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Fußball regional Als man in Altencelle noch auf Sand spielte
Sport Fußball regional Als man in Altencelle noch auf Sand spielte
18:03 30.06.2017
Celle Stadt

1954 – es ist das Jahr des WM-Titels für die Helden von Bern, der Urknall der Fußball-Euphorie in ganz Deutschland. Die Begeisterung schwappt bis ins kleine Altencelle. Eine Handvoll Jungs trifft sich zum Kicken auf einem Sandplatz vor den Toren der Stadt. Nur vier Jahre später halten sie den Kreismeister-Pokal in ihren Händen. Fotos werden geknipst – und vergilben in Alben. Doch bevor sie ganz der Vergessenheit anheim fallen, tauchen sie plötzlich wieder auf. Und erzählen Geschichten aus einer Zeit, als Fußbälle noch schwer waren wie Kanonenkugeln und das Motto „Elf Freunde müsst ihr sein“ intensiv gelebt wurde.

Eines dieser alten Fotos landete jetzt nach Jahrzehnten bei Jochen Strehlau, Pressewart des SV Altencelle und CZ-Mitarbeiter. Das Bild zeigt ein Altenceller Fußballteam und weckt seine Neugier. Wer sind die Männer auf dem Foto? Welche Biografien und Ereignisse verbergen sich hinter dieser Aufnahme? Eine Facebook-Recherche bringt nicht nur große Resonanz, sondern auch schnell Licht ins Dunkel. Nur drei Stunden später sind die Identitäten aller Spieler geklärt. Die Altencellerin Franziska Striepe hat ihren Opa Fritz Weigt auf dem Foto erkannt. Der heute 80-jährige kann nicht nur die Namen seiner damaligen Mitspieler mit traumwandlerischer Sicherheit herunterbeten, er hat auch viel zu erzählen. Und so taucht Strehlau ein in die Fußballwelt der 50er-Jahre in der ultraleichte Fußballschuhe und atmungsaktive Trikots noch nicht erfunden und warme Duschen nach dem Training nur eine unerreichbare Wunschvorstellung sind.

Absender des besagten Fotos, das aus dem Jahr 1958 stammt, ist der Altenceller Andreas Berger. Beim Kramen in alten Dokumenten hatte er auf der Aufnahme seinen früh verstorbenen Vater Klaus-Dieter Berger, genannt „Gigi“, entdeckt. Andere Namen sind ihm jedoch unbekannt. „Das Foto zeigt den SV Altencelle nach dem Gewinn eines Pokalturniers. Da haben wir noch auf einem reinen Sandplatz gespielt. Der war da, wo sich heute der Edeka-Markt befindet“, weiß der in Schlesien geborene Fritz Weigt, der im Alter von 17 Jahren zum SV Altencelle stieß. „Auf diesem alten Sandplatz gab es weder Umkleidemöglichkeiten noch fließendes Wasser. Tagsüber haben die Radfahrer den Platz als Abkürzung benutzt, um zur Braunschweiger Heerstraße zu kommen. Dadurch hat sich quer über dem Platz eine Rinne gebildet. Das hat uns so geärgert, dass wir einmal ein Nagelbrett in dieser Rinne versteckt haben“, erzählt Weigt. Der damals 21-jährige ist ein guter Torwart und trägt den Spitznamen „Jaschin“. „Lew Jaschin war damals sowjetischer Nationaltorwart und galt als bester Torhüter der Welt. Ich habe versucht seine Art zu kopieren. Vor allem seine genauen weiten Abwürfe haben mir imponiert“, erinnert sich Weigt. „Der Fritz hat gehalten wie eine Katze, sodass er einmal beinahe vom ranghöheren TuS Celle abgeworben wäre“, bestätigt der 79-jährige Gerd Netemeyer, Vater des aktuellen SVA-Trainer Claus Netemeyer und ebenfalls auf dem Foto abgebildet. Er selbst musste schon in der Jugend auf Anordnung seiner Eltern den aktiven Fußballsport an den Nagel hängen. „Ich wurde in der Landwirtschaft gebraucht. Nachdem ich mir einmal eine schwere Wadenbeinprellung zugezogen hatte, befürchteten meine Eltern einen erneuten Arbeitsausfall. Ich habe aber die Mannschaft als Linienrichter und Betreuer unterstützt“, erzählt Netemeyer, einer von fünf noch lebenden Akteuren der damaligen SVA-Riege. Nach den Spielen findet man sich immer im Altenceller „Deutschen Haus“ ein, das als Clubheim dient. „Da war bei Wirtin ,Tante Henni‘ immer ordentlich Halli-Galli“, erinnert sich Netemeyer.

In der Saison 1958/59 steht dem SV Altencelle dann erstmals am Föscherberg ein Rasenplatz zur Verfügung. Jetzt sogar mit einer Wasserpumpe (die allerdings im Winter immer eingefroren ist) und einer Umkleidebaracke. Das scheint den SVA zu beflügeln, denn er wird nach einem entscheidenden 2:0 Sieg gegen den SV Nienhagen prompt Kreismeister. „Wir entbieten den Altencellern unsere Glückwünsche und hoffen, dass sie in der höheren Klasse einen guten Aufsteiger abgeben mögen“, so die Cellesche Zeitung damals im Originalton. Die Fertigstellung des Altenceller Sportheims erfolgt nach zweijähriger Bauzeit 1962. Und das fast komplett in Eigenleistung durch die Altenceller Fußballer. Architekt ist mit Friedemann Frank übrigens ein Spieler der Altenceller Meistermannschaft.

Dort, zwischen den vielen anderen Mannschaftsfotos, Urkunden und Pokalen, soll das Bild der Meister von 1959 einen Ehrenplatz erhalten. „Das sind wir den alten Recken schuldig“, sagt Pressewart Strehlau.

„Selbstgestrickter Torwartpullover war mein Heiligtum“

Fritz Weigt (80) hütete von 1954 bis 1970 das Tor des SV Altencelle. Der gebürtige Schlesier ist mit seiner Frau Marie-Luise (80) fest in dem Celler Stadtteil verwurzelt und schaut heute noch regelmäßig bei Spielen des SVA vorbei. Im Gespräch mit CZ-Mitarbeiter Jochen Strehlau spricht der gelernte Schlosser über selbst gestrickte Torwarttrikots, Trainingseinheiten in der Sandgrube und wie seine Wechselabsichten zum TuS Celle endeten.

Herr Weigt, wie und wie oft wurde eigentlich damals trainiert?

Trainiert haben wir meist nur einmal die Woche. Da wurde viel Kondition gebolzt. Und so sind wir abends durchs Dorf gerannt, manchmal auch bis zum Burgwall. Seilspringen haben wir auch oft gemacht. Einen richtigen Trainer hatten wir nicht.

Gar kein Training mit dem Ball?

Nein, fast gar nicht. Das lag aber auch daran, dass wir in den 50er-Jahren meist nur einen Ball hatten. Und wenn der über den Zaun oder ins Kornfeld geflogen ist, hatten wir ein Problem. Ich kann mich aber auch daran erinnern, dass ich Torwarttraining in der Sandgrube machen musste.

Wie sah es sonst so mit der Ausrüstung aus?

Fußballschuhe von Puma oder Adidas konnte man schon kaufen. Aber keiner von uns hatte viel Geld. Ich weiß noch, wie sich mein Mitspieler Gerd Pankow seine fast vollständig abgerissene Sohle mit einem Band an seinem Schuh festgebunden hat und so 90 Minuten durchspielte.

Wie war es mit spezieller Torwartbekleidung?

Gesteppte Torwarthosen gab es schon, Torwarthandschuhe waren noch unbekannt. Einmal hat mir Angelika Bloetz (die Mutter des heutigen SVA-Platzwartes Axel Bloetz, Anm. d. Red.) einen Torwartpullover gestrickt. Der war für mich wie ein Heiligtum.

Wie seid ihr damals zu den Auswärtsspielen gefahren?

Das war schon ein Problem, weil ja fast keiner ein Auto hatte. Wenn mal eines zur Verfügung stand, haben wir uns da mit sieben oder acht Mann reingequetscht. Meistens mussten wir uns einen Bus mieten. Der war aber teuer und hat pro Kopf fünf Mark gekostet. Einmal sind wir auf dem Anhänger eines Treckers nach Lachendorf gefahren. Das war schon verrückt.

Wie war das Verhältnis zu den anderen Mannschaften?

Mit den anderen Mannschaften sind wir immer wunderbar ausgekommen. Nur mit dem SV Garßen nicht. Die waren für uns immer wie ein „rotes Tuch“.

Waren Sie, wie man heute sagen würde, ein „Fußballverrückter“?

Ich glaube schon. Einmal habe ich mir nach einer Magenoperation selbst eine Art Magenschutz gebaut – nur um spielen zu können. Meine Frau war damals darüber sehr entsetzt.

Viele Spieler sind ja auch heute noch abergläubisch. Wie war das mit Ihnen?

Ich weniger. Aber unser Spieler Arno Henne hat sich vor wichtigen Partien immer den rechten Stutzen falsch herum angezogen – und wir haben diese Spiele wirklich immer gewonnen.

Wer war damals die treibende Kraft im Altenceller Fußball?

Sicherlich Karl Striepe. Der war Spartenleiter, Platzwart, Hausmeister, Schiedsrichter und Betreuer in Personalunion.

Stimmt es, dass Sie mal zum TuS Celle wechseln wollten?

Ja, ich war schon mitten am Verhandeln. Aber dann hat man mir beim SV Altencelle die Pistole auf die Brust gesetzt: Wir hatten gerade angefangen zu bauen und nach einem Vereinswechsel hätte ich von meinen Mitspielern keine Hilfe mehr erwarten können.

Wie denken Sie heute über ihre aktive Zeit?

Es war schön und es hat Spaß gemacht. Ich habe gerne für Altencelle gespielt. Die Kameradschaft und der Zusammenhalt waren großartig.

Von Heiko Hartung und Jochen Strehlau