WM-Krise als DFB-Krise: Bierhoff und Grindel unter Zugzwang

Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Reinhard Grindel (r) stehen stark in der Kritik. Foto: Christian Charisius Foto: Christian Charisius

Berlin (dpa) - Aus der Krise der Fußball-Nationalmannschaft ist eine Krise für den DFB geworden. Mit ihren Aussagen zum emotionalen Sommer-Thema Mesut Özil haben Verbandsboss Reinhard Grindel und Teammanager Oliver Bierhoff heftige Reaktionen ausgelöst und ihre eigenen Positionen geschwächt.

Rücktrittsforderungen und Generalkritik kommen auch aus der Politik. Ein radikaler Neuanfang würde den DFB vor große Herausforderungen stellen, zumal Grindel und Bierhoff im Verband noch andere Aufgabengebiete haben als das Nationalteam.

Sind Bierhoff und Grindel verantwortlich für das WM-Debakel?

Bierhoff hat die gesamte Turnier-Logistik zu verantworten - und die umstrittenen Marketing-Aktionen. Seine Entscheidung für das WM-Quartier in Watutinki setzte er gegen Löws Überzeugung durch. Der Slogan #zsmmn wird für ihn zum PR-Desaster. Als Teammanager soll er Bundestrainer Joachim Löw vor Störgeräuschen abseits des Sportlichen bewahren. Das ist komplett misslungen. Grindel hat keine unmittelbare Verantwortung für die sportliche Leistung. Mit seiner bedingungslosen Treue zu Löw und Bierhoff wirkte er vor, während und nach der WM eher wie ein Fan als wie ein kritischer Vorgesetzter.

Können Bierhoff und Grindel nach ihren Aussagen zu Mesut Özil das schwierige Thema noch moderieren?

Den Beweis eines souveränen Umgangs mit dem gesellschaftlich hochbrisanten Thema blieben Bierhoff und ausgerechnet auch Politik-Profi Grindel seit Mitte Mai schuldig. Erst wurde es unterschätzt, dann eine Lösung aufgeschoben und schließlich so bewertet, dass alle Anti-Rassismus- und Integrationsaktionen des DFB ad absurdum geführt wurden. Allein der Eindruck, Özil zum WM-Sündenbock zu machen, ist auch verbandsschädigend, da es große Teile des Nachwuchses verprellt. 30 Prozent aller DFB-Spieler im Juniorenbereich haben laut Bierhoff Migrationshintergrund. Ob sie unter diesen Bedingungen künftig für Deutschland spielen wollen?

Haben Bierhoff und Grindel genug Erfahrung als Krisenmanager?

Bierhoff kennt in seinen 14 DFB-Jahren nur eine Richtung: Nach oben. Die Krönung kam mit dem WM-Sieg 2014. Öffentlichen Widerständen musste er sich gerade in der Ära Löw praktisch nie stellen. Er konnte sich auf sein Spezialgebiet als Marketingexperte fokussieren. In den ersten Tagen nach dem WM-Aus wirkte er angeschlagen. Grindel kam in der Krise der WM-Affäre 2016 mit viel Machtinstinkt in das höchste DFB-Amt. Aufarbeiten musste er den Sommermärchen-Skandal und tat das nach der Veröffentlichung des sogenannten Freshfield-Berichts mit einer Schlussstrich-Rhetorik. Momentan entsteht der Eindruck, Grindels Methode sei es vor allem, die Schuld auf andere abzuladen.

Warum überlässt Grindel die inhaltliche Analyse des WM-Scheiterns Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw?

Zu früheren Zeiten waren DFB-Präsidenten wie Gerhard Mayer-Vorfelder in Krisensituationen gefordert. Nun ist Bierhoff am Zug. Er ist aber auch im DFB nicht unumstritten. Generalsekretär Friedrich Curtius - ein enger Grindel-Vertrauter - bemängelte schon zur Jahreswende das Eigenleben des Nationalteams unter dem smarten Manager. Bei der Strukturreform bekam dieser dennoch einen Direktorenposten, um ihn enger an Verbandsabläufe zu binden. Deshalb wälzt Grindel nun die Analyse auf Bierhoff ab - er ist dafür qua Amt zuständig. Der DFB-Boss kann abwarten, was sein Direktor liefert.

Wie kam es zu dem sogar von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble kritisierten Kommunikationsdesaster in der Causa Özil?

Auch hier muss der DFB seine Strukturen und Abläufe überdenken. Das umstrittene Bierhoff-Interview lasen angeblich neben dem Teammanager vorab drei Pressesprecher, nicht aber der Kommunikationsdirektor. Die brisante Özil-Passage wurde nicht erkannt oder sollte nicht erkannt werden. Für eine bessere Außendarstellung muss auch Löw sich ändern. Nach seiner umstrittenen Kader-Auswahl waren Fragen explizit auf sein Drängen hin nicht erlaubt, heißt es aus dem Verband.

Wie wahrscheinlich ist ein Rücktritt von Grindel und Bierhoff?

Dass Grindel hinschmeißt, ist derzeit auszuschließen. Der Machtmensch hält Gegenwind aus. Bierhoff hat auch keine Anzeichen erkennen lassen, dass er freiwillig gehen würde. Ihn könnte aber bei einer schwachen WM-Analyse oder einer Fortsetzung des sportlichen Desasters im Herbst in der Nationenliga gegen Frankreich und die Niederlande der Bannstrahl treffen. Für Grindel könnte es eng werden, wenn der DFB am 27. September nicht den EM-Zuschlag für 2024 bekommt. Eine Niederlage ausgerechnet gegen die Türkei wäre ein Wirkungstreffer.

Was würde ein Rücktritt für den DFB bedeuten?

Bierhoff verantwortet auch den Bau der neuen DFB-Akademie. Der Verband müsste sich schnell einen neuen Direktor suchen, um bei dem Millionen-Prestigeprojekt nicht weiter in Verzug zu geraten. Fraglich ist auch, wie Löw mit einem Aus für seinen jahrelang engen Vertrauten umgehen würde. Unersetzbar ist Bierhoff nicht. Grindel hat den Verband nach der WM-Affäre immerhin stabilisiert. Ob der DFB aber schon gefestigt genug ist, die nächste schwierige Präsidentenfrage zu klären, scheint fraglich.

Wer wären überhaupt potenzielle Nachfolger von Grindel und Bierhoff?

Schon in der WM-Affäre gab es für den Chefposten beim DFB neben Grindel keine realistischen Alternativen. Kandidaten aus dem Profifußball wie Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge streben nicht in das politisch komplizierte und nicht üppig bezahlte Amt. In der Funktionärsriege um DFB-Vize Rainer Koch zeichnet sich noch kein Nachfolgekandidat ab. Für Curtius wäre ein Aufstieg ökonomisch kaum reizvoll. Für den Managerposten gäbe es mehr Alternativen. Vorstellbar wäre eine Rückkehr des einstigen Löw-Assistenten Hansi Flick oder das Engagement einer Ex-Größe wie Oliver Kahn.

Arne Richter, dpa Autor: Arne Richter, dpa, am 12.07.2018 um 14:08 Uhr
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