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Fußball regional Heiße Wettkämpfe am Computer: Nienhäger Unternehmen betreibt eSports-Plattform
Sport Fußball regional Heiße Wettkämpfe am Computer: Nienhäger Unternehmen betreibt eSports-Plattform
11:27 26.07.2017
Von Carsten Richter
Beim WM-Finale von „League of Legends“ in Berlin sitzen zwei gegnerische Teams vor ihren Computern. Das Spiel gehört auch zum Angebot der Plattform time2win, die von einem Büro in Nienhagen aus betrieben wird. Quelle: Paul Zinken
Nienhagen

Der Puls rast wie bei einem Marathonlauf, der Schweiß rinnt, Stresshormone werden freigesetzt. Dabei sitzen die Sportler nur die ganze Zeit vorm Bildschirm. Das kann doch so anstrengend nicht sein, mag der Laie denken – weit gefehlt. Auch eSports – die Abkürzung steht für „Electronic Sports“ und ist der internationale Begriff für einen Wettkampf zwischen Menschen mit Hilfe von Computerspielen – ist eine Sportart. Christopher Young jedenfalls ist davon fest überzeugt. „Man kann es nicht anders nennen, der Name verrät es schließlich“, sagt der 28-Jährige, der von diesem boomenden Phänomen lebt, das weltweit etwa 385 Millionen Fans anzieht und mit dem echte Profis Millionengewinne machen. Young ist Geschäftsführer der Project-C GmbH aus Nienhagen, die seit Februar dieses Jahres die eSports-Plattform time2win betreibt.

Vom Büro in der Dorfstraße aus liefert er mit seinem Geschäftspartner Björn Rüssel und seinen sieben Mitarbeitern die technische Voraussetzung, ohne die sich eSports-Veranstaltungen mit Tausenden Teilnehmern nicht realisieren ließen. Auf der Homepage der Plattform können sich Spieler anmelden und bei zeitlich festgelegten Turnieren gegeneinander antreten. Im Angebot sind derzeit die Computerspiele „League of Legends“, „Heroes of the Storm“, „Starcraft 2”, „Hearthstone”, „Heroes of Newerth” und „Dota2”.

Das Startup-Unternehmen nimmt im Landkreis Celle einen Sonderstatus ein. Während sich in Großstädten eSports-Fans regelmäßig zu Wettkämpfen treffen, fristet das Phänomen in ländlichen Regionen ein Schattendasein. „Als es in der Congress Union noch die Alpha-Lan-Partys gab, war die Szene gerade im Kommen“, erinnert sich Young. Danach hat sich diesbezüglich nicht mehr viel getan. Gemeinschaften, die eSports aktiv betreiben, sind Young aus dem Landkreis Celle derzeit nicht bekannt.

Warum also ausgerechnet hier eine eSports-Plattform aufbauen? Da gab es für Young gleich mehrere Gründe. Der studierte Betriebswirt und sein Partner haben früher selbst gerne „Counter Strike“ gespielt. „Wir kommen aus den Anfängen des eSports. Damals haben wir höchstens mal eine Grafikkarte gewonnen“, sagt er. So machten sie ihr Hobby zum Beruf. 2011 wurde das Unternehmen gegründet. Erste Versuche, eine Plattform zu betreiben, scheiterten aber zunächst am fehlenden Geld und an der Technik. Nach Nienhagen hat es den gebürtigen Briten, der lange in Bergen gewohnt hat, schließlich der Liebe wegen verschlagen. Mit seiner Frau hat er im Ort ein Eigenheim bezogen.

Und nun läuft es auch beruflich rund. Nach einer Neustrukturierung ist der junge Unternehmer mit seiner Plattform auf der Erfolgsspur. Im ersten Geschäftsquartal konnte er 20.000 Nutzer verbuchen. „Wie effizient wir bisher sind, müssen wir noch ermitteln. Aber das sind schon annehmbare Klicks“, sagt Young, der jetzt sogar weitere Mitarbeiter sucht. Etwa 85 Prozent seiner User kommen aus Deutschland. Vernetzt aber ist er international. „Wir haben Partnerschaften mit Sponsoren auf der ganzen Welt.“ Sie sind die wichtigste Einnahmequelle – auch das hat eSports mit klassischen Sportarten gemeinsam. „Unser langfristiges Ziel ist es aber, von den Spieleinnahmen leben zu können“, erklärt Young. „Mit 50.000 Matches pro Tag hätten wir für eine lange Zeit ausgesorgt.“

Wie das gelingen soll? Young hat schon Pläne – und die bewegen sich in Richtung Fußball. „Fifa17 war einer unserer größten Titel“, sagt der 28-Jährige. Doch mittlerweile würden mit der Fußballsimulation, bei der Spieler in die Rolle von Weltfußballern schlüpfen, keine Turniere mehr ausgetragen. „Wir warten nun alle gespannt auf Fifa18“, so Young. „Damit wollen wir ganze Städtetouren machen.“ Dazu arbeitet das Nienhäger Unternehmen mit Bundesliga-Vereinen zusammen. „Der VfL Wolfsburg zum Beispiel hat schon regelmäßig eSports-Veranstaltungen durchgeführt“, sagt Young.

Je nachdem, wieviel Geld die Spieler einsetzen, steigt am Ende das Preisgeld – so funktioniert das Prinzip. Dabei ist Youngs Klientel nicht unbedingt der „FC Bayern“ unter den eSportlern. Seine Vision ist es, den Sport noch besser zu etablieren. eSports solle für jedermann zugänglich sein – entsprechend soll auch jeder Spieler die Chance auf Preisgelder haben.

Gesellschaftlich angekommen sei die Branche inzwischen. „In England oder in Skandinavien ist eSports längst ein anerkannter Sport. Deutschland aber hinkt noch hinterher“, sagt Young. Der Deutsche Olympische Sportbund sperrt sich bislang gegen eine Aufnahme des noch sehr jungen eSports-Verbandes Deutschland. Die Begründung: Ein Verband müsse in mindestens acht Bundesländern organisiert sein und mindestens 10.000 Mitglieder haben. Bei allem Verständnis für die Diskussion um „Ballerspiele“ nach den Amokläufen an deutschen Schulen hofft Young dennoch, dass eSports endlich „auch in den oberen Etagen“ ankommt.