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Alte Fotos erzählen 112: Rätsel um unbekannten Kutscher gelöst
Thema Alte Fotos erzählen 112: Rätsel um unbekannten Kutscher gelöst
15:41 07.05.2015
Von Christopher Menge
Johann Knaak mit 18-jährigem Sohn Franz, 1914 Quelle: Repro Karsten Hälbig
Nienhagen

Das Rätsel um den unbekannten Kutscher scheint gelöst zu sein. Fritz Müller (Jahrgang 1931) erkannte den Mann, der auf dem alten Foto in der CZ-Ausgabe vom 21. März unten rechts auf der Bank sitzt, als seinen Großvater Friedrich Johann Heinrich. Dieser hatte nach dem plötzlichen Tod seines Vaters August Müller im Jahr 1900 die Bäckerei in Nienhagen noch nicht übernehmen können, da er noch kein Meister war. „Das Bild muss zwischen 1900 und 1905 entstanden sein“, sagt Fritz Müller, „da mein Großvater einen Ehering trägt, muss er schon verheiratet gewesen sein.“ Er habe in dieser Zeit als Kutscher Geld verdienen müssen und fuhr neben Backwaren wohl auch Kohle, Getreide und Gemischtwaren aus.

1906 übernahm er dann die Bäckerei an der Dorfstraße 38 in Nienhagen. Der Laden besteht bis heute – Fritz Müller betreibt dort einen Schreibwarenladen. Wilfried Regener (1940), der zusammen mit Wolfgang Werner die Chronik des Heimatvereins Nienhagen geschrieben hat, hatte den entscheidenden Hinweis zum unbekannten Kutscher – dem späteren Bäckermeister Friedrich Johann Heinrich – gegeben.

Zu dem „unbekannten Kutscher“ meldete sich außerdem Karsten Hälbig (1958): „Er war nicht der einzige in dieser Firma“, sagte er, „es gab außerdem noch Johann Knaak, der 1873 in Katznase (Westpreußen) geboren wurde.“ Sein 1902 geborener Sohn Ernst Knaak habe ihm vor rund 30 Jahren erzählt, dass Johann Knaak bis zur Umsiedlung 1920 beim Gutsbesitzer Gustav Worsach (Schreibweise möglicherweise anders) in Damerau im späteren Landkreis Großes Werder östlich von Danzig als Herrschaftlicher Kutscher angestellt war. Knaak erkannte schon 1919 die Brisanz des Versailler Vertrages mit der Bildung eines polnischen Korridors und siedelte am 10. Januar 1920 von Damerau nach Celle über. Erste Unterkunft fand man in einem Haus nahe der Abzweigung nach Altenhagen in Lachtehausen, das auch heute noch steht.

„Der gesamte Hausstand kam in einem Eisenbahnwaggon hier in Celle an“, erzählt Hälbig, „Johann Knaak fand bei der Zwiebackfabrik Ehlers am Kapellenberg als Kutscher Arbeit und auch eine Wohnung.“ Die Zwiebackfabrik meldete nach verschiedenen Versuchen der Kapitalerhöhung 1926 Konkurs an. Die Enkeltochter von Johann Knaak, Dorothea Braselmann (1933), erinnert sich noch daran, dass die alten leerstehenden Pferdeställe des Ehlerschen Anwesens vom Hause am Kapellenberg 9 aus begehbar waren und ihr Großvater von den Zusammenhängen mit seiner Arbeit erzählte. Demnach war er bis zur Schließung der Fabrik für die Betreuung der Pferde zuständig. Danach war Johann Knaak – damals 53 Jahre alt – noch bei der Firma Itag als Pförtner untergekommen. Bis zu seinem Tod am 6. Juli 1955 soll er jeweils zum Ersten eines Monats noch persönlich auf das Betriebsgelände der Itag gekommen sein, um sich seine Betriebsrente in bar abzuholen (nach Horst-Dieter Braselmann, geboren 1934, langjähriger Mitarbeiter der Itag seit Beginn der 1950er Jahre).

„Im Zusammenhang mit den Pferdeställen ist richtigzustellen, dass sich die Zwiebackfabrik Ehlers nicht – wie beschrieben – hinter dem Gebäude Torplatz 2 befand, wo sich heute die Fabrik-Lounge Aimely befindet, sondern auf der anderen Straßenseite etwas oberhalb der Alten Molkerei am Bremer Weg, in deren Gebäude später lange Jahre das Celler Tanzstudio Krüger war, und später ein Autozubehörhandel“, sagt Hälbig. Interessant sei in diesem Zusammenhang auch ein Zufallsfund, den er im Rahmen seiner Nachforschungen vor gut 25 Jahren um die von Photograph Otto Wolff 1912 gefertigte Kaiser-Panorama-Serie „Celle, die alte Herzogstadt und die Lüneburger Heide“ in den „Acten betreffend die Verkehrs-Commission“ gemacht habe: Da mokiert sich Senator Harry Trüller, der ja ein unmittelbar in Nähe der Ehlerschen Zwiebackfabrik produzierender Konkurrent war, über den unzumutbaren Qualm, der aufgrund der Verwendung von „schlechter Kohle“ dem Schornstein des älteren Konkurrenzunternehmens entwich. Ob diese angesichts vorherrschender Westwindlage selbstverständlich völlig uneigennützig zum Wohle der Stadt getroffene Bemerkung Folgen zeigte, ist nicht überliefert. Zwei Jahre später gab es durch Ausbruch des Ersten Weltkrieges jedenfalls andere Sorgen und schließlich erledigte sich die Sache mit dem Qualm spätestens mit Schließung der unliebsamen Konkurrenz 1926.