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Lokalsport Der "sanfte Weg" kann ganz schön hart sein - eine Trainingsstunde mit den Judoka des TuS Hermannsburg
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15:21 08.11.2017
Von Heiko Hartung
Quelle: Oliver Knoblich
Hermannsburg

Ich versuche einzuatmen, aber meine Lungen sind nicht imstande, sich mit Sauerstoff zu füllen, denn der Unterarm von Matthias Schmunk presst sich auf meine Luftröhre. Ich winde mich rücklings auf der Matte hin und her, doch je mehr ich versuche, mich aus der Umklammerung zu lösen, desto fester drückt der 36-Jährige seine Arme und Beine wie eine Zange um meinen ganzen Körper. Seine Hand zerrt an meinen Kragen und drückt ihn auf meinen Hals. In meinem Hirn kommt kein frisches Blut an, denn mein eigenes Anzugrevers schneidet mir die Halsschlagader ab. Ein Schweißtropfen läuft mir ins Auge, es brennt. Doch viel schlimmer ist dieses Gefühl von Ohnmacht. Als der Schwindel fast unerträglich wird, schlage ich mit meiner flachen Hand drei Mal auf die Matte. Das Zeichen der Aufgabe. Sofort löst sich die Umklammerung, ich zappele wie ein Fisch auf dem Trockenen und sauge gierig die stickige Sporthallenluft ein. Da taucht Schmunks Gesicht in meinem Sichtfeld auf. Und grinst. „Das war ein Shime Waza. So nennt man beim Judo die Würgetechniken. Zehn Sekunden länger und Du wärst bewusstlos eingeschlafen.“

Der Mann, der mich gerade noch in seinem eisernen Griff hatte, steht nun über mir und reicht mir die Hand. Schmunk war 2006 und 2009 Deutscher Judo-Vizemeister in der Gewichtsklasse über 100 Kilogramm. Ich frage ihn: „Judo heißt übersetzt doch ,Sanfter Weg‘, oder?“ Die Antwort: „Ja, der sanfte Weg, sich zu Prügeln.“ Schmunk schaut mich an als wolle er sagen: Stell dich nicht so an, Weichei. Ist doch nur Spaß.

Beim Gürtelbinden fangen die Schwierigkeiten an

Eine Stunde vorher hatte ich die Sporthalle des Christian-Gymnasiums in Hermannsburg betreten. Bei den Landesliga-Judoka des TuS wollte ich eine Trainingsstunde mitmachen. Bereits auf dem Weg hatte ich mir ein paar Witzchen zur Auflockerung überlegt: Ippon? Das ist doch dieser Puffreis mit Schokoüberzug. Und wer ist eigentlich diese Uchi Mata? Macht die auch bei Euch mit? Aber bereits beim Aufwärmprogramm blieb mir das Lachen im Halse stecken, als ich mit Schwergewichtler Schmunk huckepack auf dem Rücken durch die Halle laufen musste.

In meinem geliehenen Judo-Anzug komme ich mir ein wenig komisch vor. Die Hose hat Hochwasser, die Jacke („Kimono“) passt leidlich. Beim korrekten Binden des Gürtels (als Novize darf ich natürlich nur einen weißen Anfängergurt tragen) muss mir Gregor Heise helfen. Der 37-Jährige hat erst vor zwei Jahren mit Judo angefangen. „Es ist nie zu spät. Rangeln hat mir schon als Kind Spaß gemacht“, sagt er.

Dann übernimmt Judo-Abteilungsleiter Frank Walzer das Kommando im „Turnhallen-Dojo“. Der 49-Jährige trägt den schwarzen Meistergürtel des 3. Dan und hat 1982 mit dem Kampfsport angefangen – unter Hermannsburgs Trainer-Ikone Dieter Wermuth, der heute noch die Zweitliga-Frauen des Vereins coacht. „Wir haben nicht mehr den Zulauf wie früher“, erzählt Walzer. Einst waren es 120 Mitglieder beim TuS, jetzt ist es noch die Hälfte. Besonders im Nachwuchsbereich bröckele es.

Da kommt es gerade recht, dass ein bekannter Name wie Matthias Schmunk wieder dabei ist. Der 36-Jährige hatte seine erfolgreichste Zeit vor etwa zehn Jahren. Im Leistungszentrum in Hannover trainierte er mit Partnern wie dem Olympia-Dritten von 2012, Dimitri Peters. „Matthias ist ein echter Wettkämpfer“, sagt Walzer über den Schwarzgurt-Träger (2. Dan). Nach Ende seiner Leistungssport-Karriere trainierte Schmunk, der als Kind aus dem russischen Krasnodar am Schwarzen Meer nach Deutschland kam, nur noch sporadisch. Jetzt ist der zweifache Vater wieder regelmäßig an den Trainingsabenden dabei. Und weil er unter den anwesenden sieben Judoka mit seinen 115 Kilogramm meinem Körpergewicht von 95 Kilogramm am nächsten kommt, ist er heute mein Trainingspartner.

Doch bevor es ans Eingemachte geht, steht die traditionelle Begrüßung an. Wir gehen im Kreis auf die Knie und verbeugen uns voreinander. „Mokuso“, sagt Walzer. Der Begriff aus Japan, dem Ursprungsland des Judo, heißt zu deutsch etwa „Ruhiges Denken“. Wir verweilen einen Moment in der meditativen Haltung und bereiten uns mental auf das Training vor. Beim Aufstehen wird zuerst das rechte und dann das linke Knie gehoben.

Bevor es mit den ersten Wurfübungen losgeht, muss ich das richtige Fallen lernen. „Stell Dir vor, Du rutschst auf einer Bananenschale aus. Dann lass Dich auf die Seite fallen und schlage mit der flachen Hand auf der Matte auf“, erklärt Walzer in seiner ruhigen, ja, sanften Art. Als ich nach einigen Versuchen die Scheu vor dem Sturz abgelegt habe, funktioniert es erstaunlich gut. Weil ich mit größtmöglicher Körperfläche auf den Boden aufschlage, verteilt sich die Wucht des Aufpralls. „So werden Verletzungen vermieden“, ruft mir Walzer zu.

Gleichgewicht brechen:„Judo ist reine Physik“

Als mir Schmunk und sein Teamkollege Tobias Huth (23) die „Große Außensichel“ (O-Soto-Gari) vorführen, weiß ich die zuvor praktizierten Fallübungen zu schätzen. Denn jetzt bin ich dran: Schmunk packt mich mit seinen riesigen Pranken an Ärmel und Kragen. Mit einem Ruck reißt er die Arme auseinander, stemmt sich gegen meine Brust und bringt mich aus der Balance. Gleichzeitig schwingt sein rechtes Bein hinter meinen Körper – und schneller als ich gucken kann, liege ich wie ein Maikäfer auf dem Rücken. „Und jetzt Du bei mir“, fordert mich Schmunk auf. Ich habe Mühe, den komplexen Bewegungsablauf auf die Reihe zu bekommen. Aber Schmunk korrigiert mich und lässt sich widerstandslos von mir „auf die Matte legen“. Langsam dämmert mir, warum man beim Judotraining von Partner und nicht von Gegner spricht.

„Judo ist reine Physik. Es geht darum, das Gleichgewicht des anderen zu brechen und dann eine bestimmte Technik anzuwenden“, erklärt Walzer. Davon gibt es übrigens 40 verschiedene Basisformen. Das Ziel im Wettkampf ist es, den Gegner kontrolliert auf den Rücken zu werfen, ihn für 20 Sekunden zu halten – oder eben durch eine Hebel- oder Würgetechnik zur Aufgabe zu zwingen. Das gibt dann einen Ippon (Ganzer Punkt) und der Kampf ist beendet.

Mit jeder Wiederholung geht es bei mir mit der „Großen Außensichel“ flüssiger. „Wenn Du so weitermachst, kannst du Dich bald zur ersten Gürtelprüfung anmelden“, scherzt Walzer. Es folgen Hebeltechniken, bei denen Schmunk mein Ellbogengelenk überdehnt, bis ich zum Zeichen der Aufgabe erneut wie wild mit der Hand auf die Matte haue. Bei den Halteübungen raufen wir fast wie zwei Ringer auf dem Boden herum. „Judo hat viel mit Körperkontakt zu tun – wir kuscheln halt gerne“, sagt Walzer. Nach knapp zwei Stunden fühle ich mich vom vielen „Kuscheln“ kraftlos und ausgelaugt. Aber irgendwie auch total glücklich.