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Fußball regional „Kein charakterloser Sauhaufen“
Sport Fußball regional „Kein charakterloser Sauhaufen“
18:40 29.02.2012
Von Oliver Schreiber
Nienhagen

Dominik Klus schaltet auf Offensive. „Wir sind kein charakterloser Sauhaufen und keine Söldnertruppe. Dieser Eindruck ist in der Öffentlichkeit leider erweckt worden, entspricht aber nicht den Tatsachen. Uns wird hier komplett der Schwarze Peter zugeschoben, das können wir so nicht stehen lassen“, erklärt der Kicker von Fußball-Bezirksligist SV Nienhagen.

Beim „Kabinengespräch“ mit der CZ unmittelbar nach dem Training stellt sich die Truppe als Einheit dar und demonstriert Geschlossenheit. Also genau die Tugenden, die auf dem Spielfeld oftmals fehlten. „Den Schuh ziehen wir uns auch an. Wir haben leider zu selten Teamgeist gezeigt und uns durch viele Undiszipliniertheiten selbst geschadet. Diese Kritik müssen wir uns gefallen lassen. Wir sind sicherlich nicht elf Freunde, aber es ist auch keineswegs so, dass wir uns nach dem Spiel oder beim Training ständig an die Gurgel gehen“, übt Christian Grabowski Selbstkritik und erntet ein zustimmendes Kopfnicken seiner Kollegen.

Ab der kommenden Saison wird die zweite Mannschaft, amtierender Kreismeister und aktueller Kreisliga-Spitzenreiter, ihren Part im Bezirk unter der Leitung von Claus Netemeyer übernehmen. Hintergrund dieser Entscheidung sind Sparzwänge auf Grund einer Etat-Reduzierung.

„Dadurch wird der Eindruck erweckt, dass wir hier Unsummen an Geld kassieren würden. Das ist absoluter Quatsch. Ich lege sogar noch Geld drauf, um hier spielen zu können“, sagt Alexander Tiegs, der von seinem Wohnort Hermannsburg nach Nienhagen pendelt. Paradoxerweise zieht er bald in die Nähe des SVN-Sportplatzes – und muss möglicherweise wieder weite Fahrten in Kauf nehmen, wenn er dann für einen anderen Klub kickt.

Tiegs stört auch die Argumentation des Vorstands, dass es Ziel sei, künftig vermehrt auf Spieler aus den eigenen Nachwuchs zu setzen, um eine bessere Identifikation mit Ort und Umfeld zu erreichen. „Das klingt so, als ob in der zweiten Mannschaften nur Jungs aus Nienhagen kicken und bei uns nur Söldner. Die Hälfte unseres Kaders kommt aus der SVN-Jugend, fast alle anderen spielen – teilweise mit Unterbrechung – schon jahrelang für den Verein“, so Tiegs.

Manuel Gebler bemängelt die Art der Kommunikation. „Wir sind vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Nach dem Motto: Nächstes Jahr kickt die Zweite für euch. Wer will, kann bleiben, wer nicht, kann gehen. Warum ist man nicht auf uns zugegangen und hat uns mit den Fakten konfrontiert: ‚Jungs, ab nächster Saison gibt es keine Prämien und Fahrgelder mehr. Wie schaut‘s aus, seid ihr trotzdem bereit, weiter für uns Bezirksliga zu spielen?‘. Das wäre fair gewesen“, zürnt der 25-Jährige. Einige Spieler des aktuellen Kaders sind angesprochen worden, ob sie auch in der neuen Saison unter neuer Führung weiter die Stiefel für die Gelb-Schwarzen schnüren wollen, darunter auch er. Andere wiederum nicht.

Auf keinen Fall mehr dabei sein wird dann „Urgestein“ Jens Gebler, seit Mitte der 90-er Jahre in Nienhäger Diensten. „Ich hätte nach dieser Saison eh aufgehört. Es ist schade, was hier gerade abläuft. Es wird der Anschein erweckt, dass wir eine charakterlose Truppe sind, die zweite wird als vorbildliche Mannschaft und Aushängeschild des Vereins dargestellt. Die Frage sei erlaubt, wo denn der Vereinsgedanke ist, wenn wir zum Beispiel bei Auswärtsspielen akute Personalnot haben und dann keine Unterstützung aus der zweiten Mannschaft bekommen? Als Begründung für die Absagen diente die angeblich zu weite Auswärtsfahrt. Schon komisch, wenn dann plötzlich dieselben Spieler eine komplette Saison mit weiten Fahrten in der Bezirksliga spielen wollen. Auch hier sollte man mal die Charakterfrage stellen“, meint der 34-Jährige.

Apropos Fragen stellen. Das tut Stürmer Naser Dullaj. „Offensichtlich wird ja gewünscht, dass viele von uns den Verein verlassen. Aber was passiert eigentlich, wenn wir alle bleiben und uns dem Konkurrenzkampf stellen? Bekommen wir überhaupt die Chance, in der Bezirksliga-Mannschaft zu spielen?“, fragt Dullaj in die Runde und löst ein breites Grinsen in vielen Gesichtern aus.

Trainer Sven Teichmann, der im Sommer ebenfalls gehen muss, hört interessiert und genau zu. „Ich kann die Jungs verstehen. Die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen worden ist, war nicht in Ordnung“, erklärt Teichmann. Sein Konzept für erste und zweite Mannschaft, dass unter anderem ein Funktionsteam mit zwei bekannten Persönlichkeiten der Celler Fußball-Szene beinhaltete, fiel beim Vorstand durch. „Ich durfte das zwar mal kurz erläutern, aber richtig beschäftigt hat sich damit niemand. Kein Wunder, die Entscheidung stand ja schon fest“, kritisiert Teichmann.

Mark Karpenstein, Teammanager im Herrenbereich und bis Januar auch Mitglied im Abteilungsvorstand, hat Verständnis für den Groll der Spieler, verteidigt aber die Grundsatzentscheidung. „Ich war selbst Spieler und kann den Ärger nachvollziehen. Es lag nicht in unserer Absicht, dass der Eindruck entsteht, die erste Mannschaft sei eine Söldnertruppe. Das ist auch völlig unsinnig, weil wir schließlich keine horrenden Summen zahlen“, erläutert Karpenstein. Grundsätzlich sei ein solcher Umbruch schwer vermittelbar. „Es ist leider unmöglich, dass so zu kommunizieren, dass sich niemand auf den Schlips getreten fühlt. Aber wir mussten im Vorstand auf Grund des Sparzwangs eine Entscheidung treffen. Und wir haben letztlich keine andere Möglichkeit als diese gesehen“, so Karpenstein.

Er unterstreicht noch einmal, dass kein Spieler „abgeschoben“ werden soll. „Das haben wir ihnen auch ganz klar so gesagt. Für uns war es aber ein Gebot der Fairness und des Respekts gegenüber den Spielern, ihnen im Sommer keine Steine in den Weg zu legen, wenn sie uns verlassen wollen. Ich hoffe sehr, dass die Jungs in der Rückrunde zeigen, dass sie zu Unrecht so negativ dargestellt werden“, sagt Karpenstein.

Zumindest das ist auch die Maxime der Mannschaft. Dafür wiederholt sich Klus gerne. „Wir sind kein charakterloser Sauhaufen.“