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Fußball regional TuS Hermannsburg nimmt beitragsfrei Flüchtlinge auf
Sport Fußball regional TuS Hermannsburg nimmt beitragsfrei Flüchtlinge auf
16:43 22.05.2015
Die beiden 30-Jährigen Gere (links) und Habteyohanes finden in Deutschland, speziell in Hermannsburg, "alles gut". Quelle: Udo Genth
Hermannsburg

Die Vorhänge in der großen Halle der Hermannsburger Örtzetalhalle sind herabgelassen und teilen die Sportstätte in mehrere Spielflächen. In der linken Abteilung wird Fußball gespielt. Unter den Kickern fallen zwei Spieler, die dem Ball nachjagen, durch ihre dunkle Hautfarbe auf. Jenseits des Vorhangs treiben etwa 30 Sportbegeisterte gymnastische Übungen. Auch hier sind zwei dunkelhäutige Sportler mittendrin. Die vier Männer kommen aus Eritrea. Sie sind aus ihrem Heimatland geflohen und wohnen nun in Hermannsburg.

Der 19-jährige Redwan und sein drei Jahre älterer Landsmann Angosom lieben Fußball. Sie sind seit sieben Monaten in Deutschland und über das Lager Friedland nach Hermannsburg gekommen. Hier finden sie „alles gut“. Ganz ähnlich äußern sich Gere und Habteyohanes, beide 30 Jahre alt. Sie seien über den Sudan und Libyen nach Italien gekommen und von dort nach Deutschland, erzählen die beiden. Sie genießen es, sich durch Sport fit zu halten. In ihrem Heimatland Eritrea hätten sie ihn jedoch nicht betreiben können.

Erich Johannes, Abteilungsleiter der Turnsparte beim TuS Hermannsburg, kümmert sich um die jungen Afrikaner. Insgesamt sind es acht Männer, die regelmäßig am Montagabend beim Männersport des TuS mitmachen. „Alle sind bei uns voll integriert und beteiligen sich an allen Vereinsaktivitäten auch außerhalb der Sporthalle“, erzählt Johannes. Dass die Männer aus dem Land am Roten Meer seit November als reguläre Vereinsmitglieder beim TuS aktiv sein können, verdankt das Quartett einem Beitragssponsoring. „Sport verbindet – das war doch schon immer so. Für uns ist Integration keine leere Worthülse“, so Johannes.

Im gesamten Landkreis Celle haben sich die meisten Sportvereine angesichts der steigenden Zahl an Flüchtlingen darauf verständigt, die Vertriebenen unbürokratisch und beitragsfrei aufzunehmen. Der TuS Hermannsburg ist auch dabei, wenn es darum geht, den Asylbewerbern ein wenig Abwechslung von ihrem Alltag in den Wohnheimen zu bieten.

Sich mit den vier Asylbewerbern aus dem afrikanischen Land zu unterhalten ist nicht ganz einfach. Etwas Deutsch verstehen alle Vier, ebenso sind ein paar Brocken Englisch vorhanden, ansonsten geht es mit Händen und Füßen und einer großen gegenseitigen Verständigungsbereitschaft. „Der Stand des Deutschunterrichtes leidet sehr“, erläuterte Eberhard Horn, der ehrenamtlich tätige Lehrer aus der Sportgruppe. „Durch die Arbeitseinsätze der Asylanten ist es schwierig, gemeinsame Termine für alle Eritreer zu finden. Das macht es schwer, ein einheitliches Sprachniveau zu erreichen“, so Horn.

Da war es ein besonderer Glücksfall, dass ein Sportkamerad Aster Ahrens kennenlernte. „Eine gebürtige Eritreerin, die in Poitzen verheiratet ist“, berichtet Johannes. Sie erklärte sich spontan bereit, für die ganze Gruppe – immerhin etwa dreißig Mann – ein Gericht aus Eritrea zu kochen und zu dolmetschen, um anstehende Fragen zu klären. Gesagt, getan: Im Vereinsheim wurde Engera serviert, ein Gericht mit traditionellen Fladen, hart gekochten Eiern, gebratenen Hühnerschlegeln und einer scharfen Soße. In den Tischgesprächen ging es um die politische Situation in Eritrea und die Asylpraxis in Deutschland.

In dem Nachbarland Äthiopiens sind laut der Vereinten Nationen schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen wie willkürliche Tötungen und Verhaftungen sowie Folter weit verbreitet. Menschen werden aufgrund ihrer Religion verfolgt, Meinungs- und Pressefreiheit gibt es so gut wie gar nicht.

In diesem System der Unterdrückung wollten Redwan und die anderen nicht mehr leben – und flohen nach Europa. „We are happy“ – wir sind glücklich – sagen sie immer wieder. In Deutschland, speziell Hermannsburg, sei alles gut, lautet das Urteil der beiden älteren Eritreer. Sogar an das deutsche Essen hätten sie sich längst gewöhnt – und der Männersportgruppe wiederum mundete das exotische Engera-Gericht. Nicht nur der Sport verbindet, auch gemeinsames Essen.

Von Udo Genth und Heiko Hartung