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Alte Fotos erzählen 17: Erinnerungen an Celles Dienstmann Kempe
Thema Alte Fotos erzählen 17: Erinnerungen an Celles Dienstmann Kempe
02:05 08.08.2018
Von Andreas Babel
Otto Kempe im Sommer 1972 auf dem Bock mit seiner Nichte Martina Brunke und Heike Plaß rechts dahinter. Quelle: Sammlung Heike Plaß
Celle Stadt

„Er war eine Originalität“, meint Arnold Linke über Celles letzten Dienstmann Otto Kempe. Linke begleitete ihn im Jahr 1972 bei seiner letzten Dienstfahrt und hielt das Ereignis mit dem Fotoapparat fest. Eigentlich wollte der gelernte Schuhmacher etwas anderes machen, aber Vater Karl hat ihn gebeten, in das von ihm 1908 gegründete Geschäft einzutreten. Und das Dienstmann-Handwerk wurde ihm fortan zur Lebensaufgabe.

Viele Celler erinnern sich noch gut und gerne an den am 11. August 1973 verstorbenen Mann. Er war besonders kinderlieb, nahm ganz häufig Kinder auf seinem Rollwagen mit. Daran erinnern sich Peter Cammann (Jahrgang 1961), Sonja Olsen (Jahrgang 1953), Edeltraut Keerig (Jahrgang 1950) und Annegret Liefland (Jahrgang 1947) aus eigener Anschauung.

Wie das Foto, das wir am Sonnabend in der CZ abgedruckt hatten, zustande kam, berichtet Inge Oetling (Jahrgang 1930): Ihre Stieftochter Ingrid Pieper, die damals Auszubildende im Gewerbeamt war, wurde von ihrem Chef gebeten, zu organisieren, dass ihre drei Geschwister und deren Mutter sich für ein solches Foto zur Verfügung stellen. Gesagt, getan. So wurden also die rotblonden Andreas Harz, seine Zwillingsschwester Andrea Opladen und Ortrud Aichinger zusammen mit weiteren Kindern so drapiert, dass sich eine schöne Szenerie ergab, berichtet Inge Oetling. Das Bild muss etwa 1968 entstanden sein, schätzt sie. Es wurden auch Poster in der Größe 50 mal 70 Zentimeter und Ansichtskarten davon angefertigt.

So, wie er auf diesem Bild dargestellt wurde, so war Otto Kempe aber auch wirklich. Er hatte immer ein offenes Ohr für die Menschen, die ihn umgaben und half, wo er konnte. Folgende Episode vermag das besonders zu verdeutlichen: Es trug sich im Jahr 1954 zu. Erhard Schuster war ein halbes Jahr alt und seine Großeltern kamen aus Saarbrücken, um den neuen Erdenbürger willkommen zu heißen Nach mehreren Wochen brachten Sohn und Schwiegertochter Hanna Schuster (Jahrgang 1920) das Ehepaar mit dem Auto zum Bahnhof. Der Säugling lag schlafend in seinem Bettchen in dem Haus an der Lüneburger Straße.

Hanna Schusters Mann half, das Gepäck im Zug zu verstauen. Plötzlich schlossen sich die Türen und er konnte seiner Frau nur noch zurufen: „Ich komme aus Hannover mit dem nächsten Zug zurück.“ Da stand seine Frau nun und brach in Tränen aus. Der Ehemann hatte die Auto- und die Wohnungsschlüssel mit im Zug, Geld hatte sie keines dabei.

Und wie sie so schluchzend am Bahnsteig stand und nicht ein noch aus wusste, legte sich von hinten eine Hand auf ihre Schulter und ein Mann fragte sie: „Kennen wir uns nicht?“ Als sie sich umdrehte, blickte Hanna Schuster in das Gesicht von Otto Kempe.

„Nun weinen Sie mal nicht, junge Frau. Was ist denn los?“, fragte Kempe. Als Hanna Schuster ihm ihre Situation schilderte, bot er ihr sofort an, sie mit seinem Pferdewagen nachhause zu fahren. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, mit allergrößter Gelassenheit durch Celles Straßen zu kutschieren, beeilte er sich dieses Mal, die sorgende Mutter so schnell wie möglich zu ihrem Kind zu bekommen.

„Zum Glück hatte ich ein Fenster nur angelehnt. Das lag etwas erhöht. Für mich als Alpinistin war es kein Problem, hinaufzuklettern. Meinen Sohn hörte man schon schreien. Otto Kempe wartete so lange, bis ich oben war, mich umdrehte und ihm zuwinkte. Ich sehe ihn noch heute, wie er unten steht und lacht und lacht und lacht. Er war hilfsbereit ohne Ende und das ohne einen Pfennig dafür zu nehmen“, sprudelte es aus der jung gebliebenen Hanna Schuster heraus.

Hänschen Röling (Jahrgang 1941) hat Otto Kempe in der Druiden-Loge „Ernst der Bekenner“ als lebenslustigen, hilfsbereiten und geselligen Menschen erlebt. Der Freimaurer erinnert sich auch noch, dass in Celle die Geschichte oft erzählt wurde, wie Otto Kempe auf dem Bahnsteig mit seiner roten Mütze einem Kunden winkte, woraufhin der Bahnbeamte den Schnellzug nach Hamburg hat abfahren lassen. Diese Geschichte soll sich 1930 abgespielt haben. Röling sagt, dass er seitdem seine rote Mütze nicht mehr auf dem Bahnsteig tragen durfte. Hanna Schuster meint sich zu erinnern, dass Kempe dort eine grüne Mütze trug, als er sie ansprach. Röling weiß auch, dass Kempe alte Möbelstücke gesammelt hat.

Eines dieser Möbelstücke, eine Schublade, an der zwei Löwenköpfe mit Ringen im Maul als Anfasser angebracht sind, sah die Celler Kinderärztin Dr. Gertrud Lamprecht (1892 bis 1978) auf der Pritsche seines Wagens, als Otto Kempe auf der Braunhirschstraße an ihrer Praxis vorbeizuckelte. „Meine Tante sprang heraus und hielt ihn an. Kempe hat sie ihm dann geschenkt oder verkauft, das weiß ich nicht so genau“, erzählt Gerd Lamprecht.

Um die Schublade herum ließ die Medizinerin eine Truhe bauen. Ihr Lebensgefährte, der Kunstmaler Erich Klahn (1901-1978) ließ quasi als Platte 27 Kacheln in den Mahagoni-Rahmen ein. Diese stellen die neun Musen sowie jeweils drei allegorische Ergänzungen dazu dar. Die Truhe befindet sich noch in Familienbesitz und wird in Ehren gehalten. Lamprecht weiß auch, dass die Gaststätte „Zum Groben Otto“ Kempes Stammlokal war. Einige Celle werden sich an die vom ehemaligen Wirt Eddy Hirth in einem hinteren Raum der Gaststätte eingerichtete kleine Kempe-Ausstellung erinnern. (Bericht über die zum Verkauf stehende Gaststätte folgt).

Die Großeltern von Heike Plaß (Jahrgang 1961) waren die direkten Nachbarn von Otto Kempe. Die beiden Familien kannten sich seit Generationen, meint die Kulturwissenschaftlerin, die heute in Münster lebt. Die Ehe von Lina und Otto Kempe blieb kinderlos. Er hatte aber zwei Nichten, von denen noch eine in der Nähe von Hildesheim lebt. „Wir drei Mädchen waren so etwas wie Kinder- und Enkelkinderersatz“, meint Plaß. Der Garten an der Braunhirschstraße war Lina Kempes Reich. Auch wenn ihr Mann dort Enten und Hühner hielt, war hier ansonsten alles streng reglementiert für Kinder. „Darüber hat sich Onkel Otto fürchterlich aufgeregt“, sagt sie.

Sein erstes Pferd habe auf den Namen „Puppe“ gehört, weiß Plaß: „Er war kinderlieb und äußerst humorvoll. Er hatte einen trockenen Humor und konnte auch Leute wunderbar veräppeln.“

Hildegard Wichmann (Jahrgang 1933) hat Lina und Otto Kempes Grabstelle bis zum Jahr 2003 gepflegt. Der Steinmetz Werner Muschard hat den Grabstein bei Aufgabe der Grabstelle gesichert und verwahrt ihn auf seinem ehemaligen Betriebsgelände. Dass Otto Kempe auf seiner Lieblingsbank im Französischen Garten gestorben sei, hält Hildegard Wichmann für ein Gerücht. Sie weiß vielmehr, dass ihr einstiger Nachbar zuhause auf seiner Gartenbank gesessen und über starke Herzbeschwerden geklagt hat. Seine Frau hat ihn ins Krankenhaus bringen lassen, wo er bald darauf verstarb. Seine Frau folgte ihm sieben Jahre später.

„Otto Kempes Elternhaus stand an der Spangenbergstraße. Es gab aber wohl Unstimmigkeiten in der Familie, weswegen er an die Braunhirschstraße zog. Er brauchte ja auch Platz für Stall und Schuppen“, sagt Hildegard Wichmann. Mindestens zwei seiner Pferde hießen „Lotte“. Eines habe getötet werden müssen, nachdem es bei einem Abiumzug durchgegangen sei. Otto Kempe kutschierte dabei nämlich immer die Abiturientinnen des ehemaligen Lyzeums an der Hannoverschen Straße (heute KAV-Gymnasium) durch die Altstadt.

Hartmut Neumeyer erlebte Kempe drei Jahre lang als Nachbarn. Er ließ die Neumeyer-Kinder Entenküken im Planschbecken schwimmen und schenkte ihnen häufig Obst und Gemüse. „Er war richtig gehend vernarrt in unsere beiden Söhne“, meint Neumeyer.

Elke Junker (Jahrgang 1950) erinnert sich noch gut an ihren Umzug von der Hoppenstedtstraße zum Siemensplatz. Den führte nämlich Otto Kempe mit seinem Rollwagen durch. Er packte auch mit an, ein Kumpel half ihm beim Möbelschleppen.

1972 ließ sich Sigrid Dohnicht (Jahrgang 1936)ein restauriertes Möbelstück von Otto Kempe aus einer Werkstatt an die Grabenseestraße transportieren. „Er hat das in aller Ruhe und sehr sehr sorgfältig transportiert und abgeladen. Hinterher habe ich ihn noch ein paar Mal auf der Straße getroffen. Eines Tages stand ich schwer bepackt mit Einkaufstüten vor der Ampel an der Jägerstraße und Otto Kempe hielt mit seinem Wagen neben mir“, erzählt Sigrid Dohnicht.

„Was schleppen Sie denn da alles? Packen Sie mal drauf! Ich fahr‘ Ihnen das mal eben rum“, sagte Otto Kempe. In aller Seelenruhe zuckelte er neben der Fußgängerin her und brachte sie bis an die Sackgasse. Obwohl er nur einmal, und das schon vor neun Monaten, am Haus von Sigrid Dohnicht gewesen ist, erinnerte er sich noch genau, wo sie wohnte. „Das letzte Stück müssen Sie wieder allein tragen. Lotte wendet nämlich nicht gerne“, sagte Kempe zum Abschied. „Das war seine Wesensart, so eine Art von Adel: Er hat gerne anderen Menschen gedient und das aus freien Stücken“, meint Sigrid Dohnicht.