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Alte Fotos erzählen 16: In Memoriam Celler Straßenbahn
Thema Alte Fotos erzählen 16: In Memoriam Celler Straßenbahn
01:47 08.08.2018
Von Andreas Babel
Vor über 100 Jahren trafen sich zwei Straßenbahnen - am Markttag vor dem Alten Rathaus. Die Postkarte - ist am 8. Mai 1911 abgestempelt worden. Quelle: Sammlung Arnold Linke
Celle Stadt

Der 2. Juni 1956 war ein ganz besonderer Tag in der jüngeren Celler Stadtgeschichte. Nach fast 50 Jahren fuhr an diesem Tag zum letzten Mal die Celler Straßenbahn. „Diesen Tag werde ich so lange ich lebe nicht vergessen“, sagt Karl-Heinz Witt, denn er wurde an diesem Tag 14 Jahre alt. Und seinen Ehrentag verbrachte er vormittags im altehrwürdigen Goseriedebad in Hannover, während er am Nachmittag einmal bis zum TuS-Platz und von dort quer durch die Stadt bis zur Blumläger Kirche mit der Straßenbahn fuhr. Hier an der Endstation, wo sich das Lokal „Zum Schwarzen Bären“ befand, steht heute ein Hochhaus, in dem Witt lebt.

Das alte Foto, das wir am Sonnabend zeigten, regte viele CZ-Leser an, sich an die „liebe, alte Celler Straßenbahn“ zu erinnern. Gerda Simon (Jahrgang 1927) benutzte die Elektrische während des Krieges, als sie sich in der Anwaltskanzlei von Hodenberg, Klapproth und Blanke zur Reno-Gehilfin ausbilden ließ. Sie wohnte an der Braunhirschstraße und fuhr des Öfteren mit der Bahn zur Arbeit, „wenn ich es mir leisten konnte, denn im ersten Lehrjahr bekam ich 18 Reichsmark monatlich und im dritten 31“. Sonntags brachte die Straßenbahn sie mit Freundinnen nahe ans Neustädter Holz ran.

Kurz nach dem Krieg, so erinnert sich Adolf Seinecke (Jahrgang 1921) benutzte sein gleichnamiger Vater (1881 bis 1953) die Straßenbahn, um von der Lüneburger Straße zu seiner Knopffabrik am Bahnhof zu gelangen. Meist hatte er seinen Kurzhaarterrier „Whisky“ dabei, der wegen seines schwarzweißen Gesichtes so genannt wurde. „Wenn mein Vater ihn mal nicht mit in die Fabrik genommen hatte, stand Whisky später an der ihm bekannten Haltestelle und mit Hilfe anderer Passagiere, die ihn am Bahnhof raus ließen, gelangte er so öfter zu seinem Herrchen“, so Seinecke.

Die letzten Straßenbahnfahrer erhielten eine Medaille als Erinnerung, die aus den eingeschmolzenen Kupferdrähten der Oberleitung hergestellt worden waren. Der Vater von Siegrid Anholt, Heinrich Heidenreich, war einer davon. Er ist nach seiner Straßenbahn-Zeit noch bis etwa 1966 Busfahrer gewesen. Auch der Vater von Monika Hertes (Jahrgang 1941), Heinrich Schwöbel (Jahrgang 1914), hat die Straßenbahn gefahren. Sie und ihre Mutter hätten den Vater öfter vom Depot abgeholt. Den Fußweg zurück zum Blumläger Feld nahmen die beiden gerne in Kauf, denn der Vater kaufte jeder eine Eistüte für 10 Pfennig bei Talamini am Heiligen Kreuz.

Sigrid Höhne (Jahrgang 1926) hat ihren Mann in der Straßenbahn kennengelernt. Sie ging bis 1942 am Heiligen Kreuz zur Schule. „Wir haben von unserem Taschengeld heimlich etwas abgezwackt, um mit der Straßenbahn zu gondeln. Wir standen dann meist vorne beim Fahrer und haben herumgeflachst.“ Irgendwann kamen sich der elf Jahre ältere Hermann Höhne und die junge Sigrid näher. 1945 heirateten sie.

Inge-Lore Cramm (Jahrgang 1942) hat Anfang der 1950er-Jahre öfter gegen 13.30 Uhr ihre Mutter an der Endstation im Neustädter Holz abgeholt. Einer der Fahrer erlaubte dem Mädchen damals, „die großen ovalen Scheiben umzusetzen, ich denke, dass da das Licht drin war“, sagt Inge-Lore Cramm.

Der Großvater von Bärbel Schiewe (Jahrgang 1940), Friedrich Roux, war Straßenbahnfahrer. Mit ihm fuhr sie bis weit in die 60er-Jahre hinein bei TuS-Heimspielen zu deren Platz am Neustädter Holz. „Ich hatte freien Eintritt und konnte oben auf dem Balkon stehen“, erinnert sie sich noch mit Freude daran. Schon als Achtjährige fuhr sie damals alleine mit der Straßenbahn.

Wolfram Matthes (Jahrgang 1940) weist darauf hin, dass die „Celler Strassenbahn Celle“ (CSC) teilweise fünf Waggons eingesetzt hat, um die Zuschauer dorthin zu transportieren. „Dieses Angebot wurde gut angenommen. Nach dem Spiel ging es zurück. Diszipliniert!“, meint Matthes. Er weist auch darauf hin, dass in Celle nur neun Wagen im Einsatz waren. Der zehnte war zwar bestellt, sei aber nach Küstrin geliefert worden, wo er im Krieg zerstört worden sei.

Das gleiche Schicksal ereilte die neun Celler Straßenbahnen Ende der 1950er-Jahre. Gerhard Sander (Jahrgang 1934) bezeichnet sich selbst als „leidenschaftlichen Straßenbahner“. Er sammelt alles, was mit der Celler Straßenbahn zu tun hat. Er weiß, dass die Celler Elektrischen allesamt verschrottet worden sind. Pläne, nach denen eine Bahn im Hof des Museums aufgestellt werden sollte, hätten sich seinerzeit zerschlagen.

Onnen Harke (Jahrgang 1938) ist an der Trift aufgewachsen. Hier erlebte er einen Zusammenstoß einer Straßenbahn mit einem Traktor, der Langholz hinter sich herzog, mit. Die letzte Fahrt der Straßenbahn machte Harke im Juni 1956 mit. „Die Bahn war voll besetzt und wir waren gespannt, ob sie es den Lüneburger Berg heraufschafft.“

Rudolf Peterson (Jahrgang 1931) weiß, dass es in Celle bis nach dem Zweiten Weltkrieg Gleichstrom gab. Am Lüneburger Berg soll neben der Straße eine Fernsprecheinrichtung gewesen sein, von der aus man im Elektrizitätswerk auf dem Schützenplatz anrufen konnte. „Gib mal mehr Strom!“, sollen die Fahrer dort durchgegeben haben, wenn die Bahn mit derartig vielen Menschen besetzt war, dass sie es den Berg nicht hinaufschaffte. Peterson weiß aber nicht, ob es sich hierbei um eine Mär oder einen Fakt handelt.

Peterson weist zudem darauf hin, dass die Linie 1 nur bis in die Höhe des Hauses Lüneburger Straße 58 führte: „Die Gleise waren bis zum Stadtfriedhof geplant, endeten aber im Depot.“ In der Innenstadt setzte die CSC Männer ein, die der Volksmund „Ritzenschieber“ nannte. Sie hatten die Aufgabe, die Spurrillen von Fremdkörpern, vor allem vom Kot der zahlreichen Pferdefuhrwerke, die es damals noch gab, frei zu halten. Peterson fuhr als Lausbub manchmal hinten am Geländer der Bahn mit („Das ging aber nur in der Bahnhofstraße.“) und legte Zündplättchen auf die Schienen: „Das machte einen gewaltigen Krach, wenn die Bahn darüber fuhr.“ An ähnliche Streiche erinnert sich Wolfram Matthes. Bei ihm waren es indes Pfennigstücke, die er plattfahren ließ.

Klaus Klinkert (Jahrgang 1937), hat bis 1995 die gleichnamige Fahrschule geleitet. Über 40 Jahre lang hat er seinen Schülern stets davon berichtet, dass die Straßenbahnen in der Celler Innenstadt dem gesamten Verkehr, der von Hamburg nach München floss, begegneten. „Das haben viele gar nicht geglaubt“, sagt Klinkert. An seine eigene Führerscheinprüfung am 26. April 1956 erinnert sich Klinkert noch mit seinem typischen Humor: „In der Schuhstraße kam mir unerwartet die Straßenbahn entgegen. Der Prüfer und der Fahrlehrer, die in der letzten Reihe gesessen haben, hatte ich bald neben mir stehen, weil ich ziemlich abrupt bremste. Die Prüfung habe ich aber bestanden, es war ja auch nur die Lkw-Prüfung“, erzählt Klinkert.

Winfried Jakob (Jahrgang 1938) erinnert sich an einen schlimmen Unfall, der sich etwa 1954 ereignet haben muss. Dabei sei eine ältere Dame von der Straßenbahn erfasst worden. Sie sei dadurch zu Tode gekommen. Mit Spielkameraden durfte er so manches Mal vom Siemensplatz bis zum Depot fahren, kostenlos, versteht sich.

Ansonsten musste man 10 Pfennig für eine Fahrt zahlen, sagt Heinemann Gahlau (Jahrgang 1942). Er fuhr öfter mit der Bahn vom Bahnhof zum Heiligen Kreuz – wenn die Eltern ihm das Geld dafür gaben.

Günther Mackenthun (Jahrgang 1931) begann kurz nach dem Krieg eine Lehre als Bäcker. Als er das erste Mal die Straßenbahn hörte, kauften er und seine Kumpel sich eine Dauerkarte und fuhren den restlichen Tag von der Blumlage zur Neustadt hin- und her. „Als die Schaffnerin uns lachend fragte, wie lange wir denn noch fahren wollen, sagten wir: Wir fahren so lange mit, wie die Bahn fährt.“

Charlotte Koch (Jahrgang 1932) erzählt von einem Straßenbahnfahrer, der ein Sportkamerad ihres Mannes war. Wenn er sich der Haltestelle näherte, aber ihren Mann nicht erblickte, ließ er den Signalton zwei- oder dreimal häufiger ertönen als sonst üblich. Dann stürzte ihr Mann aus dem zweiten Stock auf die Straße. An eines erinnert sich Charlotte Koch noch: Als sie so etwa acht Jahre alt war, trat ihr ein älterer Herr in der voll besetzten Bahn auf ihre neuen Schuhe. „Ich habe zurückgetreten. Meiner Mutter war das sehr peinlich, aber der Mann hat sich entschuldigt.“

Inge Dittmann (Jahrgang 1925) wird wehmütig, wenn sie an die schönen Ausflüge mit ihrer Oma Ida Beyer denkt. Diese führten sie von der Lüneburger Straße oft in Begleitung eines frisch gebackenen Kuchens in ein Lokal im Neustädter Holz, auch schon mal zur Schäferei, wo sie den Kuchen verspeisten und die kleine Irene „herrlich spielen konnte“.

Johann-Hubert Schumacher (Jahrgang 1926) kam am 10. März 1948 mit der Bahn nach Celle. „Ich hatte einen Kriegskollegen, der bei der Heidekaserne wohnte. Man sagte mir: Die Straßenbahn bringt Sie dorthin. Ich vergesse nie, wie ich zunächst bis zum Neustädter Holz fuhr. Als ich meinen Irrtum bemerkte, fuhr ich durch bis zur Blumläger Kirche. Von dort bin ich dann zu Fuß zur Heidekaserne gegangen. Die Eifel, aus der ich kam, war total kaputt. Als ich in Celle ankam, dachte ich, dass ich in eine Lego-Stadt komme. Hier war ja fast alles heile geblieben“, sagt Schumacher.