Gedenkfeier in Bergen-Belsen: Kinder singen für Befreier

Foto: David Borghoff

Am 21. April 1945 entstand in einer Waisenbaracke ein Lied, mit dem die Kinder, die die Qualen im Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt hatten, ihren Rettern dankten. „Hoch sollen sie leben, die Engländer“, heißt es in dem Musikstück, das nur sechs Tage nach der Befreiung des Lagers durch britischen Truppen aufgenommen wurde. Hetty Esther Verolme war eines der singenden Kinder, das die Engländer vor ihren Peinigern und dem sicher scheinenden Tod retteten. Am Sonntag kam sie zusammen mit 30 weiteren Überlebenden an den Ort zurück, an dem mindestens 600 Kinder starben. „Es waren die am meisten wehrlosen Opfer“, sagte der Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten Jens-Christian Wagner am Sonntag am 73. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager Bergen-Belsen.

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LOHHEIDE. Während Hetty Esther Verolme, die inzwischen in Australien lebt, am Montag den Schülern der Klasse 10b des Hermann-Billung-Gymnasiums Celle von ihren Erfahrungen berichten wird, erzählte Janine Marx-Moyse am Sonntag den Gästen der Gedenkfeier, was sie als Kind im KZ über sich ergehen lassen musste. „Bergen-Belsen bedeutet für mich Kälte, Hunger und Tod“, sagte die Überlebende. Nach knapp einem Jahr im KZ war sie noch am 10. April 1945 mit einem Zug aus Bergen-Belsen deportiert worden. Die „schreckliche Reise“ für die damals Achtjährige endete am 23. April im brandenburgischem Tröbitz, wo sie von Russen befreit wurden. „Auch dort hatten wir fast nichts zu essen“, sagte die französische Professorin. Eine nicht zu schwache Konstitution, geordnete Familienverhältnisse und ein starker Wille hätten ihr geholfen, den schwierigen Start in das weitere Leben zu meistern. „Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich Glück hatte.“

Viele andere hatten dieses Glück nicht. Der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne erinnerte daran, dass sich den Befreiern ein Bild des Grauens bot, als sie am 15. April das Lager befreiten. „10.000 nicht bestattete Leichen lagen im Gelände“, so Tonne. Dazwischen lebten 50.000 bis auf die Knochen abgemagerten Menschen, von denen noch 14.000 an den Folgen der Leiden im KZ starben.

Der Überlebende Ivan Lefkovits erinnert sich vor allem an den unbeschreiblichen Durst. „In den letzten Tagen hatten wir kein Wasser mehr“, sagt der heute 81-Jährige. In einer Sonderausstellung rückt die Gedenkstätte Bergen-Belsen erstmals umfassend das Schicksal von Menschen in den Mittelpunkt, die wie Ivan Lefkovits als Kinder in dem KZ eingesperrt waren. „Was mir in Erinnerung bleibt, sind die Feuerlöschbecken voller Wasser.“ Er war acht Jahre, als er aus dem Konzentrationslager befreit wurde und wog gerade mal neun Kilogramm. „In den Becken schwammen Leichen und Exkremente.“ Seine Mutter habe ihm streng verboten, daraus zu trinken. Andere hätten sich in ihrer Not daran nicht gehalten. „Sie sind gestorben.“ Der aus der Tschechoslowakei stammende Jude Lefkovits überlebte und machte später in der Schweiz Karriere als Biochemiker. Mit der Ausstellung, die gestern Nachmittag offiziell eröffnet wurde, will die Gedenkstätte den jüngsten Zeugen der NS-Verbrechen eine Stimme geben. Ein Thema, das bisher vernachlässigt wurde, so Kuratorin Diana Gring.

„Wir müssen den Bekenntnis-Charakter bei den Gedenkfeiern aufbrechen und uns inhaltlich mit den NS-Verbrechen auseinandersetzen“, betonte Wagner am Sonntag. Ziel sei es, auch die zu erreichen, die nicht hier sind. „Der erste Artikel unseres Grundgesetzes ,die Würde des Menschen ist unantastbar‘ war eine Antwort auf die NS-Verbrechen“, sagte Wagner. Das Wissen darüber müsse wieder stärker verankert werden, „gerade als Antwort auf den erstarkenden Nationalismus und Rechtspopulismus in Deutschland und Europa und als Antwort auf menschenfeindliche, rassistische Hetze“. Der Gedenkstättenleiter dankte den „demokratischen Parteien im Landtag“, dass sie das Stiftungsgesetz so geändert hätten, dass die AfD nicht vertreten sei.

Christopher Menge Autor: Christopher Menge, am 15.04.2018 um 17:45 Uhr
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