Nach Vorfall in Bannetze: Wie weit geht der Wolf noch?

Mit einem Hupkonzert hat Wolfgang Hartung am Sonntagvormittag einen Wolf verjagt, der zuvor die zweijährige Maria und ihren siebenjährigen Bruder Tom auf dem Alten Postweg in Bannetze angeknurrt haben soll. Der Jäger kam zufällig mit dem Auto vorbei und griff sofort ein, als er die Kinder und ihren Opa in Nähe des Raubtieres sah. Der Jäger glaubt, dass es sich um den gleichen Wolf handelt, den ein Bekannter in Jeversen fotografiert hat, als er am Gartenzaun umher streifte. "Die weiße Blesse ist auffällig – das muss der gleiche sein", sagt Hartung. Zuvor soll das Tier am Sonntagmorgen außerdem an der Langen Straße in Meißendorf von einer Anwohnerin durch Hupen vertrieben worden sein. Gibt es im Celler Westkreis einen neuen Problemwolf?

WINSEN. "Es ist eine Situation erreicht, in der man handeln muss", sagt Winsens Bürgermeister Dirk Oelmann. "Wir dürfen nicht warten, bis etwas passiert." Schließlich wisse man nicht, was ein Wolf mache, wenn sich ein Kind auf allen vieren in der Sandkiste bewegt. Auch kleine Hunde, die im Garten spielen, könnten vom Wolf angegriffen werden. "Der Wolf muss besendert und notfalls auch abgeschossen werden", sagt Oelmann.

Bis Mitte Februar soll nun eine Bürgerinformationsveranstaltung einberufen werden. Danach sollen konkrete Forderungen formuliert und an die Landesregierung adressiert werden. Der umweltpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Horst Kortlang, fordert nach dem Vorfall in Bannetze "endlich ein tragfähiges Konzept von der Landesregierung". "Wenn es jetzt aber sogar so weit kommt, dass Kinder von einem Wolf angeknurrt werden, ist eine Grenze weit überschritten. Es muss dringend gehandelt werden“, so Kortlang.

Der Celler Wolfsberater Volkhard Pohlmann hält es zwar für "nicht normal, dass ein Wolf durch die Ortschaft läuft", sieht aber derzeit noch keine Gefahr durch die Beutetiere für den Menschen. "Die Wölfe haben genug zu fressen", sagt Pohlmann, der aber überzeugt ist, dass Wölfe schon bald bejagt werden müssen. Er wundert sich, dass die Fachleute aus Finnland, Norwegen und Schweden zwar zu Vergrämungsmöglichkeiten befragt, ihre Erfahrungen mit dem Wolf aber ignoriert werden. In Skandinavien werden die Tiere bejagt. "Wenn in Schweden ein Problemwolf auftaucht, wird schnell gehandelt und das Tier entnommen", sagt Pohlmann.

Ein Knurren sei sowohl beim Hund als auch beim Wolf ein Hinweis, sich besser nicht zu nähern, sagt die Pressesprecherin des Wolfsbüros Bettina S. Dörr. Zwei Biologinnen seien gestern in Bannetze gewesen, um dem Vorfall nachzugehen. "Nach Abschluss der Recherche wird festgelegt, ob und welche Maßnahmen eventuell ergriffen werden", so Dörr, die betont, dass "Kinder ebenso wie Erwachsene von Wölfen als Menschen wahrgenommen werden und deshalb nicht zum Beutespektrum von Wölfen gehören".

Die Begegnung eines Wolfes mit zwei Kindern am Sonntag ist das Gesprächsthema in Bannetze und Umgebung. Es spaltet die Dorfbewohner in mehrere Lager. Während einige ruhig bleiben und abwarten wollen, ist gerade unter vielen Eltern und Hundebesitzern die Sorge groß, dass es irgendwann zum "großen Knall" kommt. „Bis jetzt ist noch nichts passiert, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Warum sollte der Wolf denn abgeneigt sein, auch einen Menschen anzufallen, ist ja schließlich auch Beute?“, sorgt sich Familienvater Florian Gierke.

Auch Renate Bauer (Name von der Redaktion geändert) ist überzeugt, dass der Wolf schon bald Menschen anfällt, wenn man ihm nicht den Garaus macht. „Die Wölfe müssen geschossen werden, damit sie wieder Angst vor dem Menschen haben", ist Bauer überzeugt. Sie hofft, dass die Politik nach dem Vorfall in Bannetze endlich aktiv wird, ehe es zu spät ist.

Für die Meißendorferin Erika Plumhof ist der Wolf hingegen kaum ein Thema. Sie geht jeden Tag mit ihrem Hund mindestens dreimal im Wald spazieren und hat bisher noch nie einen leibhaftigen Wolf zu Gesicht bekommen. „Überall im Dorf sehen sie den Wolf, aber ich habe ihn noch nie im Wald gesehen“, wundert sich die 67-Jährige. Auch Elke Schmidtmer geht regelmäßig mit ihren drei Hunden spazieren und hat in zehn Jahren gerade einmal einen Wolf gesehen. „Da hab ich mehr Angst, dass mir ein Wildschwein begegnet“, gibt sie lachend zu.

Ganz anders sieht es da bei Hundebesitzerin Kerstin Ahlden und ihrer Freundin Gesine Müller aus. Beide Frauen sind unsicher, wo „das alles noch hinführen soll“.„Die Wölfe gehen ja auch über Zäune und verursachen für die Schäfer große Schäden", sagt Gesine Müller und Kerstin Ahlden ergänzt: „Der Wolf kann sich nicht einfach so ungehindert weiter vermehren. Schließlich sind wir ja hier nicht in Sibirien.“ Ahlden sitzt immer noch die Begegnung mit einem Wolf aus dem vergangenen Jahr in den Knochen. Seitdem geht sie ganz anders durch den Wald. „Einige Wege traue ich mich gar nicht mehr zu gehen. Ich weiß ja nicht, zu was so ein Tier fähig ist und ob die einen als Risiko oder Beute sehen“, erzählt die 49-Jährige. Keiner, der einen Hund hat, gehe noch gerne in den Wald. „Ich fühle mich total eingeschränkt“, beklagt sich Ahlden.

Die Bannetzerin Anja Müller lässt sich hingegen von den Wolfssichtungen weder verunsichern noch einschränken und geht jeden Tag mit ihrer Hündin Püppi kreuz und quer im Wald spazieren. "Natürlich ist die Geschichte mit den Kindern jetzt eine ganz andere Hausnummer", räumt Müller, die selbst einen dreijährigen Enkel hat. Angst habe sie allerdings nicht und werde auch in Zukunft weiterhin mit ihrer deutschen Dogge Waldspaziergänge unternehmen. „Ich will mich von niemandem, auch nicht dem Wolf, so in die Enge treiben lassen, dass ich mich nicht mehr aus dem Haus traue. Der Wald gehört doch auch uns“, sagt die 53-jährige Müller.

Audrey-Lynn Struck und Christopher Menge Autor: Audrey-Lynn Struck und Christopher Menge, am 30.01.2018 um 11:26 Uhr
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Sieben Stufen, bis der Mensch zur Beute wird

Der emeritierte Professor Valerius Geist hat sich mit dem Verhalten des Wolfes im sogenannten Eskalationsmodell beschäftigt. Der 1938 in der ehemaligen UdSSR geborene Biologe, der an der Universität Calgary in Kanada lehrte, beschreibt dabei sieben Stufen von starker Scheu bis hin zu Angriffen auf den Menschen. Zuletzt gab er der Böhme-Zeitung ein Interview, nachdem ein Wolf durch die Walsroder Innenstadt gelaufen war. Die sieben Stufen: Das Wild weicht dem Wolf aus und rückt näher an Besiedlungen heran. (Ist in Deutschland aufgrund der dichten Besiedlung kaum feststellbar) Wölfe nähern sich nachts den Ortschaften auf der Suche nach Beute. Die Wölfe erscheinen auch tagsüber und beobachten die Menschen. Kleinvieh und Haustiere, zum Beispiel Hunde, werden in der Nähe von Häusern auch tagsüber angegriffen. Die Aktionen der Wölfe werden immer dreister. Herden können auch nahe der Häuser und Scheunen getötet werden. Großvieh wird angegriffen. Wölfe richten ihre Aufmerksamkeit auf den Menschen. Die Wölfe können zögernde, fast spielerische Attacken machen, indem sie beißen und an der Kleidung ziehen, an den Gliedern und am Körper zwicken. Sie ziehen sich zurück, wenn sie konfrontiert werden. Sie verteidigen getötete Beute, indem sie sich den Menschen zuwenden und sie anknurren und anbellen aus einer Entfernung von 10 bis 20 Schritten. Wölfe attackieren Menschen – zunächst noch sehr unbeholfen, weil sie es nicht gelernt haben. Ein Erwachsener kann einen Wolfsangriff abwehren. Gegen ein Rudel gibt es keine Chance.

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