Zeitzeuge warnt an Berger Rampe: Hitlers Gift ist immer noch da

Gerd Klestad hat als Kind Bergen-Belsen überlebt. An der Rampe erzählte er von seinem Schicksal. Foto: David Borghoff

Für Gerd Klestadt ist an diesem Samstag vor allem eines wichtig: „Heute müsst Ihr, die Jugend von heute, kämpfen gegen den aufkommenden Rassismus, Rechtsextremismus, Rassenhass und Antisemitismus“, appelliert der Holocaust-Überlebende an die rund 100 Besucher, die sich zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor 73 Jahren auf der Verladerampe nahe des ehemaligen Camp Hohne eingefunden haben. Achtsam sein, nicht wegschauen, die Stimme erheben – das sei wichtig, ergänzt Elke von Meding, Vorsitzende der AG Bergen-Belsen. Am historischen Waggon, 2002 als Mahnmal an der Rampe aufgestellt, erinnert die AG jedes Jahr an das Schicksal der Menschen, für die dieser Ort zur Endstation wurde.

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LOHHEIDE. „Väter, Mütter, Geschwister – wir wollen heute mit Ihnen der Menschen gedenken, die Sie verloren haben“, sagt von Meding, denn unter den Anwesenden befinden sich an diesem Nachmittag auch einige Zeitzeugen, die als Kinder im Konzentrationslager Bergen-Belsen inhaftiert waren. „Viele von Ihnen mussten ohne die Geborgenheit einer Familie weiterleben – wer kann ermessen, wie schwierig das ist.“

Gerd Klestadt war ebenfalls noch ein Kind, gerade einmal elf Jahre alt, als er am 2. Februar 1944 auf der Verladerampe ankam. „Nach unserer Ankunft mit Befehlsgeschrei und Hundegebell verließen wir den Zug“, erinnert er sich. „Zuerst mussten die Leichen herausgeschafft und gezählt werden. Der Rest der Passagiere musste die sechs Kilometer zu Fuß ins Lager gehen.“ Gemeinsam mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder kommt Klestadt ins sogenannte „Sternlager“ – einen Lagerbereich für etwa 4000 Juden, die gegen Geld oder deutsche Kriegsgefangene ausgetauscht werden sollten. Die Familie durchleidet Kälte, Hunger, stundenlanges Appellstehen – im Februar 1945 stirbt sein Vater. „Jetzt hatte ich zwei Decken, zwei Löffel und zwei Fressnäpfe“, sagt der 85-Jährige, „und ein gebrochenes Herz.“

Am 7. April 1945 steht Klestadt ein zweites Mal auf der Rampe, wird zusammen mit Mutter und Bruder erneut in einen Waggon gepfercht und knapp eine Woche später bei Fallersleben von amerikanischen Truppen befreit. Die Frage, warum er überlebt habe, könne er bis heute nicht beantworten. „Vielleicht, um heute über einen Teil meines Lebens zu Ihnen sprechen zu können“, erklärt er. Die Erinnerung wachzuhalten, vehement gegen Rassismus anzugehen sei wichtig. „Die Nazis haben zwar den Krieg verloren, aber Hitlers Gift ist immer noch da.“

Christina Matthies Autor: Christina Matthies, am 15.04.2018 um 17:47 Uhr
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