Rekordverdächtige Ernte im Celler Land: Erdbeeren so billig wie lange nicht

Foto: Christian Link

Auf den Feldern im Celler Land herrscht Alarmstufe Rot: Die Erdbeersaison ist so früh und schnell gestartet wie lange nicht mehr. „Die Bestände sind im Mai sehr schnell gereift und jetzt kommt alles zugleich“, sagt Ralf Lienau vom Erdbeer- und Spargelhof Lienau aus Nienhagen.

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NIENHAGEN. Die Früchte müssen nun ganz schnell geerntet werden. Das ist gut für die Verbraucher: Das Überangebot lässt die Preise purzeln.

Erzeuger unter Preisdruck: Viele Erdbeerbauern hat das heiße Wetter kalt erwischt. „Die Erdbeerernte ist sofort bei 100 Prozent gestartet“, sagt Fred Eickhorst. Der Großhändler aus Hoya ist Geschäftsführer der Spargel- und Beerenanbauer in Niedersachsen, dem Erdbeerland Nummer eins. Jede dritte deutsche Erdbeere wurde 2017 hier geerntet – insgesamt 35.400 Tonnen. Der Familienbetrieb aus Nienhagen fällt da kaum ins Gewicht mit seinen acht Hektar Erdbeerfläche, die etwa 120 Tonnen abwerfen.

Die Erträge auf den Erdbeerfeldern sind in diesem Jahr riesig, doch die Erzeuger profitieren davon kaum. Denn die großen Erntemengen drücken auch die Preise. Schon in der Woche nach Pfingsten lag der Durchschnittspreis für deutsche Erdbeeren bei 4,06 Euro pro Kilogramm, sagt Michael Koch von der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft in Bonn: „So günstig war der Verbraucherpreis schon seit fünf Jahren nicht mehr.“

Die Überversorgung lässt die Preise weiter purzeln. Auf dem Großmarkt in Hamburg werden Erdbeeren derzeit für einen Kilopreis von 2,12 Euro gehandelt. Bei Famila in Groß Hehlen kostet die 500-Gramm-Schale aus Norddeutschland aktuell 2,49 Euro. Dadurch geraten auch die Direktvermarkter unter Druck und müssen nachziehen. 3 Euro pro Schale sind da derzeit nicht ungewöhnlich.

Die Sorte macht‘s: Eine Holländerin bringt Lienau ins Schwärmen. „Kimberly ist unsere Königin“, sagt der 47-Jährige, „das ist die Süßeste, die wir haben“. Dafür ist Kimberly aber auch sehr anfällig für die Rote Wurzelfäule und die Welkekrankheit. Auf dem 1,5 Hektar großen Erdbeerfeld bei Papenhorst reifen deswegen ausschließlich Erdbeeren der Sorte „Rumba“: „Die kann ein bisschen was ab“, sagt der Landwirt aus Nienhagen.

Beim Discounter und im Supermarkt werden häufig die Sorten "Elsanta" und "Sonata" angeboten. Grund dafür sind etwa die Robustheit, die lange Haltbarkeit oder die geringe Anzahl an unförmigen Früchten – wichtige Verkaufsargumente also. Das Aroma ist dagegen nicht so intensiv, was der Kunde auch am Weißraum in den Früchten erkennen kann.

Der Rabehof in Oldendorf setzt dagegen auf Publikumsmagnet "Korona". Diese alte Erdbeersorte ist nicht nur ertragreich, sondern hat auch noch einen ziemlich intensiven Geschmack. Korona ist aber nur etwas für Direktvermarkter oder Selbstpflücker wie den Rabehof. "Unsere Erdbeeren müssen am besten noch am selben Tag verarbeitet werden", sagt Birgit Rabe. Das sei aber nicht schlimm. "Die Korona behält auch nach dem Einkochen noch ihren Geschmack und man kann sie auch gut einfrieren."

Saisonkräfte gesucht: Der Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde gilt auch für die etwa 30 Erdbeerpflückerinnen auf dem Hof Lienau. Durch den Akkordlohn verdienen sie effektiv aber deutlich mehr. „12 Euro sind beim Akkord überhaupt kein Thema“, sagt Lienau. Pro Steige (5 Kilogramm) werden seine Saisonkräfte mit bis zu einem Euro zusätzlich belohnt. Vier Steigen pro Stunde sind laut Lienau durchaus schaffbar.

Erdbeerpflücker sind dennoch schwierig zu bekommen. „Das ist eine sauschwere Arbeit. Ich halte es für noch anstrengender als Spargelstechen“, sagt Lienau. Bis 2016 kamen seine Saisonkräfte ausschließlich aus Polen, im vergangenen Jahr waren erstmals auch einige Rumäninnen dabei. Nun ist das Verhältnis 50:50. Im Schnitt sammeln seine Erntehelferinnen etwa fünf Tonnen Erdbeeren täglich ein, die noch am selben Tag an 14 Verkaufsstände und drei Edeka-Märkte geliefert werden. „Wir versuchen, nichts über Nacht liegen zu lassen“, so Lienau. Was am nächsten Tag noch da ist, wird um die Hälfte reduziert und in der Regel von Marmeladenköchen aufgekauft.

Die Erntebedingungen sind derzeitig ungünstig. Die Erntehelfer fangen morgens schon sehr früh an. „Wir pflücken nachmittags gar nicht mehr, weil es dann zu heiß ist“, sagt Lienau. Die Hitze ist in ganz Niedersachsen ein Problem. Ab Mittag sei es den Menschen nicht mehr zuzumuten, auf dem Feld zu stehen, sagt auch Beeren-Verbandschef Eickhorst. Ein weitere Grund: Bei großer Wärme werden die Früchte weich und die Gefahr von Druckstellen steigt.

Bienen ganz wichtig: Wo Erdbeerfelder sind, sind in der Regel auch Bienenkästen nicht weit. Denn nicht nur Agrarökonomen wissen: Bienen machen die besten Erdbeeren. Im Vergleich zu den von Insekten bestäubten Erdbeeren sind die selbst- oder windbestäubten Früchte geradezu kümmerlich. Das liegt daran, dass sich die Bienen auf der Blüte bewegen und den Pollen besser verteilen. Wie viel Bienen braucht so eine Erdbeere? – Lienau: "Wir haben zwei bis vier Völker pro Hektar."

Christian Link Autor: Christian Link, am 08.06.2018 um 18:56 Uhr
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