Freiraum ohne Männer in Celle: Beste Stimmung beim Weiberfasching

Foto: Oliver Knoblich

Es gibt schon ein ganz besonderes Bild, wenn rund 60 von 150 Frauen zur Weiberfastnacht auf einer Tanzfläche zusammengepresst ihr imaginäres Lasso in der Luft schwingen und sich gegenseitig – mit musikalischer Unterstützung – dazu auffordern, gemeinsam „Cowboy und Indianer“ zu spielen.

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Auch die Liedzeile „Zieh dich aus, kleine Maus – mach dich nackig“ könnte in anderem Kontext satten Ärger heraufbeschwören … nicht zu reden von den Ausführungen des Amerikanischen Gastprofessors über den „Homo“ – also den Menschen – und explizit die Typeneinordnung der „Busentos“. Stattdessen wird darüber herzlich gelacht. Es herrscht eben Stimmung beim Weiberfasching in St. Hedwig – ein Freiraum ohne Männer, wo man sich so manche Schote und derbe Anspielung ganz gefahrlos erlauben darf. Man ist ja unter sich!

Wie „alle Jahre wieder“ haben fleißige Helfer den Gemeindesaal an der Marienwerder Allee liebevoll für dieses Veranstaltungs-Highlight mit jahrzehntelanger Tradition geschmückt. Getränke gibt’s zu sehr moderaten Preisen an der Theke, für das leibliche Wohl sorgen die Gäste selbst. Mit ein paar Nüsschen und Chips ist es da nicht getan. Fürs richtige Feiern braucht es schließlich eine ordentliche Grundlage – also zumindest Brot, Wurst und Käse. Und weil Frauen sich ja mit Vitaminen auskennen, ergänzen die malerischen Tupperschüssel-Buffets auch Näpfchen voller Tomaten, Gurken, Paprika und Möhrchen. Auch ich und „meine Mädels“ hatten uns, mit dem Fresskorb bewaffnet, in die Warteschlange vor dem Einlass gestellt und einen Platz erobert – hier muss man sehen, wo man bleibt.

Apropos Schlange: Zwischen der wirklich herrlichen Einlage der zum zweiten Frühling erblühenden Seniorentanzgruppe und einem super mitsingtauglichen Abba-Tanz-Medley animiert der DJ (abgesehen vom Fotografen und dem Hausmeister der einzige Mann, der heute hier geduldet ist) die Truppe immer wieder auch mal zur Polonaise. Also zieht sich ein buntgemischter Bandwurm von an den Schultern gefassten Närrinnen durch den Saal. Vor mir meine Freundin Gretel als Clown und hinter mir Zirkusdirektorin Caroline ziehe ich mit, tauche tief durch schier endlose Tortunnel aus gehobenen Händen, um am Ende selbst ein Stück Tor zu bilden – meine Teufelchenshörner sind dabei etwas hinderlich. Die Hexe in meinem Gefolge hat es da noch schwerer mit ihrem Zauberhut.

Nach der Eroberung eines Sitzplatzes gilt es erst mal, das Terrain zu sondieren: Schräg vor uns sitzt eine ganze Gruppe von Mädels frisch aus dem Wellnessbereich: Saunatücher, Frotteeturbane, Quietscheentchen auf dem Kopf und jede Menge weißer Schaumbläschen aus Miniluftballons (mein Gott, was für eine Arbeit). Zwei Tischreihen weiter machen sich ein paar dickbäuchige „Herren“ im besten Mannesalter mit Schnurrbart breit, was eine Vortäuschung falscher Tatsachen ist –übrigens hat da eine(r) der Badegesellschaft samt wattiertem Sixpack noch einiges mehr zu bieten, wenn sie den Morgenmantel öffnet. Ein großes Hallo der bestens gelaunten Gemeinschaft ist jeder verrückten Verkleidungsidee sicher.

Gut, wenn man „so unter sich“ anziehen kann, was man möchte. Da gehen die alltäglichen Bedenken um die diversen „Problemzonen“ einfach mal flöten. „Morgen wieder“, meint Margot, die sich eigentlich seit Neujahr einer strikten Diät unterwirft. Bikinifigur ist heute egal, und mehr noch, da wird bei so Mancher extra was dazugemogelt – von der wallenden Haartracht über Oberweite und Körpermitte bis zu den Bärentatzen. Auch ich hab mich, nach einigem Rätseln ums passende Outfit, mit Hörnchen bekränzt und in ein ausladendes rotes Tüll-Teil gesteckt – plus passenden Sneakers. Schließlich will ich mittanzen, hopsen, trampeln, solange ich Lust habe, und nicht vorzeitig von höheren Hacken schmerzhaft ausgebremst werden.

Zwischen Büttenreden, Vorführungen und freiem Tanzen wird es dann einen Moment lang mal ernst und bedeutend: „Mia“ und dann auch „Ursel“ werden auf die Bühne gebeten und mit ordentlich großer „ultimativer Lobhudelei“ und einem besonderen Orden für 50 Jahre treue Mitgliedschaft und ganz viel Engagement im Faschingsverein geehrt. Eine Überraschung, die vielerseits echte Rührung in die Augen treibt – und eine wirklich satte, kreischende „Rakete“ des Narrenvolks neben tosendem Applaus verdient hat.

Dann wird wieder eingetaucht in die Superparty. Unter Charleston-Gangs und Hippie-Girlies, Landeier und freche Früchtchen, Frühreife und Langschläfer mischen sich Individualisten, Freundinnenpulks und ganze Gruppen in immer wieder neuen Zusammensetzungen auf der Tanzfläche und zwischen den Bankreihen. Es wird gelacht, mitgesungen, kräftig angestoßen und mitgemacht: „Die Hände zum Himmel“, Einhaken zum Schunkeln, auf zu Makarena und YMCA – nichts kann heute lustig und albern genug sein. „Atemlos“ ist nicht nur musikalisch ein wiederholter Zustand. Hier wollen alle das Gleiche: jede Menge Spaß. Und wo Orient so friedlich auf Okzident trifft, Indianer mit Kätzchen tanzen und Polizisten mit Bankräubern, ist die Welt für ein paar Stunden mehr als in Ordnung.

Doris Hennies Autor: Doris Hennies, am 10.02.2018 um 08:25 Uhr
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