Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Fußball regional Profi-Fußballer aus Hermannsburger beschäftigt sich mit Ausgrenzung jüdischer Sportler
Sport Fußball regional Profi-Fußballer aus Hermannsburger beschäftigt sich mit Ausgrenzung jüdischer Sportler
16:55 20.01.2017
Von Christopher Menge
Jonas Struß (oben links), hier im Testspiel gegen die U21 ausAserbaidschan, ist für Rot-Weiß Erfurt in der 3. Liga aktiv. Abseits des Spielfeldes wird für das Abitur gebüffelt, was der aus Hermannsburg stammende Struß (rechts) auch im Trainingslager mit Tobias Kraulich (links) und Marius Wegmann erledigt. Quelle: Frank Steinhorst-Pressefoto (2)
Celle Stadt

Julius Hirsch genannt „Juller“, war der erste jüdische Fußballspieler, der das deutsche Nationaltrikot trug. Er wurde am 1. März 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Hirsch gehörte mit Gottfried Fuchs, der auch Jude war, zu der Mannschaft, die 1912 an den Olympischen Spielen in Stockholm teilnahm. In diesem Turnier wurde der legendäre 16:0-Sieg gegen Russland errungen. Fuchs erzielte zehn Tore – ein bis heute unerreichter Torrekord in einem Länderspiel. Auch Fuchs wurde von den Nazis verfolgt. Er konnte jedoch nach Kanada fliehen.

Struss hat recherchiert, dass die Verfolgung und Ausgrenzung der Juden im Fußballsport unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 begann. Innerhalb weniger Wochen seien die jüdischen Mitglieder aus vielen Vereinen ausgeschlossen worden. Der so genannte „Arierparagraph“ war Teil des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das Hitler am 7. April 1933 erließ und das zunächst politisch unliebsame Beamte aus dem Staatsdienst entfernen sollte.

„Viele Fußballvereine orientierten sich am ,Arierparagraphen‘, übrigens auch in ,vorauseilendem Gehorsam‘ schon zu dem Zeitpunkt, als dies noch nicht einmal gesetzlich vorgeschrieben war“, erzählt der 19-jährige Abiturient. Bereits am 9. April 1933 hätten 14 Vereine aus dem Süden und Südwesten der Republik in der sogenannten Stuttgarter Erklärung betont, sich der nationalen Regierung freudig und entschieden zur Verfügung zu stellen. Insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen werde mit den neuen Machthabern zusammen gearbeitet, hieß es von Vereinen wie Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg, SpVgg Fürth, FC Bayern München, TSV 1860 München oder 1. FC Kaiserslautern. „Lediglich einzelne Vereine wie Bayern München haben ihre jüdischen Mitglieder so lange wie möglich am Vereinsleben teilhaben gelassen“, berichtet Struß. Über den Ausschluss jüdischer Mitglieder aus Celler Turn- und Sportvereinen liegen keine Erkenntnisse vor.

Struß sind besonders die Schicksale von Hirsch und Fuchs nahe gegangen. „Sie zeigen, dass Popularität oder früher errungene Erfolge und Verdienste um den deutschen Sport die Betroffenen nicht retten konnten“, sagt der junge Fußballer, „einziges Kriterium war die ,rassische‘ Zugehörigkeit zum Judentum, definiert nach den NS-Rassengesetzen.“ Hieran könne man erkennen, dass die Ausgrenzung kein Einzelfall war, sondern – wie in allen gesellschaftlichen Bereichen – systematisch vollzogen wurde. Dabei war und ist der nationalsozialistische Rassenhass das radikale Gegenteil der Ideale des Fußballs.