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Alte Fotos erzählen 13: Auch Frauen schuften in Celler Lederfabrik
Thema Alte Fotos erzählen 13: Auch Frauen schuften in Celler Lederfabrik
02:27 08.08.2018
Von Andreas Babel
Albert Gottschalk (Zweiter von links) als Lehrling mit Kollegen in der Gerberei der Lederfabrik Hermann Kluge“ an der Wehlstraße.. Quelle: Sammlung Albert Gottschalk
Celle Stadt

Das war vielleicht eine Überraschung für Dagmar Weber, als sie am Sonntag,14. April 2013, ihre Mutter Martha Heinze (91) in Celle besuchte. Bei der Lektüre der Sonnabends-CZ entdeckte die Burgdorferin nämlich ihren Vater Günter Heinze (Jahrgang 1918) auf einem Mitarbeiterfoto der Lederfabrik Hermann Kluge an der Wehlstraße. Ihr aus Schlesien vertriebener Vater hat sich als Ingenieur in den ersten Jahren nach dem Krieg dort verdingt. Später hat er eine Ausbildung zum Berufsschullehrer absolviert und war im Pädagogenberuf an den Berufsbildenden Schulen an der Bahnhofstraße in Celle tätig.

Gisela Thies (Jahrgang 1935) hat von Ende 1950 bis Mitte 1959 in der Lederfabrik gearbeitet. Auch ihr Mann Günter hat dort sein Geld verdient, war Gerber. Gisela Thies‘ Aufgabe war es, Rohhäute zu scheren. Später hat sie mit einer Spritzpistole Muster aufs Leder aufgebracht. Eine weitere schwere Tätigkeit war es, dem im Akkord arbeitenden Falzer, die Lederbahnen anzufeuchten. „Einmal im Monat mussten wir die Fleischreste, die wir abgeschoren hatten, auf dem Güterbahnhof verladen. Ich meine, dass später Gelatine daraus hergestellt wurde“, sagt Thies. Die Lederfabrik sei pleite gegangen. Geschäftsinhaber Heinz Kluge habe die Insolvenz nicht verkraftet.

Rosemarie Schöndube (Jahrgang 1925) hat von 1954 bis 1957 in der Lederfabrik gearbeitet. „Dann bin ich schwanger geworden und habe dort aufgehört“, sagt die Nienhägerin. Ihren ersten Mann hat sie nach einem Jahr Ehe verloren. Da machten ihre Kolleginnen sie auf „den schönen Mann“ aufmerksam, der als Färber im Erdgeschoss der Lederfabrik arbeitete. Sie selbst arbeitete ebenfalls als Färberin, aber ganz oben in der Fabrik. Ihr elf Jahre älterer Mann stammte aus Magdeburg und hat seine Wassersportleidenschaft von der Elbe an die Aller mitgebracht. So war es nahe liegend, dass er Vorsitzender des Celler Paddelclubs wurde.

Eine von Rosemarie Schöndubes Aufgaben war es, die Leder-Schnürbänder für Schuhe zu färben und anschließend in die Abfertigung zu bringen. Die aus Rumänien stammende gelernte Kinderpflegerin ist heute noch – fast 70 Jahre nach der Flucht – in vielen Nienhäger Vereinen aktiv, singt, schießt, bastelt und spielt Skat.

Otto Brase (Jahrgang 1934) erinnert sich noch gerne an die frühen 1940er-Jahre zurück. Seit 1939 lebte seine Familie an der heutigen Biermannstraße, gegenüber dem Lokschuppen der OHE. Er und seine Spielkameraden trieben sich früher oft auf dem Gelände der alten Lederfabrik an der Aller herum. 1904 bis 1928 wurde hier ein Zweigbetrieb der Wehlschen Lederfabriken betrieben, die „Celler Lederwerke Fritz Wehl“. In den Gebäuden waren später die Firmen Bertram & Co. (Porzellan und Küchengeschirr), Berkefeld (Filteranlagen) und Arnold Tischbein (Schrotthändler) untergebracht, erinnert sich Brase an seine Kindertage. „In einem Drahtgitter vor den Fenstern eines der Gebäude stand Lederfabrik“, weiß er noch. „Die hatten auch einen Bahnanschluss. Da standen immer Waggons“, erinnert sich Brase.

Die Gebäude der alten Lederfabrik, Biermannstraße 16, sind seit Mitte der 1980er-Jahre bewohnt. „Künstlerkollektive, Familien und Wohngemeinschaften haben hier gelebt und gearbeitet. In den 1990er-Jahren wollte die Kulturhausinitiative Celle ein Kultur- und Veranstaltungszentrum mit angeschlossenen Wohnmöglichkeiten in dem Gebäudekomplex errichten“, heißt es auf der Internetseite „b16.blogsport.de“, die von Bewohnern der Anlage aus der alternativen Szene betrieben wird.