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Alte Fotos erzählen 107: Wo das Herz der Masch schlägt
Thema Alte Fotos erzählen 107: Wo das Herz der Masch schlägt
11:56 07.05.2015
Von Andreas Babel
20150221 Alte Fotos Masch Quelle: Stadtarchiv Celle
Celle-Blumlage

„Besonders erfreut“ hat das alte Foto, das wir am vergangenen Samstag veröffentlicht hatten, den waschechten Mascher Harry Schang (Jahrgang 1945). Er hat nämlich den Bau der großen Sandkiste auf dem breiten Mittelstreifen der St.-Georg Straße 1952 live miterlebt, weil er an Masern erkrankt zu Hause bleiben musste. Im Stadtarchiv besorgte er sich in dieser Woche ein ebenfalls von der damaligen CZ-Fotografin Brigitte-Carola Röhrssen angefertigtes Foto, das den Zustand der Spielfläche vor der Umgestaltung zeigt: „Da waren Turnstangen in einem Feld, das bei Trockenheit einer Kraterlandschaft glich. Bei Regen konnte es der Plöner Seenplatte oder den Seen in Masuren Konkurrenz machen. Wir spielten dort damals ohne High Tech, mit Stockmaterial: Pinscher, Tonnerreifen, Murmeln, kriegen, verstecken. Wir pokerten wie die Alten, aber mit Karten aus harten Zigarettenschachteln“, erinnert sich Schang.

Margarete Eckert (Jahrgang 1923) kennt die Straße noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg: „Die Blumlage und auch die ,Masch‘ waren teilweise von armen Leuten bewohnt – vor allem in der St.-Georg-Straße. Es gab damals viele Arbeitslose. Zum Teil verdienten sie sich mit Kesselflicken oder Lumpensammeln etwas hinzu. Hinterm Haus waren lange Gärten. Die Frauen saßen auf einer Bank vor der Haustür und sahen ihren spielenden Kindern zu.“ Auch die Politik spielte in diesen Bereich hinein, meint Eckert: „In ihrer Verzweiflung über die Not waren viele Kommunisten. Sie marschierten durch die Stadt: Frauen und Kinder vorweg, nebenher Polizei.“

Heute ist der Straßenzug nach der Renovierung schön und harmonisch anzuschauen, meint die alte Cellerin, die im Frühjahr und Sommer hier gerne spazieren geht. Für sie ist es Celles „anheimelndste Straße“. Sie erfreut sich dabei an den Vorgärten, an den Bäumen und sonstigem Grün zwischen den alten Pflastersteinen. Besuch führt sie immer voller Stolz durch dieses Quartier.

„In der Masch, da ist es schön, wo die Kinder barfuß geh‘n“, zitiert Hänschen Röling (Jahrgang 1940) den Anfang eines Liedes über dieses ehemalige Fischerviertel. Er ist als Hausgeburt an der St.-Georg-Straße 65 zur Welt gekommen. Seine Großvater Hermann Blötz hatte eine Rauhfutterhandlung mit Heu- und Stroh-Häcksel. Röling erinnert sich an einen Filmdreh, bei dem sich ein Schauspieler den Arm gebrochen hatte, nachdem er vom Pferd gefallen war. Das soll in der Masch gewesen sein. „Nach diesem Sturz wurde eine Fahrbahnseite asphaltiert“, sagt Schang. Bei der Sanierung wurde dann das alte Pflaster wieder verlegt. „Es lässt sich sehr gut drauf gehen“, meint er. „In der Masch war früher großer Zusammenhalt und Nachbarschaft! Einer war für den anderen da und es wurde geholfen, wo Not am Mann war. Ich denke gern an meine Kindheit in der Masch zurück – man konnte da so richtig spielen“, sagt Röling. Er weiß, dass der alte Allerarm, in dem gebadet wurde, zugeschüttet wurde. Heute stehen hier Häuser am Herzog-Ernst-Ring.

Schang erinnert sich, dass Theo Neumann mit lautem Getöse mit seinem Lkw über das Pflaster fuhr. Auf Höhe ihrer Wohnung ließ er per Luftdruckhorn einen Gruß an seinen Vater los. „Laternenmüller war zuständig für die Gaslaternen. Mit Fahrrad, Leiter und Stab mit Haken fuhr er durch die Straßen. Bevor es die automatische Zündung gab, machte er sie an und aus. Wir halfen ihm dabei. Nur zu anderen Zeiten. Wir kletterten die Masten hoch. Wenn ausgemacht werden sollte, machten wir es auch so. Wollten wir nicht klettern, wurde nur gegengetreten, da ging auch schon mal ein Glühstrumpf entzwei.“

Ingrid Stegemann (Jahrgang 1936) wohnte an der Guizettistraße, wo Rechtsanwälte und Ärzte zu ihren Nachbarn gehörten. Sie hat auf dem Foto ihren zweitjüngsten Schwager, den vor zwei Jahren verstorbenen Wolfgang Tille, erkannt. Sie meint, dass neben ihm Rolf Steinmann saß. Stegemanns Mann Klaus Dieter (Jahrgang 1935) ist im Juni vergangenen Jahres verstorben. Der abgebildete Sandkasten ist mit Betonsteinen eingefasst gewesen. Während des Krieges und kurz danach standen an dieser Stelle zwei überirdische Bunker, neben denen sich zwei mit Holz eingefasste Sandkästen befanden. Die Briten hätten später Reckstangen auf den Bunkern angebracht. In die Schutzräume ist man durch eine leichte Schräge hineingelangt, meint Ingrid Stegemann.

Mit ihrem späteren Mann kam sie bereits 1951 zusammen: „In der Masch war es immer am schönsten. Es gab dort sogar Pferde und Kühe.“ Doch neben schönen Erinnerungen ruhen auch schreckliche in ihr. Durch Bombenabwürfe ist sie noch heute traumatisiert: „Bei Gewitter zucke ich immer noch zusammen. Ich habe einmal einen Vollalarm in einem Hochbunker in Berlin mitgemacht und in Leipzig habe ich am ersten Pfingsttag 1944 mitbekommen, wie es einen Phosphorangriff auf den Flughafen und die Siedlung daneben gegeben hat. Auch ein Gefangenenlager hat lichterloh gebrannt“, sagt sie.

Elita Nordbruch (Jahrgang 1944) hat ihren Mann Manfred (Jahrgang 1941) auf dem alten Foto erkannt. Sie hat das Bild in einem Familienalbum in früheren Jahren einmal gesehen und ist sich deshalb sicher. Ihr Mann sei ein „waschechter Mascher“ gewesen, der stolz war, aus diesem Revier zu kommen. Er ist in seinem Elternhaus an der St.-Georg-Straße Nummer 22 geboren worden. „Ich habe ihn in dieser Straße 1959 kennengelernt. Ich kenne deshalb auch noch die alte Masch. Ich komme aus Langlingen und hatte früher immer gehört, wie es dort sein soll. Mein Mann hat mir aber gesagt: ,Du brauchst keine Angst zu haben, du musst nur immer grüßen!‘ Die Frauen saßen draußen auf ihren Sitzen oder auf der Treppe, da musste ich immer über die Beine steigen. Man konnte früher dort sein Fahrrad unbedenklich stehen lassen. Viele Leute hatten aber Vorurteile, weil sie die Leute nicht kannten“, meint Elita Nordbruch.

Harry Schang schwärmt von der Masch. 1945 wurde er an der St.-Georg-Straße 16, nach einigen Umzügen lebte er von 1949 bis 1954 in dem Haus Nummer 65. „Meine Tante wohnte Nr. 22 unterm Dach bei Nordbruchs. Sie sah von dort aus immer, wenn bei uns gegessen wurde. Gekocht hat überwiegend mein Vater. Der konnte gut kochen, übrigens auch später gut die CZ verteilen. Dann kam meine Tante rüber“, erzählt Schang. Sein Vater achtete bis zum Wegzug aus der Masch auch darauf, dass der Zustand der neuen Mitte erhalten blieb. „Erst danach zerstörten die Schrottis diese Fläche, da sie diese als Parkplätze zweckentfremdet haben“, sagt er.

Früher gab es in der Masch Handwerksbetriebe, Lebensmittelgeschäfte, Fleischereien, Baustoffhandlungen, Pferdehändler, Schausteller und Schrotthändler und um die Ecke das Rotlichtviertel. Sonntags fuhren die Jungen auf dem Schrottwagen, der gerade leer war, zu den Fußballspielen. Sonntags zog der Bratenduft durch die Straßen, berichtet Schang. Aber auch das war die Masch: „Es gab auch Familien, die sich auf der Straße untereinander prügelten – egal ob Bruder gegen Bruder oder Sohn gegen Vater“, erzählt er.

Seit Herbst vergangenen Jahres gibt es neben einem schönen Spielplatz auch eine Boule-Bahn zwischen den mehrere Jahrzehnte alten Bäumen an der St.-Georg-Straße. Ortsbürgermeisterin Gudrun Jahnke (Jahrgang 1945) ist bei ihren Großeltern am Mondhagen aufgewachsen und durfte als Mädchen die Masch und die nähere Umgebung nicht besuchen. „Wir haben diesen Platz wachgeküsst, der sicher einer der schönsten in Celle ist. Er liegt aber im Verborgenen und viele Celler kennen ihn gar nicht. Im Frühjahr soll die Boule-Bahn eingeweiht werden und für die Zukunft hegt die Politikerin den nun nicht mehr stillen Wunsch, dass dieses Areal eines Tages in „St.-Georg-Platz“ umbenannt werden könnte.

Andreas Babel