Schüsse auf Autohändler in Wietze: Rätselraten um Motiv

Vor dem Landgericht Lüneburg läuft der Prozess um den Schuss auf einen Autohändler im Landkreis Celle. Foto: dpa (Symbolfoto)

Ein Autohändler wird in seinem Geschäft niedergeschossen, es geht um eine Liebesbeziehung. Er kann noch selbst einen Notruf absetzen und überlebt. Im Hintergrund soll laut Staatsanwaltschaft ein religiöses Motiv stehen. Es könnten aber auch Schiebereien oder ein Streit im Rocker- und Rotlichtmilieu sein.

LÜNEBURG/WIETZE. Dass der 20-jährige Angeklagte am 23. Juli vergangenen Jahres einen Wietzer Autohändler niederschoss und sein 41 Jahre alter Komplize die Tatwaffe, eine Maschinenpistole, auf einem Bistrotisch im Eingangsbereich unweit des Eingangs deponierte, erfuhren die Richter zum Auftakt der Mammutverhandlung am Lüneburger Landgericht. Im Zentrum des Prozesses um versuchten Mord kursieren zahllose Gerüchte um das Motiv.

Hat der Heranwachsende aus Sorge um seine Schwester rot gesehen? Spielte gekränkte Ehre eine Rolle, weil die Familie nur einen kurdischstämmigen Partner für die Tochter akzeptierte? Gerieten die Beteiligten wegen Schiebereien mit Luxusautos nach Russland in Streit? Dieser Hinweis gelangte durch einen Gefängnisinsassen zur Akte. Oder läuft hinter den Kulissen ein Kräftemessen, das ins Rocker- und Rotlichtmilieu hineinreicht?

Am dritten Verhandlungstag stand ein 53-Jähriger im Zeugenstand. Die List, unwichtige Details darüber, dass die Beschuldigten bei dem US-Car-Händler ein- und ausgingen, wiederholt zu schildern, sorgte für Irritationen. Der Vorsitzende Richter insistierte und begann aus seinen Papieren vorzulesen. In den Tagen nach dem Anschlag seien hochwertige Limousinen durch den Ort gefahren. Angeblich Schaulustige, listete das Protokoll auf. Gegenüber der Kripo hatte der als Hausmeister tätige Zeuge berichtet, dass ihn plötzlich auf der Landstraße bei Ovelgönne mehrere Autos verfolgten. Vor Gericht ruderte der Mann zurück: „Da bin ich nie lang gefahren. Die Staatsmacht hat das übertrieben dargestellt.“ Vieles in dem Prozess bleibt bislang dubios.

Auch ein Fleischermeister aus dem Umfeld des Opfers war am dritten Verhandlungstag als Zeuge geladen. Der Mann aus Hannover mühte sich nach Kräften, den Frageansturm angemessen zu bewältigen. Mitten in der Nacht rief jemand an und teilte ihm von den Geschehnissen in Wietze mit. Der Mann holte einen Bekannten ab und raste nach Celle. Vor der Intensivstation trafen in den frühen Morgenstunden immer mehr Anteilnehmende ein. „Das ist alles ein falscher Film hier. Also wenn Sie mich fragen, warum das alles passiert ist, da haben sich einige wie im Wilden Westen verhalten.“ Am Krankenbett sei nicht über den Schützen und sein mögliches Motiv gesprochen worden.

Je länger die Befragung dauerte, desto ungehaltener wurde der Richter. „Schöne Geschichte“, echauffierte er sich. Ein polizeilicher Vermerk hielt die Szene fest. „Personen aus dem Rockermilieu trafen nach und nach vor dem Krankenhaus ein.“ Darauf angesprochen geriet der 41-Jährige ins Schwitzen, zeichnete nach kurzem Überlegen ein positives Charakterbild seines Kumpels und bestritt, dass er bei den martialisch auftretenden Kuttenträgern mitmischt.

Am 10. November 2017 verbuchten die Fahnder den lang ersehnten Erfolg. Polizeispürhund „Hexe“ gelang es, die Tatwaffe tief verbuddelt und verpackt in einer Edeka-Tüte im Waldboden unweit des Tatortes zu erschnüffeln. Dass es seine eigene Waffe war, die den Unternehmer schwer verletzte, offenbart, wohin das illegale Wettrüsten führt. Laut einem Gutachter des Bundeskriminalamtes war die Pistole als „unbrauchbar“ gelistet. Wer sie in Funktion setzte, blieb unklar.

An dem Wietzer Fall wird ein Phänomen deutlich, das Strafverfolgern immer größere Sorgen bereitet. Deaktivierte Feuerwaffen werden durch Wiederbrauchbarmachen in kriminellen Kreisen zu einer lukrativen Einnahmequelle. Mitte Februar geht der Prozess weiter. Die Lüneburger Strafkammer muss auf dem Weg zu einem Urteil noch viele Hindernisse beiseite räumen.

Benjamin Reimers Autor: Benjamin Reimers, am 05.02.2018 um 19:01 Uhr
Druckansicht

LESER-FEEDBACK »
Keine Kommentare vorhanden
WEITERE THEMEN »

Film- und TV-Branche feiert Goldene Kamera

Hamburg (dpa) - Ein wenig Glanz aus Hollywood, viel Prominenz aus Deutschland: Bei einer Gala in Hamburg hat die Film- und Fernsehbranche am Donnerstagabend die Verleihung der Goldenen Kamera gefeiert. ...mehr

DFB: Vorerst keine Strafen nach Protesten bei Montagsspiel

Frankfurt/Main (dpa) - Nach den massiven Fanprotesten beim Montagabendspiel zwischen Eintracht Frankfurt und RB Leipzig wird der Deutsche Fußball-Bund vorerst keine Ermittlungen einleiten oder Strafen verhängen. Das betonte DFB-Vizepräsident Rainer Koch in einer Erklärung. ...mehr

Rückenwind aus gesamter Union für Kramp-Karrenbauer

Berlin (dpa) - Die künftige CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer kann mit Rückenwind der gesamten Union ins neue Amt starten. ...mehr

US-Sonderermittler Mueller klagt 13 Russen an

Washington (dpa) - US-Sonderermittler Robert Mueller hat 13 Russen wegen des Versuchs angeklagt, die Präsidentschaftswahl 2016 in den Vereinigten Staaten beeinflusst zu haben. ...mehr

Stars feiern 60. Geburtstag mit Ellen DeGeneres

Los Angeles (dpa) - Mit einem großen Staraufgebot hat Moderatorin Ellen DeGeneres ihren 60. Geburtstag nachgefeiert. Bei der Party am Samstag in Beverly Hills ließen sich zahlreiche Prominente in einer eigens dafür aufgestellten Fotobox ablichten, wie US-Medien übereinstimmend berichteten. ...mehr

Merkel geht in die Offensive: Regiere volle vier Jahre

Berlin (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will bei einer Zustimmung der SPD-Mitglieder zu einer großen Koalition volle vier Jahre im Amt bleiben. ...mehr

Unterlüßer Rheinmetall-Mitarbeiter zum Whistleblowing aufgerufen

Illegale Rüstungsexporte, Aufbau von Standorten in Krisen- und Kriegsgebieten sowie Korruption bei der Geschäftsanbahnung: Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die Hermann Theisen aus Hirschberg an der Bergstraße (Baden-Württemberg) gegen Rheinmetall erhebt. Er hat alle Mitarbeiter des Rüstungskonzerns… ...mehr

Event-Cooking in Celle: Fein ausgehen in den Einkaufsmarkt

Koch Marcel Weiland hat am Mittwochabend die Gäste bei "real" begeistert. Ob Salat-Variation an Himbeer-Vinaigrette und Ziegenkäse-Taler oder heiße Ananas an Erdbeer-Fruchtsecco-Creme, er erklärte in für jeden verständlicher Weise. ...mehr

Anzeige
E-PAPER »
24.02.2018

Cellesche Zeitung

Die vollständige Ausgabe der CZ in digitaler Form mit Blätterfunktion.

» Anmelden und E-Paper lesen

» Jetzt neu registrieren

THEMENWELT »
AKTUELLES »

Deutsches Eishockey-Team verpasst das Olympia-Wunder

Pyeongchang (dpa) - Erst nach dem Partybefehl von Marco Sturm verflog beim deutschen Olympia-Wunderteam…   ...mehr

Grabeskirche in Jerusalem aus Protest geschlossen

Jerusalem (dpa) - Aus Protest gegen ein Gesetzesvorhaben und Steuerforderungen Israels haben Kirchenoberhäupter…   ...mehr

Neue Anklage gegen Trumps Ex-Berater

Washington (dpa) - Die US-Demokraten haben in einem Memorandum republikanischen Vorwürfen widersprochen,…   ...mehr

Nürnberg 0:0 in Bochum - Kiel verliert

Düsseldorf (dpa) - Der 1. FC Nürnberg kommt der Rückkehr in die Erstklassigkeit Schritt für Schritt…   ...mehr

Beamtenbund fordert bessere Gehälter im öffentlichen Dienst

Berlin (dpa) - Vor dem Start der Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst pocht der Beamtenbund…   ...mehr

Tausende erinnern an ermordeten russischen Oppositionellen

Moskau (dpa) - Mehrere tausend Regierungskritiker in Russland haben an diesem Sonntag an den vor drei…   ...mehr

Wie weit rückt Italien nach rechts?

Mailand/Pioltello (dpa) - «Hoffnungsträger für Italien» nennen ihn seine Anhänger. Matteo Salvini,…   ...mehr

Boris Becker berät Zverev - Aber keine Dauerlösung geplant

Kamen (dpa) - Wenn Alexander Zverev in dieser Woche beim Turnier in Acapulco aufschlägt, muss die deutsche…   ...mehr

Nordkorea angeblich zu Gesprächen mit den USA bereit

Pyeongchang (dpa) - Trotz der neuen Sanktionen ist Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un nach südkoreanischen…   ...mehr

Kühnert: Bei Nein zur GroKo Minderheitsregierung möglich

Erfurt (dpa) - Der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert rechnet bei einem möglichen Scheitern der…   ...mehr
SPOT(T) »

Zufallsfund

Sehr geehrte Türkei! Heute haben wir bei uns in der Redaktion die alten Bücherregale… ...mehr

Lima-Faktor

Erst musste ich lachen – aber dann hat es mich eigentlich gar nicht so sehr… ...mehr

Interna

Vordergrund macht Bild gesund. Niemals zu lange Bandwurmsätze schreiben. Es… ...mehr

VIDEOS »
FINDE UNS BEI FACEBOOK »
Datenschutz Kontakt AGB Impressum © Cellesche Zeitung Schweiger & Pick Verlag Pfingsten GmbH & Co. KG