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Fußball regional Werner Holthusen: Der Celler Augenzeuge des Wunders von Bern
Sport Fußball regional Werner Holthusen: Der Celler Augenzeuge des Wunders von Bern
18:03 03.07.2014
Von Heiko Hartung
Werner Holthusen hat seine Erinnerungen an die WM 1954 - in einem Fotoalbum festgehalten. Auch die Eintrittskarte vom - Finale Deutschland gegen Ungarn in Bern fehlt nicht. Quelle: Benjamin Westhoff (2), privat
Celle Stadt

Es ist der 4. Juli 1954. Werner Holthusen steht auf einer Mauer am Ausgang des Berner Wankdorfstadions. Zu seinen Füßen wogt eine unüberschaubare Menschenmenge hin und her. Der 20-Jährige hat einen Fotoapparat in der Hand, als ein Bus die Stätte verlässt, an der kurz vorher eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte des deutschen Sports stattgefunden hat. Als das Fahrzeug an dem jungen Studenten vorbeifährt, reißt Holthusen die Kamera geistesgegenwärtig hoch und drückt ab. Erst einige Tage später weiß er, dass ihm in der Schweiz ein bemerkenswerter Schnappschuss gelungen ist.

Ziemlich genau 60 Jahre später schlägt Werner Holthusen sein Fotoalbum auf. Der ehemalige Schulleiter des Celler Gymnasiums Ernestinum (1971 – 1997) streicht zärtlich über die Aufnahmen. Bei einem Bild verweilt sein Blick. Es ist das Foto vom Stadionausgang. Es zeigt den Bus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die keine Stunde zuvor im Endspiel der Weltmeisterschaft den haushohen Favoriten Ungarn mit 3:2 besiegt hat. Aus dem offenen Fenster winkt ein Mann. Es ist Sepp Herberger und es scheint, als lächle der Trainer, der seine Elf zum WM-Titel geführt hat, nur für den jungen deutschen Schlachtenbummler in die Kamera.

Heute jährt sich der Triumph von Kapitän Fritz Walter & Co. – für einige Historiker gilt er als Wiedergeburt einer Nation – zum 60. Mal. „Vieles von diesem Tag hat sich für immer in mein Gedächtnis eingeprägt“, sagt Holthusen. Der gebürtige Hannoveraner, der seit über 40 Jahren in Celle lebt, hatte damals nach dem Abitur gerade sein Studium in Freiburg angetreten. „Auf einmal stand die Welt offen. Ein Gefühl, das ich als Kriegskind bislang nicht kannte. Wir konnten sogar nach Frankreich reisen – das waren ungeahnte Möglichkeiten“, erinnert sich der heute 80-Jährige. Und er nutzte die neu gewonnene Freiheit.

Von seiner neuen Heimat, dem Breisgau, war es nicht weit über die Grenze in die Schweiz, wo in diesem Sommer die fünfte Fußball-Weltmeisterschaft an sechs verschiedenen Spielorten ausgetragen wurde. Holthusen, selbst begeisterter Fußballer, war bereits mit dem Zug nach Basel gereist, wo Titelverteidiger Uruguay die Engländer im Viertelfinale besiegt hatte. „Die Südamerikaner hatten Samba-Kapellen mitgebracht. Die Schweizer fielen bei dem Anblick der Tänzerinnen aus allen Wolken“, erinnert sich das frühere Celler Stadtratsmitglied Holthusen.

Auch das berühmte Wiederholungsspiel der Herberger-Truppe in Zürich gegen die Türkei (7:2) um den Einzug ins Viertelfinale hatte Holthusen live miterlebt. Als er in den Ferien Besuch von seinem Schulfreund Peter König bekam, beschlossen die beiden: „Wir fahren nach Bern.“

„Ich musste eigentlich viel pauken zu der Zeit“, erzählt Holthusen und lächelt verschmitzt. Doch sein Uni-Dozent unterschrieb die Beurlaubung. „Ich musste ihm versprechen, genauestens Bericht zu erstatten.“ Auf dem Motorrad des Freundes machten sie sich auf in die Schweizer Hauptstadt. Schon während der Anreise durchs Schweizer Jura prasselte der Regen unaufhörlich nieder – echtes „Fritz-Walter-Wetter“ eben.

Am Tag vor dem Finale quartierten sie sich in einer Jugendherberge ein. Nun mussten Final-Karten her. „Die Partie war ausverkauft. Schwarzhändler hatten alles aufgekauft und standen überall in der Stadt.“ 25 Mark wollten die Händler pro Karte haben. „Für uns ein unvorstellbarer Betrag, heute wären das etwa 125 Euro“, so Holthusen. Zähneknirschend schlugen er und sein Freund ein.

Am Tag des Endspiels vibrierte das sonst so beschauliche Bern. „Der Krieg war nicht lange her. Beliebt waren wir als Deutsche nicht, die Ablehnung war spürbar“, blickt Holthusen zurück. Im Stadion standen er und König im Schweizer Block auf Höhe der Mittellinie – toller Blick aufs Spielfeld. „Nach wenigen Minuten stand es 0:2. Die Schweizer waren begeistert, wir tief betrübt.“ Beim Anschlusstreffer von Morlock sprangen die beiden Deutschen als einzige im Block auf. Um sie herum: keine Reaktion, Stille. Doch mit dem Ausgleich kippte die Stimmung. „Die Einheimischen haben die Leistung der deutschen Elf anerkannt. Die Vorbehalte bauten sich ab“, glaubt Holthusen und sieht den Grund dafür im zurückhaltenden und disziplinierten Auftreten der Herberger-Elf: „Bei ihren Toren zeigte die deutsche Mannschaft große Freude, aber keine Überheblichkeit. Da können sich manche Fußball-Stars heutzutage eine Scheibe von abschneiden.“

Und dann kam der Moment kurz vor Ende der Partie, in dem Rahn aus dem Hintergrund hätte schießen müssen. Rahn schoss und ... der Rest ist Geschichte. „Wir fassten es nicht“, sagt Holthusen und sucht nach Worten, um diesen einen Moment zu beschreiben, in dem der „Boss“ Helmut Rahn keine 70 Meter vor seinen Augen den Siegtreffer für Deutschland erzielte. Und dann fällt ihm eine Formulierung ein: „Wir waren ... verdutzt.“ So einfach ist das.

Wenn Werner Holthusen heute auf diese Zeit zurückblickt, sieht man ihm an, wie ihm das Herz dabei aufgeht. Das Abseitstor des „Majors“ Ferenc Puskas, die Glanzparade Toni Tureks, der Schlusspfiff – wie ein innerer Film scheinen Situationen und Emotionen des Spiels in Holthusen abzulaufen. Und auch von den Tagen danach: „Die Leute bekamen das Gefühl von einem anderen Deutschland, dass sich nicht militärisch hervortut sondern im friedlichen Wettkampf etwas leistet. Nach dem Totalabsturz des Krieges war das ,Wunder von Bern‘ wie eine Initialzündung in eine neue Ära“, meint Holthusen.

Natürlich verfolgt er die WM in Brasilien in Fernsehen. Die Gefühle werden dabei aber niemals die Intensität von damals erreichen. „Schon der WM-Titel 1974 war ein völlig anderes Gefühl, irgendwie selbstverständlicher“, sagt Holthusen und schlägt sanft das Album zu. Der aus dem Busfenster winkende Herberger verschwindet zwischen den Buchdeckeln.