Symbolfigur des deutschen Scheiterns: Özil vor DFB-Aus?

Die Zukunft von Mesut Özil in der deutschen Nationalmannschaft ist umstritten. Foto: Christian Charisius Foto: Christian Charisius

Moskau (dpa) - Gleich nach dem WM-Aus gab's im Internet den ersten Spott für Mesut Özil. «Zufrieden, mein Präsident?» stand auf einem Hochglanzfoto neben dem lächelnden und sauber frisierten Fußball-Nationalspieler geschrieben.

Diese Anspielung auf die Bilder von Özil und Teamkollege Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan unterstrich noch einmal, dass die Affäre mehr als sechs Wochen nach dem Beginn weiter schwelt. Özil wird als eine, wenn nicht die Symbolfigur des deutschen Scheiterns in Russland nun kritischer denn je gesehen. Die olivgrüne Kappe verdeckte sein Gesicht etwas, als er nach der Landung des deutschen Teamfliegers in Frankfurt in den Urlaub aufbrach. Es könnte das letzte Bild sein, das den außergewöhnlich begabten Fußballer als Nationalspieler zeigt. 92 Mal trat er für Deutschland an, erzielte dabei 23 Tore. Höhepunkt war der WM-Triumph 2014. War's das?

Der 29 Jahre alte Arsenal-Profi spielte bei der Weltmeisterschaft in Russland nicht schlechter als die Kollegen. Doch die Urteile über ihn fielen härter aus als gegen die meisten anderen. Es gab auch noch Häme für den von Rückenproblemen und einer Knieprellung zeitweise beeinträchtigten Sportler. Özils Öffentlichkeitsarbeit machte es nicht besser. Er schwieg im Gegensatz zu anderen Spielern. Bei Fragen nach einem Interview schaute der Mittelfeldakteur auf dem Weg aus der Kasan-Arena nach dem 0:2 gegen Südkorea nicht einmal mehr auf.

Seit der WM-Nominierung am 15. Mai hat Özil nicht mehr öffentlich gesprochen. Lediglich mit ein paar Tweets oder Posts des Social-Media-Königs in «Die Mannschaft» wandte er sich an die Öffentlichkeit. Im Milliarden-Geschäft Fußball gehören Aussagen in den Interviewzonen der Stadien zum Aufgabengebiet eines Profis, der auch wegen der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit Unsummen verdient.

Man kann Özil zugutehalten, dass er kein begnadeter Rhetoriker wie Mats Hummels oder ein angenehmer Plauderer wie Thomas Müller ist. Aber das Image des Filigrantechnikers litt unter dem von wem auch immer auferlegten Schweigegelübde. Den Kollegen gefiel es auch nicht, dass sie laufend zur Erdogan-Affäre befragt wurden und praktisch an Özils Stelle antworten mussten. Müller sprach nach dem WM-Aus über eine Quittung nach Störfeuern von außen, ohne die Erdogan-Affäre explizit zu nennen. Kapitän Manuel Neuer gestand, dass die Thematik «ein bisschen gestört» habe und «sogar belastend» gewesen sei.

Auch der Bundestrainer protegierte Özil nicht mehr in dem Ausmaß wie früher. Der Zögling von Joachim Löw war sportlich nicht mehr unantastbar. Gegen Schweden stand der gebürtige Gelsenkirchener erstmals seit Ewigkeiten in einem wichtigen Match nicht in der Startelf. Zwar wurde von jedem im DFB-Kreis betont, was Özil für ein Feinfuß sei. Gezeigt hat es Özil - wie fast alle im Team - nicht.

Bei der WM-Aufarbeitung werden Teammanager Oliver Bierhoff und Löw auch über Özil und Gündogan sprechen müssen. Im Gegensatz zu Özil äußerte sich Gündogan, der Erdogan damals ein Trikot mit der Aufschrift «Für meinen verehrten Präsidenten - hochachtungsvoll» überreicht hatte. Die DFB-Spitze sah in Russland «Fragen», die eine «Antwort verdienen», wie es Vizepräsident Rainer Koch formulierte.

Es geht um Werte, den Umgang mit einer Krise, aber auch um die Toleranzgrenze der Fans. Es ist spannend, wie sich die Sportliche Leitung, die Spieler und der Verband nun weiter positionieren. Übrigens auch mit Blick auf den 27. September. Dann wird die EM 2024 vergeben. Der einzige Konkurrent von Deutschland ist - die Türkei.

Christian Kunz und Klaus Bergmann, dpa Autor: Christian Kunz und Klaus Bergmann, dpa, am 29.06.2018 um 11:25 Uhr
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