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Alte Fotos erzählen 11: Als Celle noch zur Schäferei pilgerte
Thema Alte Fotos erzählen 11: Als Celle noch zur Schäferei pilgerte
11:14 12.05.2015
Von Christopher Menge
Gediegene bürgerliche Gastlichkeit: So sah es im Gastraum der Schäferei im Jahr 1969 aus. Quelle: Christopher Menge
Celle Stadt

Elfrun Katzwedel stützt sich an einen Baum auf der Lichtung im Neustädter Holz. Direkt hinter diesem hat sie gestanden: die Schäferei. Heute ist davon überhaupt nichts mehr zu sehen. Nur die alten Eichen sind noch geblieben – und ganz viele Erinnerungen. So gut wie Katzwedel kennt wohl kaum jemand die Waldwirtschaft, die 1975 dem Erdboden gleich gemacht wurde. Ihre Eltern, Willy und Else Dittmer, betrieben die Schäferei von 1931/32 bis 1945 sowie von 1949 bis 1962.

„Zunächst war es ein Wohnhaus, in das meine Eltern 1930 gezogen sind“, berichtet Katzwedel, „viele Spaziergänger haben nach einer Tasse Kaffee gefragt, daher haben meine Eltern eine Konzession beantragt.“ Aus Viehställen entstand eine Gaststube, später wurde der Kuhstall als zweiter Gastraum ausgebaut.

Als Katzwedel im Jahre 1933 geboren wurde, war die Schäferei bereits zu einem beliebten Anlaufpunkt, nicht nur für Spaziergänger, geworden. Und das obwohl es weder fließendes Wasser noch elektrisches Licht gab. „Als ich auf einem Sonntag geboren wurde, haben die Stammgäste wegen meines Vornamens elf Runden getrunken“, erzählt Elfrun Katzwedel.

Rita Sander war Ende der 30er-Jahre oft mit der Verwandschaft in der Schäferei. „Wir sind von Westercelle aus hingegangen und haben Kaffee und Kuchen mitgenommen“, erinnert sich Sander, „wer nicht mehr laufen konnte, kam in einen kleinen, gelben Handwagen.“ Heißes Wasser für den Kaffee habe damals 10 Pfennig gekostet.

Katzwedel erinnert sich aus ihrer Kindheit daran, dass sie im Winter auf dem Weg zur Schule einen vom Vater gebauten Schneepflug hinter sich herzog, damit der Milchmann oder andere Lieferanten die Schäferei gut erreichen konnten. „Auf dem Rückweg habe ich den Weg dann für die Gäste vom Schnee befreit“, sagt Katzwedel. Ihr Begleiter dabei: Schäferhund Tell. Dieser brachte sie immer bis zur Hambührener Straße. „Von dort hat er mich mittags auch wieder abgeholt“, erinnert sich Katzwedel, „meine Mutter musste gar nichts mehr sagen, er lief von alleine los, legte sich auf den Weg und wartete auf mich.“

So schön ihre Kindheit in der Schäferei auch war, Katzwedel hat auch schlimme Erinnerungen. Während der 24-stündigen Plünderungsfreiheit der Polen am 5. Mai 1945 wurde der Familie alles genommen. Dennoch zog die Familie, als der Vater 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, zurück in die Schäferei. „Ich wollte gar nicht zurück, weil ich so eine Angst hatte“, erinnert sich Katzwedel.

Doch die Familie begann bei null und hatte Erfolg. „Das Geschäft hat so geboomt“, sagt Katzwedel. Das bestätigen auch die Gäste. „Die Schäferei war unser Spielplatz“, sagt Uwe Meyer, „außerdem hatte mein Vater, Imker Akki Meyer, dort seine Bienen.“ Heike Pippel erinnert sich daran, dass die Fahrradtouren im Sommer zur Schäferei gingen. „Am Allerufer haben wir gebadet“, sagt Pippel, „im Winter sind wir mit Skiern zur Schäferei gekommen.“

Pippel habe die Zeit in der Waldwirtschaft immer „als sehr schön empfunden“. „Wir reden noch heute oft mit Freunden und Bekannten darüber“, sagt Pippel, „im Sommer war halb Celle an der Schäferei vertreten. Schade, dass es das nicht mehr gibt.“ Das sieht auch die 81-Jährige Dora Schlawe so. „Heute fehlen die Möglichkeiten, wo man gemütlich im Freien sitzen kann“, so Schlawe, die in den 60er-Jahren ihren Mann, der TuS-Fan war, vom Stadion abholte, um dann gemeinsam in der Schäferei Kaffee zu trinken.

Peter Lampe erinnert sich ungern an die langen Fußmärsche zur Schäferei. „Unser Vater bestand aber darauf, da es gut für Körper und Seele sei“, sagt Lampe, „aber unter den großen Bäumen zu spielen, war schon toll.“ Albert Gottschalk ging sonntags von der Neustadt mit der Familie zur Schäferei. „Meine Cousine ging mit dem Akkordeon vorweg und spielte einige Lieder“, erinnert sich Gottschalk.

Karin Pjechgott sind vor allem die Plumpsklos in Erinnerung geblieben, die nebeneinander in unterschiedlicher Sitzhöhe waren. „Es gab ein Mutter-Kind-Klo“, sagt Katzwedel. Margarete Eckert erinnert sich daran, dass sie nach dem Kaffee in der Schäferei mit dem Ruderboot über die Aller nach Boye übersetzte. „Wir haben Pfingsten mal 400 Leute rübergefahren“, erinnert sich Otto Brase, der die Bauern Barch und später Wilhelm Hemme unterstützte, „die Überfahrt hat zwischen 10 und 20 Pfennig gekostet.“ „An der Aller stand ein Pfosten mit einem Eisenteil, dagegen musste man mit einem Klöppel schlagen, dann kam der Fährmann rübergefahren“, sagt Rudolf Peterson. Margarete Schwabe, geborene Hemme, freute sich immer, wenn jemand bimmelte. „Dann haben wir die Hausaufgaben liegengelassen und sind hingerannt“, erzählt Schwabe, „wer zuerst da war, ist die Fähre gefahren und hat sich einen Groschen verdient.“

Katzwedels Familie gab die Waldwirtschaft 1962 schweren Herzens ab, nachdem ihre Mutter am Grünen Star erkrankt war. Oberkellner August Rehn übernahm die Schäferei und führte sie bis 1974. Hans-Walter Specht und seine Frau Heidi bedienten von 1964 bis zur Schließung die zahlreichen Gäste. „Wenn es draußen dunkel wurde, wurden die Gaslampen angemacht, vielleicht haben sich die Leute deswegen so wohlgefühlt“, sagt Specht, der sich auch noch gut an den „Beamtenmittwoch“ erinnert. „Die Geschäfte in der Stadt waren zu und die Leute kamen in die Schäferei“, sagt Specht.

Nach der Aufgabe von Rehn wollte ein Kaufmann die Schäferei übernehmen. „Doch keiner wusste, wem sie gehört“, sagt Specht. Die Stadt, das Land Niedersachsen und das Forstamt Wienhausen hätten sich nicht zuständig gefühlt. So stand das Haus leer, wurde durch Zerstörungswütige ruiniert und 1975 schließlich abgerissen. So bleiben heute nur noch die Erinnerungen.