Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Lokalsport Die starken Männer vom SV Beckedorf
Sport Sport regional Lokalsport Die starken Männer vom SV Beckedorf
19:33 19.12.2018
Von Heiko Hartung
Heute stemmt Adolf Rajewski (Bild Mitte) noch regelmäßig Gewichte in seinem Gartenhaus. 50 Kilogramm auf der Langhantel schafft der 79-Jährige im Stoßen noch locker mehrmals hintereinander. Quelle: Heiko Hartung
Beckedorf

Hinterm Einfamilienhaus der Familie Rajewski in Eschede steht ein altes kleines Gartenhäuschen. Hier ist das Reich von Hausherr Adolf Rajewski. Und wer die Tür öffnet und es betritt, dem weht ein Hauch Celler Sportgeschichte entgegen. Neben aufgestapelten Gartenstühlen und einem Fahrrad-Ergometer blickt man auf Eisenstangen, angerostete Scheibengewichte und eine Hantelbank. Doch der Raum mit etlichen Bildern an den Wänden ist kein Museum. Dreimal die Woche kommt der 79-jährige Rajewski hierher, um seiner Leidenschaft nachzugehen. „Um nicht einzurosten“, wie er selbst sagt. Und für Besucher stemmt der topfitte Rentner auch gerne mal eben 50 Kilogramm an der Langhantel.

Es ist das Gewichtheben, was Rajewski zeit seines Lebens in den Bann gezogen hat. Der Sport der starken Männer, der heutzutage ein Nischendasein fristet, dass man ihn kaum noch wahrnimmt – und der einst im Landkreis Celle eine glorreiche Blütezeit erlebte. Rajewski war Teil dieser Erfolgsgeschichte. Der gelernte Maschinenschlosser gehörte zu den Gewichthebern des SV Beckedorf, jenes kleinen Dorfvereins, der Anfang des Jahres mit dem größeren TuS Hermannsburg fusionierte und dessen Name seitdem aus dem Vereinsregister gelöscht ist.

Angefangen hat alles im Escheder Freibad

Auf dem Esstisch in seinem Wohnzimmer blättert Rajewski in einem Sammelordner. Alte Zeitungsausschnitte und Fotos liegen darin. Sie dokumentieren den unglaublichen Aufstieg von einigen Jungs, die gerne ihre Kraft und Ausdauer trainierten, hin zu nationalen Spitzensportlern. „Wir waren sportartenübergreifend die erste Bundesliga-Mannschaft im Kreis Celle“, erinnert sich der frühere Leichtschwergewichtler (bis 82 Kilogramm). Von 1972 bis 1973 sowie von 1974 bis 1975 traten die Beckedorfer in der Erstliga-Nordstaffel gegen Mannschaften aus Köln, Kassel oder Berlin an. Im ersten Jahr wurden sie sogar Zweiter hinter der Frankfurter TG.

Angefangen hat alles im Escheder Freibad. „Da gab es in einem kleinen Schuppen ein paar Jungs, die gerne Gewichte gestemmt haben. Die wurden vom Schwimmmeister Wolfgang Werner aus Berlin angeleitet. Die Hanteln haben wir uns selbst gebaut“, erzählt Rajewski. Eigentlich wollten die Jugendlichen nur ein bisschen Krafttraining fürs Kugelstoßen bei der Sportabzeichenabnahme machen. „Aber Werner meinte, dass wir die Voraussetzungen fürs Gewichtheben haben – und dann sind einige von uns dabei geblieben“, so Rajewski. Einer davon war Michael Hoffmann. Der heute 66-Jährige war damals einer der Jüngeren in der aufstrebenden Escheder „Mucki-Szene“. Vor dem 13 Jahre älteren Rajewski hat er auch heute noch Respekt: „Adolf hat immer volle Pulle gepowert“, erinnert sich Hoffmann, der inzwischen in Altencelle lebt.

Als die Sache richtig ins Rollen kam, erwies sich der im November 1963 neu gegründete SV Beckedorf als Glücksfall für die Gewichtheber-Keimzelle aus Eschede. „Gewichtheben jetzt auch bei uns“, titelte die Cellesche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 20. Februar 1965 und erläuterte: „Mit dankenswerter Unterstützung der Beckedorfer Bevölkerung konnten die Schwerathleten sich einen Trainingsraum ausbauen.“ Schwimmmeister Werner, Rajewski und zwei weitere Escheder traten dem SVB bei – und die kleine Abteilung wuchs rasant.

Kastanienkrug platzt aus allen Nähten

Noch 1965 stiegen die Beckedorfer in die Landesliga auf, im Jahr 1970 maßen sie ihre Kräfte bereits in der zweitklassigen Regionalliga, um wenig später in der höchsten deutschen Liga den Zweikampf aus Reißen und Stoßen auszuüben.

Heute kaum vorstellbar: Die Wettkämpfe fanden zunächst im Beckedorfer Gasthaus „Kastanienkrug“ statt, das längst nicht mehr existiert. „Zu Glanzzeiten haben sich 800 Zuschauer im Saal gedrängelt, sogar auf der Theke haben die gestanden, um uns zu sehen. Und die 1000 Leute vor der Tür mussten wir wieder nach Hause schicken“, erinnert sich Rajewski. Die Leute kamen von weit her ins kleine 250-Seelen-Dorf im Celler Nordkreis. Sogar die „Sportschau der Nordschau“ berichtete im Fernsehen von den Bundesliga-Begegnungen.

Vor der Saalbühne stand eine massive Holzbohle, damit die schweren Gewichte beim Abwerfen nicht das Parkett beschädigten. „Daneben führte eine Treppe runter in den Keller, wo wir uns warm gemacht haben. Wenn man hochkam und sich die Hände eingekreidet hat, herrschte im Saal eine konzentrierte Stille. Und nach einem gültigen Versuch entlud sich die Anspannung in einem ohrenbetäubenden Lärm“, blickt auch Hoffmann zurück.

Der frühere Mittelgewichtler (bis 75 Kilogramm) Hoffmann denkt auch noch oft an den legendären Besenstiel: „Gewichtheben ist vom Bewegungsablauf her eine höchst anspruchsvolle Sportart. In Beckedorf gab es den gebürtigen Kölner Detlev Ludewigs. Der hatte diesen Besenstiel, mit dem er den Anfängern ohne Gewichte die richtige Technik vormachte“, erinnert sich Hoffmann.

Weltmeister Rolf Milser reist mit Duisburg an

Später traten die Beckedorfer auch in der „städtischen Sporthalle“ in der Celler Burgstraße, im Faßberger Soldatenheim oder in der Hermann-Billung-Schule in Hermannsburg an. Dort im Lutterweg trat am 25. Oktober 1975 mit dem späteren Olympiasieger (Los Angeles 1984) und sechsfachen Weltmeister Rolf Milser vom VfL Duisburg Süd auch einer der damaligen Gewichtheber-Superstars gegen die Beckedorfer an. Die Ruhrpottler gewannen mit 550,4 zu 534,7 Kilogramm.

Mehr als vier Jahrzehnte später sitzt Adolf Rajewski mit seiner Frau Ingrid in seiner Stube und betrachtet die Fotos und Artikel von damals. 14 Kilogramm weniger als bei seinem Karriereende wiegt er heute, doch seine Figur ist bei einer Körperlänge von 1,70 Metern immer noch stattlich. Was ihn am Gewichtheben, einer der ältesten olympischen Disziplinen, fasziniert hat? Rajewski holt tief Luft. „Zunächst muss man mit dem Märchen von muskelbepackten Kolossen aufräumen. Gewichtheben hat eine enge Verbindung zur Leichtathletik. Es kommt auf Schnellkraft, Koordination und Reaktionsfähigkeit an. Ich habe damals beispielsweise 1,27 Meter im Hochsprung geschafft – aus dem Stand. Man nutzt den gesamten Körper, um die Hanteln in die Höhe zu bekommen. Nur mit den Armmuskeln kommt man nicht weit“, erklärt der Vater von vier Kindern. Der Reiz bestand für ihn vor allem darin, „immer mehr zu schaffen, sich stetig zu verbessern. Unser Lohn war die Anerkennung der anderen.“ Seine Spitzenwerte kennt er noch heute: 132 Kilogramm im Reißen, 185 Kilogramm im Stoßen.

Nach Training zur Arbeit – oder lieber zum Arzt?

Er sagt: „Gewichtheben ist keine Modeerscheinung. Da muss jeder Millimeter Muskelmasse und jeder Funke Schnellkraft über Jahre hinweg aufgebaut werden. Nach dem Training wusste ich manchmal nicht: Gehst du jetzt zur Arbeit – oder lieber zum Arzt?“ Doch Rajewski und die anderen hatten die Ausdauer. „Zu der Zeit war ja nicht viel los auf dem Dorf. Ich habe Trainingsbücher gelesen und mich sportwissenschaftlich in die Materie reingekniet.“ Um die richtige Ernährung sicherzustellen, züchtete Rajewski im Garten Enten, Hühner und Gänse. „Wir hatten auch einen Sponsor“, erzählt er: Bei der Escheder Molkerei Strauß durften sich die Schwerathleten jeden Freitag eine große Schüssel Quark abholen – wegen der Eiweißzufuhr.

Bis in die 80er-Jahre trat Rajewski, der als Landesjugendtrainer auch seine beiden Söhne Uwe und Peter zu Erfolgen führte, noch bei Senioren-Wettkämpfen an. Dort wurde er sogar Weltmeister und hatte Mitte der 70er zeitweilig den Weltrekord im Stoßen bei den Herren über 40 inne (177,5 Kilogramm). Sein großer Konkurrent damals auf internationaler Ebene: der gleichaltrige Österreicher Friedrich Steiner, Vater von Matthias Steiner. Der wiederum wurde über Nacht berühmt, als er bei den Olympischen Spielen in Peking Gold für Deutschland holte und bei der Siegerehrung das Foto seiner bei einem Verkehrsunfall verstorbenen Frau in die Kameras hielt. Doch auch dieser emotionale Olympische Moment rückte die Sportart Gewichtheben nur kurz zurück ins Rampenlicht.

Als die Sportart in den 90er Jahren durch etliche Doping-Fälle – vor allem osteuropäischer Athleten – immer mehr in Verruf geriet, wandte sich Rajewski („Unser ,Doping‘ waren Vitamintabletten“) vom Gewichtheben ab. Da waren die Lichter beim SV Beckedorf schon längst aus: Aus finanziellen Gründen wurde die Gewichtheber-Abteilung im März 1976 abgemeldet. Rajewski, Werner und Peter Hartwig gingen zum Erstligisten Sarstedt, Hoffmann hörte bald ganz auf.

Heute hat Rajewski noch lockeren Kontakt zu einigen Mitstreitern von damals. Was bleibt, ist die Erinnerung an die glorreichen Zeiten der kleinen Beckedorfer Gewichtheber-Riege. Und die regelmäßigen Kraftübungen in der Gartenlaube hinter seinem Haus.

Der Sieg beim Advents-Classics-U21-Turnier im Tenniscenter Groß Hehlen ging an Ann-Sophie Funke an einer Tennisspielerin des VfL Westercelle.

Heiko Hartung 19.12.2018

Nach einem Sieg und einem Remis haben sich die B-Mädchen des MTV Eintracht Celle in der Hallenhockey-Meisterschaft auf Tabellenplatz eins gesetzt.

Heiko Hartung 19.12.2018

Bei den Deutschen Meisterschaften im Kickboxen stand mit Ali Ali vom MTV Eintracht auch ein Sportler aus Celle ganz oben auf dem Siegerpodest.

Uwe Meier 18.12.2018