Vincents Traum: Van Gogh und die japanische Kunst

Vincent van Gogh, Die Kurtisane (nach Eisen), Oktober-November 1987. Foto: Jeroen Jumelet Foto: Jeroen Jumelet

Amsterdam (dpa) - Der Mandelbaum ragt mit seinen zart-rosa Blüten an knorrigen Ästen in den strahlend türkis-blauen Himmel. Es ist ein Symbol für den Frühling, für neues Leben.

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Vincent van Gogh (1853-1890) malte die «Mandelblüte» 1890 kurz vor seinem Tod. Es war ein Geschenk für seinen Bruder Theo zur Geburt von dessen Sohn. Das berühmte Gemälde ist auch ein typischer «japanischer Vincent». Die Blüten, der farbenfrohe Hintergrund und die ungewöhnliche Perspektive nach oben weisen unverkennbar auf japanische Vorbilder.

Japan war Vincents Traum, sein Ideal, sagt der Direktor des Van Gogh Museums, Axel Rüger. Die japanische Druckkunst prägte den niederländischen Maler nicht nur, sie veränderte seine Kunst entscheidend. «Es gibt eine stilistische und vielleicht auch eine Seelenverwandtschaft», sagte Rüger bei der Präsentation der Ausstellung «Van Gogh & Japan», die vom 23. März bis zum 24. Juni zu sehen ist

Über den Einfluss japanischer Kunst auf das Werk des niederländischen Malers ist viel geschrieben worden. Doch noch nie gab es eine so umfassende Ausstellung zu dieser «Seelenverwandtschaft». Gut 60 Gemälde und Zeichnungen von Van Gogh - darunter viele internationale Leihgaben - hängen nun in den Räumen im «japanischen Anbau» des Amsterdamer Museums. Und mit ihnen gut 40 japanische Drucke, die den Maler einst so berührt hatten.

Angefangen hatte alles in Paris 1886. Van Gogh, der zuvor eher dunkle holländische Landschaften und das Bauernleben gemalt hatte, erlebte dort den Japan-Hype. Nicht nur die Beau Monde war von der östlichen Magie betört und stillte ihre Sehnsucht mit allen möglichen Parafernalia wie Blumen, Vasen oder Stoffen. Auch die Künstler der Moderne waren überwältigt. Und Vincent van Gogh fand seine Muse.

Er sammelte gut 660 Drucke. Es sind Farbholzschnitte aus dem 19. Jahrhundert - nicht alle von bester Qualität, aber preiswert. Und er studierte sie eingehend. «Ich beneide die Japaner um die enorme Klarheit, die alle Dinge bei ihnen haben», schrieb er an seinen Bruder Theo. Die Liebe zu Japan ging bis zur Identifizierung, als er sich 1888 selbst als japanischen Mönch malte.

Der Niederländer geriet in den Bann der ungewöhnlichen Kompositionen, der Farbflächen, der Landschaften, der starken klaren Farben. Die Kunstform der Drucke, ukiyo-e, heißt soviel wie «flüchtige Welt», erklärte Nienke Bakker, die die Ausstellung mit zusammengestellt hat. Motive sind Geishas, Vögel, Blumen, elegante Damen in Kimonos, Landschaften.

Mehr noch als die Motive war es die exotische Darstellungsweise, die den Blick des Malers veränderten. «Nach einiger Zeit ändert sich deine Sichtweise, du schaust mehr mit einem japanischem Blick, du erfährst die Farben anders», so schrieb er seinem Bruder.

Um die Kunst besser zu durchdringen, malte Vincent drei Gemälde direkt nach japanischer Vorlage. Darunter «Kurtisane (nach Eisen)» (1887) - nach dem Titelblatt einer Pariser Illustrierten. Van Gogh lebte sich aus auf seiner bunten Palette und malte eine Frau im farbenfrohen Kimono und verzierte den Rahmen um sie mit Fröschen, Bambus und Seerosen.

Doch Malen nach Vorlage blieb die Ausnahme. «Van Gogh stellte keine Kopien her, er machte sich die japanische Kunst zu eigen», sagte Konservatorin Bakker. «Er schuf daraus seine eigene Kunst.» Sein Ziel war es, die Kunst nach japanischem Vorbild zu modernisieren.

Trotz seiner großen Faszination wollte der Maler nie selbst nach Japan reisen. Das war natürlich auch weit weg und eine Reise für ihn viel zu teuer. Es war auch nicht nötig. Denn 1888 fand er «sein Japan», wie er selbst sagte, in Arles, in Südfrankreich.

Die weiten Landschaften, klaren Farben, das helle Sonnenlicht, die Blumenfelder, Schwertlilien, Sonnenblumen, das Meer - das waren auch die Motive seiner japanischen Drucke.

In Van Goghs farbenfrohen Gemälden aus Südfrankreich erkennt man die japanischen Einflüsse - ob in Stillleben, Landschaften oder Porträts. Auf dem «Selbstporträt mit verbundenem Ohr» (1889) etwa, eine sehr seltene Leihgabe aus den USA, verewigt er seine Liebe sogar ganz explizit: Wir sehen den Maler, kurz nachdem er sich selbst bei einem psychotischen Anfall sein Ohr abgeschnitten hatte. Im Hintergrund hängt ein japanischer Holzschnitt an der gelben Wand.

von Annette Birschel, dpa Autor: von Annette Birschel, dpa, am 22.03.2018 um 13:38 Uhr
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