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Lokalsport Die Kunst der ruhigen Kugel: Auf der Bahn mit Celles Top-Kegler Torsten Hensel
Sport Sport regional Lokalsport Die Kunst der ruhigen Kugel: Auf der Bahn mit Celles Top-Kegler Torsten Hensel
17:07 28.07.2017
Von Heiko Hartung
Celle Stadt

Celle. Na klar habe ich schon mal gekegelt. Das erste Mal muss ein Kindergeburtstag gewesen sein, ich war vielleicht neun oder zehn und es gab ohne Ende Fanta und Gummibärchen. Nebenbei haben wir die Kugeln grob in Richtung der Kegel bugsiert – mehr geworfen als gerollt. Im Studium habe ich es erneut versucht. Genaue Erinnerungen habe ich daran nicht mehr, denn Brause und Schnökereien wurden durch Bier, Kurze und Currywurst-Pommes ersetzt.

Jetzt stehe ich in Trainingshose und Hallenturnschuhen neben Torsten Hensel auf Bahn 9 im Kegelsportcentrum des Dachverbands „Verein Celler Kegler“ (VCK) in der Blumlage. Der 49-jährige Maschinenführer wurde im Juni Dritter bei den Deutschen Meisterschaften im Bohlekegeln und erzählt mir etwas von der Bergmannschen Schrittfolge und der Aufsatzbohle. Eine Kugel habe ich da noch lange nicht in der Hand. Zuerst werden die Oberschenkel gedehnt und die Handgelenke gelockert. „Aufwärmen ist das A und O“, sagt Hensel. Langsam dämmert mir: Das Ganze hat vielleicht doch etwas mit Sporttreiben zu tun. Hensel bestätigt: „Sportkegeln und das sogenannte Gesellschaftskegeln unter Freunden sind zwei Paar Schuhe.“

Seit 1920 gibt es den Zusammenschluss der Celler Kegelvereine. Hensel ist seit 1980 Mitglied und startet für Blau-Weiß. Sein Vater Wolfgang (70) hat ihn zum Sportkegeln gebracht und war sein Jugendtrainer. Auch er schaut mir heute auf die Finger – oder besser: auf die Füße. „Die Anlauflänge ist wichtig, das ist wie beim Weitsprung“, sagt Hensel senior. In der Tat: Auf der Linoleum-Anlaufbahn sind Kreidemarkierungen zu sehen. Ich probiere viel aus, beherzige die Bergmannsche Schrittfolge (drei Schritte bis zum Aufsetzen der Kugel, Rechtshänder beginnen mit dem linken Bein) und habe endlich meine Länge gefunden. Immer noch ohne Kugel in der Hand.

Dann endlich darf ich das Spielgerät anfassen. Gut drei Kilo schwer und mit einem Durchmesser von 16,5 Zentimetern liegt es gut in der Hand. Ich visiere mein Ziel an: Die neun Kegel am Ende der 23,5 Meter langen und 35 Zentimeter schmalen Holzparkett-Lauffläche. „Stopp“, ruft Landeskader-Athlet Hensel und belehrt mich. „Nicht zu den Kegeln schauen, sondern auf den Punkt der Bahn, wo die Kugel aufgesetzt werden soll.“ Also noch einmal. Wie es mir erklärt wurde, stehe ich in der leicht gebückten Ausgangsstellung, mache, während ich aushole, meine drei Schritte. Die Hand schwingt eng am Körper vorbei und „legt“ die Kugel auf den vorher fixierten Punkt, bevor sie gerade nach oben ausschwingt und die Kugel auf die Reise schickt. Verstärkt durch die leicht konkave Form der Bahn zieht die Kugel eine lange S-Kurve und findet ihr Ziel. Vier Kegel fallen. Ich schaue fragend zu Hensel. „War in Ordnung.“ Seine Stimme klingt ernüchternd. Die nächsten vier Würfe werden nicht besser. Vater Hensel muntert mich auf: „Immerhin noch keine Pumpe.“ Pumpe, Pudel, Ratte – all das bezeichnet einen Fehlwurf, wenn die Kugel in die Rinnen links und rechts der Bahn kippt und keinen einzigen Kegel umwirft.

Ich schiebe Kugel auf Kugel, meine Haltung und Armführung wird ständig korrigiert und plötzlich merke ich, wie meine Oberschenkel durch die vielen Ausfallschritte brennen, Schweiß den Rücken runterläuft und sich die Pumpen häufen. „Mehr Zeit lassen bei den Würfen, besser konzentrieren. Und nicht mit zu viel Kraft arbeiten, sondern ruhig durchschwingen“, fordert Hensel. Und siehe da: Es wird besser.

Nach dem 36. Wurf höre ich, wie Vater Hensel seinem Sohn zuraunt: „Den könnten wir nehmen. In der untersten Klasse kann der mithalten.“ War das jetzt ein Lob? Denn natürlich plagen auch die Sportkegler Nachwuchssorgen. Gerade waren bei einer Ferienpassaktion 70 Kinder im VCK-Kegelcentrum. „Aber da bleiben kaum welche hängen“, sagt Hensel. Dabei macht diese sportliche Herangehensweise an den vermeintlichen Kneipensport richtig Spaß. „Alle Neune“, also das komplette Abräumen der neun Kegel, gelingt mir an diesem Tage zwar nicht, aber ich komme zumindest phasenweise dicht an einen Siebener-Schnitt heran – das ist vergleichbar mit einem Par beim Golf.

Sieben Kegel pro Wurf – das macht bei einem offiziellen Wettkampf, der über 120 Würfe geht, insgesamt 840 „Holz“, wie es in der Keglersprache heißt. Zum Vergleich: Hensel hat bei der jüngsten Deutschen Meisterschaft im Finale 909 Holz geworfen.

Nun will ich es wissen und fordere Celles Top-Kegler zum Kurz-Duell über zehn Würfe hinaus. Am Ende stehen bei mir 63 Holz – aber wenigstens keine Pumpe. Hensel haut 75 Kegel um und sieht dabei noch unzufrieden aus. Was den Unterschied gemacht hat? Keine Ahnung. Ich habe mich redlich bemüht. „Um richtig gut kegeln zu können, muss man mindestens zwei Jahre lang ernsthaft trainieren“, tröstet mich Hensel senior.

Eines nehme ich mir fest vor: Beim nächsten Kegelabend mit den Kumpels gibt‘s kein Pils und keine Currywurst. Höchstens nach dem Sport – denn das ist Kegeln für mich seit heute.