Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Fußball regional Adelheidsdorfer Glienewinkel nach Sieg im Spring-Derby gefragter Mann
Sport Fußball regional Adelheidsdorfer Glienewinkel nach Sieg im Spring-Derby gefragter Mann
17:41 18.05.2015
Von Heiko Hartung
Vom Wall bis „Pulvermanns Grab“ – voll konzentriert nehmen Christian Glienewinkel und sein Wallach Professional Aircare - beim 86. Deutschen Spring-Derby alle Hindernisse. Quelle: Daniel Reinhardt (2)
Adelheidsdorf

Mehr als 100 SMS und 40 Anrufe. Christian Glienewinkel kam mit dem Zählen der Gratulanten kaum hinterher: „Da waren Telefonnummern dabei, die ich gar nicht kannte. Der letzte Anruf kam nachts um drei“, erzählt der Adelheidsdorfer. Aber Glienewinkel nimmt es gelassen. So ist das halt, wenn man gerade das Deutsche Spring-Derby in Hamburg gewonnen und als Amateur sämtliche Berufsreiter mit dem 151. Nullfehlerritt in der 95-jährigen Geschichte des Traditionskurses in Klein Flottbek düpiert hat.

Die Meldung ging am Sonntag wie ein Lauffeuer durch die Medien: „Altenpfleger überrascht Reitprofis.“ Vor 22.000 Zuschauern absolvierte Glienewinkel auf seinem Wallach Professional Aircare den mit 1250 Metern und 17 Hindernissen längsten Springparcours der Welt als einziger ohne einen Abwurf. „Es fühlt sich immer noch unwirklich an“, sagte Glienewinkel gestern. 2011 hatte er sein Derby-Debüt gegeben. 2013 und 2014 war er mit „Ernie“, wie er sein Pferd nennt, bereits als Neunter und Achter platziert. „Diesmal hatte ich Platz drei bis fünf im Visier“, so Glienewinkel. Doch selbst der dreimalige Derby-Sieger André Thieme konnte dem gelernten Pferdewirt und Altenpfleger nicht das Wasser reichen und landete auf Platz zwei. „Die Reiter aus dem Profi-Lager waren supernett. Es gab viele Schulterklopfer“, so Glienewinkel, der aus den „Feiertagen“ nicht mehr rauskommt: Vor zwei Wochen hat er geheiratet, zwei Tage vor seinem größten sportlichen Triumph feierte er seinen 30. Geburtstag. Doch während das absehbare Ereignisse waren, haute der grandiose Sieg in dem Klassiker um das Blaue Band wie ein Naturereignis in sein Leben. 30.000 Euro Siegprämie kassierte der ambitionierte Amateur, der seine Pferde selbst ausbildet – aber der Ruhm wiegt vielleicht noch schwerer.

Als der Träger des Goldenen Reitabzeichens am Sonntag gegen 21.15 Uhr zurück aus Hamburg auf seinen Reiterhof in Adelheidsdorf rollte, erwarteten ihn bereits etwa 30 Freunde und Weggefährten zu einer spontanen Feier. Eigentlich hätte der Altenpfleger gestern Morgen um 7 Uhr wieder bei der Arbeit im elterlichen Alten- und Pflegeheim Neumann in Wietzenbruch sein müssen. „Aber meine Mutter hat mir frei gegeben“, erzählt Glienewinkel. Und auch der zweite Hauptakteur, Wallach Professional Aircare, durfte gestern Fünfe gerade sein lassen. „Seine Extraportion Möhren hat er schon bekommen. Jetzt tobt er auf der Weide herum“, berichtet Glienewinkel. Seinen „Ernie“ beschreibt er scherzhaft als „nervliches Wrack“. „Er ist so temperamentvoll, kann nie stillstehen – und gibt immer 100 Prozent.“ Mit 14 Jahren sei sein Erfolgspferd im besten Alter. „Wenn er gesund bleibt, haben wir gemeinsam noch einige gute Jahre vor uns“, so Glienewinkel.

Seine Eltern waren es, die den jungen Christian zum Reitsport brachten – „obwohl meine Mutter Angst vor Pferden hat“, so Glienewinkel. Erst hat er wie die meisten Jungs Fußball gespielt, aber mit 14 Jahren packte ihn das Reitfieber. Sein Vater, der vor sechs Jahren starb, nahm ihn mit zu Turnieren, weckte in ihm die Begeisterung fürs Springreiten. „Er war mein größter Förderer. Schade, dass er diesen Sieg nicht mehr erleben konnte“, so Glienewinkel, der für den befreundeten Reit- und Fahrverein Nienburg an den Start geht.

Gestern Nachmittag kümmerten sich er und sein Frau Ilka schon wieder um die Pferde: „Die müssen bewegt werden.“ Denn am Wochenende steht das nächste hochkarätige Turnier auf dem Programm: Durch den Erfolg von Hamburg sprang Glienewinkel von null auf Platz zwei in der renommierten Riders Tour. Die geht am Freitag in Wiesbaden in die dritte von sechs Etappen. Vielleicht kann der Altenpfleger aus Celle den etablierten Vollprofis dort das nächste Schnippchen schlagen.