Alt-68er Dieter Kunzelmann gestorben

Dieter Kunzelmann 2010 bei der Trauerfeier für Fritz Teufel in Berlin. Foto: Wolfgang Kumm Foto: Wolfgang Kumm

Berlin (dpa) - Seine eigene Todesanzeige gab er schon vor 20 Jahren auf: «Dieter Kunzelmann - 1939 -1998». Nicht nur über sein Leben, auch über seinen Tod habe er frei bestimmt, lautete die Trauerannonce in einem Berliner Blatt.

Im Januar 1999 tauchte der mit Haftbefehl gesuchte Politikaktivist dann aber leibhaftig in einer Talksendung auf. Zu seinem 60. Geburtstag wolle er «Wiederauferstehung» feiern und sich der Polizei stellen, kündigte er an.

Kunzelmann war der «Chefprovokateur» der 68er-Studentenbewegung mit dem großen Geltungsbedürfnis. Jetzt ist er im Alter von 78 Jahren in Berlin gestorben, wie sein früherer Anwalt Hans-Christian Ströbele am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur bestätigte.

Berühmtheit erlangte Kunzelmann vor allem von hinten: In einem legendären Foto steht er nackt mit dem Rücken zur Kamera zusammen mit Mitgliedern der Berliner Kommune 1 vor einer Wand. Mit langgestreckten Armen und gespreizten Beinen stellen die jungen Leute eine Razzia in Deutschlands berühmtester Wohngemeinschaft nach.

Der am 14. Juli 1939 in Bamberg geborene Sohn eines Sparkassendirektors hatte 1959 in Münchner Künstlerkreisen zunächst den deutschen Ableger einer «Situationistischen Internationalen» gegründet, eine an französischen Anarchisten angelehnte Widerstandszelle.

Im Sommer 1966 entschieden bei einem Treffen im oberbayerischen Kochel Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Kunzelmann, ihren Aktivismus auf Berlin zu konzentrieren. In der Kommune 1 wurde dann das Ende der bürgerlichen Kleinfamilie proklamiert. «Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment», lautete der Kampfruf. Aus der Kommune heraus wurden politische Aktionen organisiert, die Happenings etablierten Kunzelmanns Ruf als Bürgerschreck.

So entstieg Kunzelmann einmal am Rande des Staatsbegräbnisses für den früheren Reichstagspräsidenten Paul Löbe (SPD) einem Sarg mit der Aufschrift «Berliner Senat». Im April 1967 wurden Kommune-Mitglieder festgenommen, weil sie ein Sprengstoffattentat auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey in Berlin geplant haben sollten, was sich später als «Pudding-Attentat» entpuppte.

Kunzelmann, «ein Antiautoritärer par excellence», wie der Politologe Eckhard Jesse in der «Welt» schrieb, habe sich von zwei Entwicklungen mitreißen lassen: dem Terrorismus und einer maoistischen K-Gruppe. Nach einem Besuch bei der Al-Fatah-Organisation in Palästina, beschloss er mit anderen den Aufbau einer Berliner Stadtguerilla. Auf das Konto der «Tupamaros West-Berlin» gingen später Attentate mit Brandbomben.

Immer wieder äußerte Kunzelmann Sympathien für den Kampf der Palästinenser gegen Israel. Ausgerechnet am Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 legte die Gruppe 1969 eine Bombe vor das Jüdische Gemeindezentrum in West-Berlin. Wegen eines Fehlers explodierte der Sprengkörper nicht. Die Schäden wären verheerend gewesen.

1971 wurde Kunzelmann zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, 1975 kam er frei und wurde Spitzenkandidat der maoistischen KPD in Berlin-Reinickendorf. Er engagierte sich in der Hausbesetzerszene und saß für die Alternative Liste, Vorläufer der Grünen, von 1983 bis 1985 im Berliner Abgeordnetenhaus.

Nach einem Eierwurf gegen den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) 1997 wurde Kunzelmann zu elf Monaten Haft verurteilt. Doch er tauchte unter - und stellte sich erst im Juli 1999 der Justiz. Auch die Fahrt zum Gefängnis verwandelte er in ein Happening: Nach der Feier zum 60. Geburtstag im Szenetreff Mehringhof in Kreuzberg fuhr er mit der U-Bahn zum Gefängnis nach Tegel. Er klopfte an das Tor und sagte: «Ich will hier rein.» Dann öffnete sich die Tür. Kunzelmann trat ein.

Esteban Engel und Sascha Meyer, dpa Autor: Esteban Engel und Sascha Meyer, dpa, am 16.05.2018 um 17:52 Uhr
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