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Fußball regional Unterricht mal ganz anders: HBG-Schüler lernen von behinderten Sportlern
Sport Fußball regional Unterricht mal ganz anders: HBG-Schüler lernen von behinderten Sportlern
20:43 24.02.2015
Von Jürgen Poestges
Schulprojekt: Von Behindertensportlern lernen Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

„Den Satz ,Das kann ich nicht‘ hat es bei mir nie gegeben. Ich habe immer alles ausprobiert.“ Der Mann, der das sagt, ist einer der erfolgreichsten deutschen Behindertensportler. Der contergangeschädigte Josef Giesen holte zuletzt bei den Paralympics 2010 in Vancouver die Bronzemedaille im Biathlon über die 12,5-Kilometer-Strecke. Sowohl im Gespräch mit NDR-Moderator Andreas Kuhnt sowie mit den Schülern lebte der 53-Jährige seinen eigenen Grundsatz vor: Anders sein ist normal.

Giesen, der heute in Herzlake lebt, stellte immer wieder heraus, dass gegenseitiger Respekt und Toleranz dafür sorgen können, dass Vorurteile gar nicht erst entstehen. Das ist auch das Motto der Aktion des BSN. „Uns ist klar, dass es ein weiter Weg ist“, sagt BSN-Vizepräsident Herbert Michels. „Aber jemand wie Josef Giesen nimmt mit seiner offenen Art jedem schnell jegliche Berührungsängste.“ Das Projekt wird von der Niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung, der Sparda-Bank-Hannover-Stiftung und der Firmengruppe-Hänsch-Stiftung unterstützt.

Die Schüler kamen von den sportlichen Erfolgen Giesens sehr schnell zu seinem Privatleben. „Ich hatte das große Glück, dass meine Eltern und Geschwister mich immer völlig normal behandelt haben“, erklärte der Athlet. „Ich habe nie eine bevorzugte Behandlung erhalten.“ Giesens Geschichten machten auch nicht vor Toilettenbesuchen unter erschwerten Bedingungen halt. Und er erklärte, dass man auch den Mut haben müsse, offensiv um Hilfe zu bitten, wenn es sein muss. „Ich bin jetzt 53 Jahre alt und kann zum Beispiel immer noch keine Schleife binden“, scherzte er über sein Unvermögen, sich selber die Schuhe zu schnüren.

Er hatte auch einige Gegenstände aus seinem Alltag mitgebracht. Zum Beispiel Schuhe, an denen er vorne eine Harke angebracht hatte, um im Garten arbeiten zu können. Für viel Gelächter sorgte sein „Boßel-Schuh“ – vorne auf der Kappe ist ein kleiner Korb angebracht, in den die Boßelkugel gelegt werden kann.

Schon vorher durften einige Schüler aus der neunten Klasse des HBG eine vermeintliche Behindertensportart ausprobieren: Rollstuhl-Basketball. Eike Gößling, selber Bundesliga-Rollstuhlbasketballer bei Hannover United, leitete die Gruppen an. Erste Überraschung: Er selbst hat keine Behinderung, die die Nutzung eines Rollstuhles nötig machen würde. „Ich habe früher Fußball gespielt, musste dann aber nach Knorpel-Problemen im Knie und in der Ferse aufhören“, erzählt der 20-Jährige. „In meiner Parallelklasse war ein Junge, der zum Rollstuhlbasketball ging. Er hat mich mitgenommen und es hat mich schnell gepackt.“ Für Gößling sei der Rollstuhl ein Sportgerät.

Die reine Bedienung des Sportrollstuhls war für die Schüler kein Problem. Allerdings gab es so manch eine Hürde zu umschiffen, bevor man mit dem Spiel starten konnte. Denn wie zum Beispiel soll man in Fahrt kommen, wenn der Ball immer von den Knien rutscht? Oder wie hebt man den Ball vom Boden auf, wenn man sich wegen einer Behinderung nicht einfach danach bücken kann? Gößling nahm sich viel Zeit für die Übungen, und die Schüler waren mit Feuereifer dabei. Einige wollten am Ende der Schulstunde gar nicht mehr aus den Rollstühlen heraus.