Im Storchen-Hauptquartier: Adebar wieder auf dem Vormarsch

Ein Storchen-Paar nistet im elsässischen Städtchen Munster. Foto: Violetta Kuhn Foto: Violetta Kuhn

Straßburg (dpa) - In diesem elsässischen Städtchen ist der Storch einfach überall. Zig Nester thronen auf dem Kirchendach. Vogelpaare brüten in Baumwipfeln, andere haben sich auf Schornsteinen niedergelassen.

Schilder warnen Autofahrer davor, unter den teils Hunderte Kilogramm schweren Nestern zu parken. Eine ganze Storchen-Armada stakst vor dem Ortseingang auf der Suche nach Fressbarem über eine Wiese.

Hier in Munster in einem Tal der Vogesen hat sich der einst fast verschwundene Vogel wieder breit gemacht - vielleicht etwas zu breit, wie Naturschützer fürchten.

«In Munster gibt es wirklich viele Störche», sagt Camille Fahrner, Mitarbeiterin der Vogelschutzorganisation «Ligue pour la Protection des Oiseaux» (LPO). Und nicht nur in Munster: Im gesamten Elsass sei die Population in den vergangenen Jahren stark gewachsen - was auch Probleme mit sich bringe.

Da ist auf der einen Seite der Mensch, dem der Storch teils auf die Nerven geht. Fahrner erzählt, dass immer mehr Elsässer ihre Organisation anriefen, weil sie nicht wüssten, was tun mit den Storchennestern auf ihren Dächern.

Dabei geht es nicht nur um lästige Kot-Spuren oder verstopfte Regenrinnen. Manche Leute hätten kein warmes Wasser mehr im Haus, weil die Heizanlage wegen des Nests auf dem Schornstein nicht mehr nutzbar sei, sagt Fahrner. Oder es drohe eine Kohlenmonoxid-Vergiftung der Hausbewohner.

Wirklich zu kämpfen haben aber eher andere Tiere mit der Invasion der weiß-schwarzen Vögel. Ein erwachsener Storch braucht täglich mindestens ein halbes Kilo Nahrung - meist sind das kleine Säugetiere wie Mäuse, oder aber Frösche, Kröten und Insekten.

Gefährlich kann der Storch dabei Arten werden, die selbst bedroht sind. Küken des Großen Brachvogels zum Beispiel - einst ein Markenzeichen des Elsass, heute sehr selten - fallen zunehmend dem langen, spitzen Schnabel des Allesfressers zum Opfer. «Der Storch übt Druck auf diese Art aus», sagt Fahrner.

Doch warum ist der Storch im Elsass überhaupt wieder so häufig, nachdem es im Jahr 1974 nur noch neun Paare in der Region gab? Sein Wiederaufstieg hat mit einer außergewöhnlichen Rettungsaktion zu tun. Storchen-Freunde haben im Elsass über Jahrzehnte vielen Tieren den Zug-Instinkt abgewöhnt, wie Munsters Bürgermeister Pierre Dischinger erzählt. Diese Vögel wurden jeweils drei Jahre lang in Volieren gehalten.

Die Folge: Sie fliegen im Winter nicht mehr gen Süden und sind damit weniger Gefahren ausgesetzt. Allein in Munster gebe es auch dank dieses Projekts wieder 20 bis 25 Nester, sagt Dischinger. Seinen Angaben nach ist das elsässischer Rekord. «Unsere Störche werden sogar in Reiseführern erwähnt.»

Doch nach Ansicht der Vogelschutzorganisation LPO haben es die Storchen-Freunde in ihrem Eifer etwas übertrieben. «Diese Technik, die sehr gut funktioniert hat, wurde zu lang beibehalten», sagt Camille Fahrner und mutmaßt, dass auch finanzielle Interessen dahintersteckten. Der 2017 aufgelöste Storchen-Verein habe die Tiere an Gemeinden verkauft - ein lukratives Geschäft.

Auch in Deutschland ist Adebar wieder auf dem Vormarsch, zumindest teilweise, wie der Nabu-Vogelexperte Lars Lachmann sagt. Durch Deutschland verlaufe die sogenannte Zugscheide. Westlich der Elbe und des bayrischen Flusses Regnitz lebten eher nach Westen ziehende Störche, östlich davon eher nach Osten ziehende.

«Die Oststörche haben es schwerer», sagt Lachmann. Deren Bestand sei höchstens stabil. Das liege vor allem an der Zerstörung seiner Lebensräume für die Landwirtschaft und daran, dass der Oststorch im Winter weiter fliege - über Israel bis nach Afrika.

Weststörche hingegen blieben mittlerweile oft während der kalten Jahreszeit in Deutschland und im Elsass. Oder sie flögen nur bis Spanien, wo ihm offene Mülldeponien viel Futter böten. In den vergangenen 20 Jahren sei ihr Bestand stark gewachsen.

Die Schuld am Aussterben anderer Arten will Lachmann dem Vogel aber nicht geben. «Solche Prädatoren können Arten den Todesstoß versetzen», räumt er zwar ein. Der Storch sei dabei höchstens der Sargnagel für Spezies, die ohnehin schon stark gefährdet seien, weil ihr Lebensraum zerstört wurde.

In Munster jedenfalls will man von einer Storchenplage nichts wissen. «Ich liebe Störche!», sagt Alice Stoffel, eine ältere Dame, auf dem schmucken Vorplatz der Kirche und strahlt dabei verzückt. Der Vogel ist hier so beliebt, dass jedes Hochzeitspaar der Stadt ein Storchen-Buch geschenkt bekommt.

«Störche gehören für mich einfach zum Elsass», sagt Café-Inhaberin Nadine Meyer. Und als gebe es nicht schon genügend echte Tiere in Munster, sitzt auf ihrem Tresen auch noch ein Plüschexemplar.

Violetta Kuhn, dpa Autor: Violetta Kuhn, dpa, am 21.05.2018 um 17:50 Uhr
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