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Lokalsport Wenn Sport Grenzen überwindet
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11:18 23.02.2014
Rollende Freundschaft: Josy (vorne) mit ihrer querschnittsgelähmten Freundin Anne-Sophie. Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Mit neugierigen Augen schaut sich Nico in der Nordwall-Halle um. Dann umklammert der Siebenjährige die Räder seines Rollstuhls und fährt los. Er wird immer schneller. Die auf dem Speichenschutz abgedruckten Tiger sind kaum noch zu erkennen. Kurz vor der Wand stoppt Nico, dreht sich um und rast zurück. Erschöpft kommt er zum Stehen. „Puh, das war schnell. Aber ich fahre nochmal“, sagt er und rast wieder los. Nico kann genau sagen, was ihm fehlt: „Ich hatte als Kind einen offenen Rücken. Laufen kann ich nicht, aber ein bisschen krabbeln. Und mit meinen Beinschienen kann ich stehen.“

Nico gehört zu einer Gruppe von Kindern, die an einem im Landkreis Celle einmaligen Sportprojekt teilnimmt: Beim MTV Eintracht Celle treiben behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam Sport. Ballspiele, Turnen und Hindernis-Parcours stehen jeden Freitag auf dem Programm. Initiiert wurde das Projekt von Torben Schiewe, Geschäftsstellenleiter beim MTVE. Der 28-Jährige ist gehbehindert und spielt seit 2010 beim Volleyball-Regionalligisten TuS Bröckel – zusammen mit Nichtbehinderten. 2013 wurde er Behindertensportler des Jahres in Niedersachsen. „Viele behinderte Menschen scheuen sich, in einen Sportverein einzutreten. Wir wollen Kindern diese Ängste nehmen“ sagt Schiewe. Mussten Eltern mit ihren Kindern bisher nach Hamburg oder Hannover fahren, um vergleichbare Kurse zu finden, können sie jetzt in Celle bleiben. „Damit schließen wir eine wichtige Lücke“, sagt der Organisator. Unterstützt wird das Projekt mit Spenden, die das Gymnasium Ernestinum bei seiner „Run for Life“-Veranstaltung gesammelt hat.

Mit Kerstin Sauerwald-Weiß fand Schiewe eine erfahrene Übungsleiterin. Seit 2009 betreut die Pädagogin Bewegungsprojekte mit Schülern der Grundschule Vorwerk und der Paul-Klee-Förderschule, seit Januar auch ein Projekt bei der Lobetal-Arbeit. „Ich möchte, dass die Kinder eine gute Zeit haben. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Privatleben, da gehört Sport dazu“, sagt Sauerwald-Weiß.

Wenn die MTVE-Kinder die Nordwall-Halle erobern, vermischt sich Bewegungsfreude mit Lebensfreude. Einige Kinder spielen Basketball, andere spielen an Seilen. Sauerwald-Weiß pendelt von Kind zu Kind, ohne ihre Hilfe aufzudrängen. Wichtig ist ihr, dass jeder alles machen kann: „Geräteturnen ist für Rollstuhlfahrer schwierig. Dafür geht Basketball immer“, erklärt sie.

Das findet auch der zwölfjährige Sebastian. Immer wieder wirft der geistig behinderte Junge seinen Basketball in den Korb. „Jaa, Jaa“, ruft er bei einem Treffer und reißt die Arme hoch. Er fühlt sich wohl und lässt Emotionen zu. So wie die 16-jährige Swantje aus Sülze. Mit ihrem Rollstuhl fährt sie durch die Halle. Swantje spricht nicht viel, ihre Sprache ist das Lächeln. Auch Hannah (6) spricht nicht viel. Sie hat eine angeborene Energiestoffwechselerkrankung und kann nur kurze Strecke laufen, seit kurzem sitzt sie im Rollstuhl. „In diesem Kursus kann sich Hannah besser bewegen, als beim normalen Kinderturnen“, erzählt ihre Mutter Anne Lappe.

Auch die querschnittsgelähmte Anne-Sophie (12) kommt nicht alleine. Sie hat ihre Freundin Josy (11) mitgebracht. Josy kann laufen, doch aus Freundschaft steigt sie in den Rollstuhl. „Am Anfang fiel es mir schwer zu fahren, doch ich werde sicherer“, erzählt Josy. Beide fahren oft gemeinsam durch die Straßen. Und wenn die Zwölfjährige mal stecken bleibt, steigt Josy aus und hilft ihr. „Sie ist halt eine echte Freundin“, sagt Anne-Sophie.

Von David Sarkar