Wo kommst du her? Aus Texas!

Foto: David Borghoff

Er musste noch nicht mal lügen. „Wenn eine junge Frau mich damals gefragt hat, wo ich herkomme, habe ich immer gesagt, dass ich in Texas wohne“, sagt Norbert Stammwitz mit einem breiten Grinsen im Gesicht, morgens um halb zehn an seinem Esstisch. „Das hat schon Eindruck gemacht und man ist gleich ins Gespräch gekommen.“ In seinem Personalausweis, den er früher häufig als Beweis vorlegen musste, steht das auch heute noch. Texas ist in diesem Fall allerdings kein Ort, sondern eine kleine Straße im Heesegebiet, die im Schatten des Flutlichts des Günther-Volker-Stadions an der Nienburger Straße liegt.

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Norbert Stammwitz‘ Vorfahren waren dort die ersten Siedler, wie er bei der Familienforschung herausfand. Das Grundstück ist seit 1740 im Besitz der Familie, die früher Landwirtschaft an der Welfenallee betrieb. Erst gab es nur ein kleines Hinterhaus, das Haupthaus kam etwa 1840 hinzu. Nachdem er seine Eltern gepflegt hatte, erbte er das Haus. Heute wohnt Norbert Stammwitz (58) dort gemeinsam mit seiner Frau Carmen (58) und Pflegetochter Jenny (17). „Es war schon immer ein Mehrgenerationenhaus. Wir setzen die Familientradition fort“, sagt er. „Nichts ist schöner, als in einer Großfamilie aufzuwachsen. Es war immer harmonisch und das Zusammenleben von großem Respekt geprägt.“

Wie groß der Zusammenhalt der Familie ist, beweist die Tatsache, dass Sohn Sascha inzwischen auf der anderen Straßenseite wohnt, statt wegzuziehen. Insgesamt haben Norbert und Carmen Stammwitz fünf Kinder, zwei Töchter wohnen mit ihren Familien mittlerweile bei Newcastle in Großbritannien. „Wir sind regelmäßig dort, auch um unsere vier Enkelkinder zu sehen“, sagt er.

Norbert Stammwitz ist mit sieben Brüdern und zwei Schwestern groß geworden. Er engagierte sich früh in der Feuerwehr. „Eigentlich war ich Stammwitz sieben. Feuerwehr war bei uns ein Familiengesetz“, sagt der Jüngste der sieben Brüder. „Wir sind immer sozial erzogen worden.“ Im Alter von 16 Jahren trat er in die Feuerwehr ein, war Gruppenführer und gründete 1992 die Jugendfeuerwehr der Freiwilligen Feuerwehr Celle. „Wir wollten verhindern, dass wir irgendwann ohne Nachwuchs dastehen“, sagt Norbert Stammwitz, der lange Jugendfeuerwehrwart war. Heute ist er noch in der Altersabteilung aktiv. „Kameradschaft ist wichtig und gibt es in dieser Form wohl nur in der Feuerwehr.“

Auf seinem Esstisch liegen auch jetzt Briefe der Feuerwehr – und eine Mütze des TuS Celle FC. Zum Fußball kam er damals einfach über den Zaun. Das Grundstück grenzte damals direkt an das Stadion, ehe die Fläche hinter dem Clubheim an ein Busunternehmen verkauft wurde. „Wenn meine Brüder früher Fußball gespielt haben, haben sie den Kinderwagen, in dem ich als Baby lag, immer in den Schatten gestellt“, erinnert sich Norbert Stammwitz. Als er älter wurde, entdeckte auch er schnell seine Liebe zum Fußball und zum Traditionsverein, mit dem er alle Höhen und Tiefen miterlebte. Als junger Spieler, als Schiedsrichterbetreuer, im Ordnungsdienst und, als der Verein kurz vor dem Aus stand, als Vorsitzender in schwierigen Zeiten, als kaum einer mehr Verantwortung übernehmen wollte. „Das war eine harte Zeit. Ich hatte praktisch zwei Jobs“, sagt der gelernte Klempner, der inzwischen bei der Huber Group in Klein Hehlen arbeitet. Dass der ehemalige Regionalligist nach dem Abstieg aus der Bezirksliga in der abgelaufenen Saison nun in der Kreisliga antreten muss, macht ihn sehr traurig. „Was den Fußball angeht, war das ein sehr hartes Jahr. Aber es ist auch die Chance für einen Neuanfang.“ Wenn es die Zeit zulässt, ist er bei den Heimspielen immer noch im Stadion. „Liebe kennt keine Liga“, sagt er. An seiner Hauswand hat eine Firma sogar ein Logo des Klubs aufgemalt.

Wie bei der Tätzestraße geht der Name von Texas auf den ehemaligen Fluss Tätze (Tadiesleke) zurück. Dieser floss in vorgeschichtlicher Zeit aus einem See in die Aller. Bis ins 19. Jahrhundert wurde der heutige Unterlauf der Fuhse noch Tätze genannt. Es gibt aber auch eine andere Überlieferung, wonach der Name auf den Maurer Tex zurückgeht, der um 1850 an der nahen Nienburger Straße 12 lebte.

Texas bedeutet soviel wie Freunde oder Verbündete. Der Name ist Programm. „Es gab immer eine große Gemeinschaft. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Straßenfest mit mehr als 200 Personen, das mein Vater organisiert hatte“, sagt Norbert Stammwitz. Weil es in seiner Kindheit nur drei Autos in der Straße gab, fluteten er und seine Brüder die Straße im Winter mit Wasser, um Eishockey auf der gefrorenen Fläche zu spielen. „Wir hatten eine glückliche Kindheit in Texas.“ Auch heute sei das Gemeinschaftsgefühl in der Sackgasse, in deren Wendehammer mehrere Blumenkübel das Straßenbild prägen, sehr groß. Aktuell leben dort 91 Menschen.

Während der drei Jahre, in denen er nicht in „Texas“ lebte, residierte er herrschaftlich. Im Celler Schloss. Als Hausmeister war er für die Residenz verantwortlich und leitete die Schlossführungen. Sicher auch nicht die schlechtestes Adresse, um Frauen anzusprechen – wäre er damals nicht schon in festen Händen gewesen. „Für einen anderen Ort hätte ich Texas niemals verlassen.“

Christoph Zimmer Autor: Christoph Zimmer, am 17.07.2018 um 16:24 Uhr
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