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Alte Fotos erzählen 1: Wie zwei Celler Läden nach dem Krieg begannen
Thema Alte Fotos erzählen 1: Wie zwei Celler Läden nach dem Krieg begannen
16:30 11.01.2017
Von Andreas Babel
Grete Gröning verkauft im Jahr 1946 auf dem Bahnhofsplatz - in Celle Obst aus dem - Handwagen von Oskar Holz. Quelle: Sammlung Manfred Groening
Celle Stadt

„Du bist in der Zeitung“, hat Ingrid Becker zu ihrem Mann Horst-Dieter gesagt. Die Cellerin meint, ihren Mann auf der alten Fotografie vom Kiosk auf dem Bahnhofsplatz erkannt zu haben, die am vergangenen Sonnabend in der CZ abgedruckt war. „Das könnte hinkommen“, meint der heute 75-Jährige. Dann müsste die Aufnahme nach 1953 entstanden sein, sagt er. Denn erst in diesem Jahr sei er von Starkshorn nach Celle umgezogen. Bis dahin sei er mit seinem Fahrrad zum Escheder Bahnhof gefahren, um von dort zu seiner Lehrstelle zu gelangen. Auf jeden Fall habe er zu jener Zeit ein solches Fahrrad mit weiß ummantelten Reifen gehabt. „Den Kiosk kenne ich gut. Da haben wir uns so manches Mal noch schnell eine Rolle Kekse rausgeholt, wenn wir zum Beispiel ins Kino oder zum Schützenplatz wollten“, erinnert sich Horst-Dieter Becker.

Heinz Othmer hat den Kiosk der Familie Holz viele Jahre lang beliefert. Der 1941 geborene Händler hat Holz ab 1960 mit Obst und Gemüse versorgt. „Frau Holz war so eine typische Marktfrau“, meint er, der noch immer seine Geschäfte an der Zöllnerstraße und an der Straße „Vogelberg“ in Westercelle führt.

Manfred Groening ist der Sohn des Obergärtners Wilhelm Gröning (Jahrgang 1907) und seiner Frau Grete (Jahrgang 1913). Das Ehepaar kam auf abenteuerliche Weise aus Danzig zum ehemaligen Danziger Chefgärtner Oskar Holz nach Celle und betrieb hier zunächst zusammen mit dem Ehepaar Holz einen kleinen Handel per Handwagen. „Als mein Vater erst kurze Zeit in Celle war, zog er mit dem Handwagen von Oskar Holz vom Bahnhof aus heimwärts. Er folgte dabei immer den Straßenbahnschienen. Eigentlich hätte er irgendwann in der Altstadt den Weg nach links Richtung Pfennigbrücke einschlagen müssen, bemerkte seinen Irrtum aber erst in der Blumlage“, erzählt sein Sohn. Dessen Nachname wird übrigens mit „oe“ anstelle des „ö“ des väterlichen Namens geschrieben, weil auf einer Schreibmaschine der britischen Behörden dieser Umlaut fehlte, als sein Pass ausgestellt wurde.

Groenings Eltern bauten sich bald ein eigenes Obst- und Gemüsegeschäft an der Hannoverschen Straße auf. In Höhe des heutigen Neubaus der Congress Union Celle und später etwas weiter südlich hatten sie einen Stand direkt am Straßenrand. Auch sie mussten alle Waren jeden Tag in einen Keller tragen und am nächsten Morgen wieder hinausbringen.

An den Kiosk von Meta Holz erinnert sich die Ex-Cellerin Heidrun Handloegten noch, als sei es gestern gewesen: „Wie liebte ich dieses Holz-Gebilde mit seinen wunderbaren Obst-, Süßigkeits- und Röstkaffeegerüchen auf unserem Bahnhofsplatz und wie paradiesisch schön war es, als mir eines Tages von Tante Holz und ihrer Tochter Rita das außerordentliche Privileg zuteil wurde, diesen göttlichen Schnökertempel auch wahrhaftig durch die winzige Tür betreten zu dürfen. Es war darin Platz für zwei Kinderfüße und für nur zwei Obstkisten, auf denen Mutter und Tochter sitzen konnten, wenn sie nicht durch das Fenster verkaufen mussten.“ Mit glänzenden Augen erinnert sich die 1941 Geborene und heute in Potsdam Lebende an „Bremer Kluten“, „Celler Ruhm“ und die „Eßt mehr Obst“-Tüten, die „dreifach gefaltet und akkurat verschlossen dem Kunden überreicht wurden“.

Wie Manfred Groening hat sich auch Heidrun Handloegten Danzig angeschaut. „Tante Holz“ habe den Kindern in ihrem typischen Danziger Tonfall mit dem gerollten „Rrrr“ so „unnachahmlich, so plastisch und fantastisch von ihrer Heimatstadt erzählt, dass mir die Marienkirche das Krantor und der Artushof gar nicht fremd erschienen, als ich ungefähr 60 Jahre später mit meinem Mann und unseren ältesten Freunden aus Celle im heutigen Gdansk war“, sagt Handloegten.

Auch Heinemann Gahlau (Jahrgang 1942) erinnert sich gut an den Kiosk und seine ersten Betreiber und deren Tochter Rita. In der 1950er-Jahren habe es ein Edeka-Geschäft Pflaumbaum am Bahnhofsplatz gegeben. Wo heute der Friseursalon John untergebracht ist, konnten Reisende in einem der damals besten Hotels in Celle logieren, dem „Bahnhofshotel Kruse“. Mehrere Zeitzeugen wiesen darauf hin, dass auf dem in der CZ gezeigten Foto eine Langnese-Eistruhe auf der Nordseite des Kiosks zu sehen war.

Der Celler Heinz Wöhrmann erinnert sich, dass Familie Holz zunächst ohne den Vater, aber mit einer Familie Wiens per Bahn in Celle ankam. Am Bahnhof empfingen Schülerinnen des damaligen Lyzeums die Flüchtlinge und begleiteten sie ins Schulgebäude. „Dort waren Celler Bürger, die in ihren Häusern noch Platz hatten und mit mehr oder weniger Druck der Wohnungsbewirtschaftung zur Aufnahme von Flüchtlingen gedrängt worden waren und die sich „ihre“ Flüchtinge jetzt noch aussuchen durften“, berichtet Wöhrmann.

Über die pädagogischen Fähigkeiten von Meta Holz berichtet Heidrun Handloegten: „Sie schenkte mir zu jedem Weihnachtsfest, zu Ostern oder auch einfach nur so im Laufe der Jahre sämtliche Bücher von „Nesthäkchen“ und auch die von „Trotzkopf“, verlangte aber dafür strikt, nein striktens verlangte sie, dass ich ihr nach dem Lesen ganz ausführlich davon berichtete.“ Und auch wir haben gern ausführlich von ihr berichtet.