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Fußball regional CZ-Glosse zum Bundesliga-Start
Sport Fußball regional CZ-Glosse zum Bundesliga-Start
12:49 19.08.2010
Von Oliver Schreiber
Celle Stadt

Die 48. Bundesliga-Saison beginnt mit einem Paukenschlag: Der VfL Wolfsburg gewinnt das Eröffnungsspiel beim Deutschen Meister Bayern München haushoch mit 8:2. Allerdings muss Trainer Louis van Gaal auf die deutschen Nationalspieler Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Mario Gomez, Miroslav Klose, Holger Badstuber, Toni Kroos und Jörg Butt verzichten, weil Bundestrainer Joachim Löw kurzerhand parallel ein Testspiel gegen die U-18-Auswahl der West-Antarktis ansetzt. Der „Tulpen-General“ zürnt („Unglaublich!“), Löw verteidigt seine Maßnahme. „Ich wollte mir ein genaues Bild vom Leistungsstand der Spieler machen. Außerdem wollte ich die Gelegenheit nutzen, Michael Ballack nicht zu diesem Spiel einzuladen“, erklärt Löw.

Ballack zeigt indes eine Trotzreaktion. In den ersten beiden Spielen trifft er für seinen neuen Klub Bayer Leverkusen jeweils doppelt und führt das Team an die Tabellenspitze. Dennoch verzichtet Löw in den EM-Qualifikationsspielen im September in Belgien und gegen Aserbaidschan auf seinen einstigen Vorzeige-Kapitän. „Nichts gegen den Micha. Aber im Flieger nach Brüssel war leider kein Platz mehr frei. Und ein Comeback gegen eine Weltklasse-Mannschaft wie Aserbaidschan käme für ihn zu früh“, begründet Löw die Nicht-Nominierung.

Das Mobbing gegen Ballack geht weiter. Zu seinem 34. Geburtstag schenkt ihm Philipp Lahm die Kapitänsbinde, die er bei der WM getragen hat. Natürlich mit persönlicher Widmung: „Lieber Michael, für den Fall, dass du bei einer WM noch einmal Kapitän sein solltest, überreiche ich dir hiermit meine Glücksbinde. Alles Gute, Dein Philipp (allseits beliebter Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft)“.

Doch damit nicht genug. Am letzten Spieltag führt Leverkusen punkt- und torgleich mit dem FC Schalke 04 die Tabelle an – mit drei Punkten und zehn Treffern Vorsprung vor dem FC Bayern. Im Spiel beim bereits abgestiegenen SC Freiburg verzichtet Trainer Jupp Heynckes überraschend auf seinen Mittelfeldstar, der 34 Saisontore und 72 Vorlagen aufzuweisen hat. „Das hier ist für uns ein echtes Endspiel, das wir unbedingt gewinnen müssen, um Meister zu werden. Da ist mir das Risiko einfach zu groß, Michael Ballack einzusetzen“, erläutert Heynckes.

Aber auch das nützt nichts. Leverkusen bekommt die Flatter und geht mit 0:9 unter, Bayern zieht durch einen 1:0-Erfolg gegen den VfB Stuttgart vorbei. Auch Schalke erlebt beim 1. FC Köln ein 0:9-Debakel. Das sechste Eigentor des Ex-Dortmunders Christoph Metzelder in der vierten Minute der Nachspielzeit lässt einmal mehr alle Träume platzen. Die Königsblauen und die Werkself landen gemeinsam auf dem zweiten Platz. Die DFL erklärt beide Klubs daraufhin zu „ewigen Meistern der Herzen“, beide Teams dürfen künftig offiziell mit drei Herzen auf dem Trikot auflaufen.

Beim 1. FC Köln sind die Verantwortlichen der Verzweiflung nahe. Während Vereins-Ikone Lukas Podolski im DFB-Dress in den ersten vier EM-Qualifikationsspielen jeweils drei Tore schießt, steht sein Trefferkonto beim FC auf null. Präsident Wolfgang Overath greift daraufhin vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund in die Trickkiste. Die Kölner laufen in weißen Trikots und schwarzen Hosen auf, vor der Partie ertönt die deutsche Nationalhymne und Overath versichert „Prinz Poldi“, dass es sich um ein Länderspiel gegen die Nationalelf des Ruhrgebiets handelt. Poldi netzt dreimal ein, der FC siegt 3:2. „Überragend, überragend. Freue mich schon auf das nächste Länderspiel gegen Niedersachsen“, erklärt Kölns Liebling nach dem Spiel. In der Tat trifft er auch in der Woche darauf dreimal beim 4:1-Erfolg bei Hannover 96.

Bei den Roten hat man ganz andere Sorgen. Das Team krebst am Schwanz der Tabelle herum und sucht händeringend nach neuen Spielern. Die Liste der Ausfälle ist lang. Unter anderem fehlen Altin Lala (Steißbein-Verhärtung), Leon Andreasen (Korbhenkelriss), Mikael Forssell (Haarspliss), Jan Schlaudraff (Haarausfall) und Mike Hanke (Rasen-Allergie) dauerhaft. 96-Boss Martin Kind schwant, dass das Konzept, Rekonvaleszenten ab Kreuzbandriss aufwärts von anderen Klubs zu verpflichten, nicht so ganz aufgeht. Er fordert Sportdirektor Jörg Schmadtke auf, in der Winterpause neues Personal zu besorgen. Aber es hagelt Absagen – sogar von Dritt- und Viertliga-Spielern („Kann meinen Hund nicht so lange alleine lassen“; „Habe mit dem ZFC Meuselwitz noch viel vor“; „Anfahrt von Havelse nach Hannover ist mir zu strapaziös“; „Habe leider im März schon Urlaub gebucht“; „Sehe bei den Sportfreunden Lotte die besseren Perspektiven“, etc.)

Schmadtke greift nach dem letzten Strohhalm und ruft bei der Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV) an, um deren Mannschaft arbeitsloser Profis komplett zu verpflichten. Allerdings wird auch hier dankend abgewunken. Das VDV-Team hat bereits für das alljährliche Ballermann-Turnier auf Mallorca zugesagt.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß zeigt sein großes Herz und bietet Superstar Arjen Robben als Leihe für die Rückrunde zum Schnäppchenpreis von nur einer Million Euro an. Voraussetzung: 96 verzichtet auf den Medizincheck und zahlt Robbens Arztkosten bei Dr. Müller-Wohlfahrt. Schmadtke ist begeistert und präsentiert den holländischen Flügelflitzer stolz den Fans. Auch Robben ist froh: Er kann seine beiden Mittelfußbrüche in aller Ruhe bei den Hannoveranern auskurieren.

Auch der andere große Bayern-Star Franck Ribéry wandelt auf Freiersfüßen. Vor dem vorletzten Spiel beim FC St. Pauli wird der Franzose verzweifelt gesucht. Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge wird schließlich auf der Davidwache fündig. Bei einem Reeperbahn-Bummel mit Freunden aus der „Équipe Tricolore“ wird der begnadete Fummler von der Polizei festgenommen. Ribéry und Co. hatten beim Flanieren über die Herbertstraße einer jungen Dame eindeutige Signale gegeben, die aber dummerweise das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte.

Ribéry hat Glück. Nach wenigen Stunden stellt sich heraus, dass es sich nicht um eine minderjährige Personalkraft des horizontalen Gewerbes gehandelt hat, sondern um die frisch gebackene fünfte Ehefrau von Lothar Matthäus, die gerade in Hamburg auf Klassenfahrt weilte. Ribéry ist trotzdem begeistert vom berühmten Hamburger Stadtteil und heuert beim Kiez-Klub an: „Möschte isch nur noch sein dort, zahle jeden Preis“.