mysteriöse Anrufe: "Du wirst auch sterben. Dein Haus brennt nieder". Der Familienvater schnappte sich die im Haus aufbewahrte Maschinenpistole und vergrub sie hinter einem Grundstück an der Dea-Straße. Anschließend verschwand er mit Gattin und Kindern fluchtartig aus Wietze und stellte sich Stunden später bei der Polizei in Celle.

Eziden ist es verboten, Angehörige anderer Religionsgemeinschaften zu heiraten. In Deutschland leben rund 150.000 Eziden.

Der Autohändler ist Nebenkläger und sollte am Montag als Zeuge aussagen, blieb aber aus gesundheitlichen Gründen fern. Die Frau, um die es in dem Streit ging, hat er nach dem Angriff geheiratet, wie die Anwälte des Hauptangeklagten berichteten. Sie war als Zeugin geladen, berief sich aber auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht.

Der Prozess wird am kommenden Montag, 15. Januar, fortgesetzt. Dann sagen eine Reihe von Kripobeamten aus. Das Landgericht hat insgesamt 16 Termine angesetzt, das Urteil könnte am 16. März fallen.

Benjamin Reimers Autor: Benjamin Reimers, am 08.01.2018 um 17:47 Uhr
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