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Alte Fotos erzählen 30: Als der Celler Torplatz noch Platzcharakter hatte
Thema Alte Fotos erzählen 30: Als der Celler Torplatz noch Platzcharakter hatte
02:00 08.08.2018
Von Andreas Babel
Die Kanzel, die einst am Rande des Torplatzes neben dem Café Trüller stand und in der ein Polizist per - Knopfdruck eine über der Kreuzung hängende - Ampelanlage bediente, steht heute auf der Ziegeninsel auf dem Gelände des Celler Rudervereins. Hier dient das Relikt aus der guten alten Zeit einmal im Jahr als Sprecherkabine während der Celler Regatta. Quelle: Thomas Brandt Heide-Copter
Celle Stadt

Wehmütige Erinnerungen an alte Zeiten kamen bei den CZ-Lesern auf, als sie das Luftbild von der Allerbrücke sahen, das wir am vergangenen Sonnabend veröffentlicht haben. Der Torplatz hat heute ein ganz anderes Erscheinungsbild als noch Mitte der 1950er-Jahre, als dieses Luftbild entstanden ist. Die beiden Fachwerkhäuser, welche die Harburger Straße einrahmten, sind Anfang der 1960er-Jahre abgerissen worden. Stadtauswärts links stand die Gaststätte „Zur Talsperre“, rechts das Blumengeschäft der Gärtnerei Kohlberg nebst einer Friedhofskapelle, die zur Bonifatiusgemeinde nach Klein Hehlen umgesetzt worden ist.

Die übrigen Gebäude stehen noch an Ort und Stelle. Die Bäckerei und das Café von Trüller werden heute wieder traditionell geführt. 1970 war hier das erste chinesische Restaurant in Celle eröffnet worden, weiß Hans-Joachim Bartz (Jahrgang 1947). Daneben hatte Gustav Sperling von 1946 bis 1951 in einem ehemaligen Pferdestall seine Autowerkstatt betrieben, wie sich Hans-Peter Mehling (Jahrgang 1934) erinnert.

Am Alten Bremer Weg 6 stehen noch Gebäude der Ehlerschen Zwiebackfabrik, die dem Senator Harry Trüller gehörte, wie Henning Genzel (Jahrgang 1971) erläutert. Er ist der Enkelsohn des Betriebsleiters der Central-Molkerei Celle (Ce-Mo-Ce), Ewald Genzel. Nach dessen Tod 1965 hat Sohn Hans Genzel die in die Blumlage verlegte Molkerei weiter geführt. Die Central-Molkerei wurde 1927 in den umgebauten Häusern der Zwieback-Fabrik eingerichtet und hier bis 1957 betrieben. „Das war dort ordentlich und sauber. Das war richtig piccobello dort“, sagt Wilhelm Ohlms (Jahrgang 1921), der Ewald Genzel und seine beiden Söhnen in der Molkerei kennen gelernt hat. Vor der NS-Zeit habe es kleinere Molkereien am Güterbahnhof und in der Blumlage gegeben, die schließen mussten, weiß Ohlms. Auch sein Großvater Walter Kruse betrieb eine Molkerei – und zwar an der Lachtehäuser Straße.

Herta Pankowsky (Jahrgang 1921) hat gute Erinnerungen an die Molkerei. „Ich habe mir da immer Milch weggeholt. Die habe ich aber nur gekriegt, weil ich jemanden gut kannte, der dort gearbeitet hat“, sagt die alte Dame, die noch heute im Familienhaus im Hehlentorgebiet lebt.

Robert Hagemann (Jahrgang 1938) erinnert sich, „dass ich mich um 6 Uhr in der Früh bei der Bäckerei Trüller um Brot angestellt habe“. Eines Tages sei ein Wagen eines Flüchtlingstrecks in die Mauer der Bäckerei gefahren, wobei es eine Tote und mehrere Verletzte gegeben habe. Auf dem Blaubasaltpflaster seien dreirädrige Goliath-Zweitakter reihenweise umgekippt, wenn ihre Fahrer vom Lüneburger Berg in rasantem Tempo in Richtung Allerbrücke unterwegs waren. Und eine „makabre Sache“ erinnert Hagemann noch: So sollen sich befreite KZ-Häftlinge kurz nach Kriegsende in ausgeräumten Gruften des Hehlentorfriedhofs zum Schlafen niedergelegt haben.

Helga Jodda (Jahrgang 1939) lebte mit Eltern und Geschwistern von 1948 bis 1952 am Bremer Weg – zu fünft in einem 16-Quadratmeter-Zimmer der Tischlerei Lange. Ihre Mutter hat zu den hohen Feiern Ostern und Weihnachten zu Hause gefertigten Hefeteig mit Zucker und Margarine oder Butter zur Bäckerei Trüller gebracht. Dort wurde das Ganze fertiggebacken und abgeholt. Am Sandstrand der Aller hat sie viel gespielt und in den Fluten „mein Schwimmen verfestigt“. An das Badevergnügen dort denkt auch Peter Steurer gern zurück.

Albert Gottschalk (Jahrgang 1935) und mehrere andere Zeitzeugen erinnern sich an den Unfall eines dänischen Fischlasters, der in die Aller kippte. Dort verlor er seine geräucherte Fracht. Die Celler sammelten die Fische auf und die ganze Stadt roch noch tagelang danach. „Die haben die Fische geborgen und verkauft. Ich habe das als Kind miterlebt. Das war eine Sensation“, so Gottschalk. „Das war eine Fundgrube für Celle“, weiß auch Dieter Krienke (Jahrgang 1940).

Anna-Katharina Ehrbar, geborene von Soest (Jahrgang 1929) lebte mit ihren Eltern von 1942 bis 1958 am Bremer Weg 10. Sie erinnert sich an den Gastronom Ernst Zinnikus, der die Gaststätte „Zur Talsperre“ betrieb. Während der Fußball-WM 1958 verbot er skandinavischen Gästen den Zutritt zu seiner Kneipe, weil es dem Fußballfan nicht gefallen hat, wie die schwedischen Zuschauer gegen die deutsche Nationalelf Stimmung gemacht hatten. „Er stammte aus dem Rheinland und war da ziemlich rigoros. Das war ganz schön dramatisch damals“, so Anna-Katharina Ehrbar.

Ina-Marie Bonecke, geborene Becker (Jahrgang 1940), hat die „Talsperre“ in den letzten Monaten zusammen mit ihrem Mann Rudolf geführt. Ihr Großvater Robert Becker hatte die Gaststätte gekauft, ihre Mutter sie bis zu ihrem frühen Tod mit 37 Jahren im Jahr 1953 fortgeführt. Danach wurde die Kneipe verpachtet. „Als die Brücke gesprengt wurde, mussten wir in das Gymnasium an der Magnusstraße, wo mein anderer Großvater Hausmeister war. Als wir zurückkamen, konnten wir über die Brückenreste rübersteigen. Da war kein Fenster mehr heil an unserem Haus und kein Türschloss mehr vorhanden. Meine Mutter hat viel tun müssen, dass wir doch noch eine schöne Kindheit hatten“, meint Bonecke.

Auf der anderen Seite der Harburger Straße wuchs Annemarie Leithäuser, geborene Kohlberg (Jahrgang 1947) heran. „Unser Wohnhaus mit Blumengeschäft am Torplatz 5 wurde 1963 oder 1964 abgerissen. Mangels Nachfolger wurde die Gärtnerei 1965/66 geschlossen“, sagt sie. „Das war eine gute Laufecke damals. Viele Leute kamen auch nach Ladenschluss. Wenn wir Fußball gespielt haben und der Ball auf den Torplatz gerollt ist, haben wir beim Polizisten in der Kanzel bitte bitte gemacht und ihn wieder geholt. Mutter hat dann einmal pro Woche einen Blumentopf als Dank dort hingestellt“, erzählt Leithäuser. Dass die schweren Eisentore heute wieder in den Angeln an den beiden Friedhofs-Eingängen hängen, ist ihrem Vater Otto Kohlberg zu verdanken. Er habe sie abmontiert und eingelagert, weil er nicht wollte, dass sie zu Kugeln eingeschmolzen würden.

In den Jahren 1963 bis 1968 hat Manfred Viehofer (Jahrgang 1948) als Passagier eines eineinhalbstöckigen Busses stets die Polizeibeamten beobachtet, wie sie per Knopfdruck aus einer vor der Trüller-Bäckerei stehenden Kanzel heraus die Ampel gesteuert haben. „Die halbrunde Ampel, die über der Kreuzung hing, wurde aus diesem Leitstand, der vor Trüller stand, gesteuert. Zuletzt hat das auch der Polizist Petschat gemacht“, meint Karl Ströher (Jahrgang 1937).

Peter Heppner (Jahrgang 1942) berichtet vom Brückenneubau Anfang der 1950er-Jahre, als aus der Holzkonstruktion eine moderne Betonbrücke wurde. Auch die Bierbrauerei Schilling ist ihm in Erinnerung. Die stand dort, wo heute die Hochhäuser am „Kreuzgarten“ stehen. Uwe Diekmann (Jahrgang 1950) hat miterlebt, wie die Brauerei Ende der 1960er-Jahre abgerissen worden ist. In seiner Sammlung alter Adressbücher hat er den Besitzer des ehemaligen Parks zwischen Kreuzgarten und Kapellenberg, den Großkaufmann Emil Metz, zwischen 1922 und 1929 am Kreuzgarten 11 gefunden. Dass Metz das gesamte Gelände nach und nach parzelliert veräußert hat, weiß Manfred Colshorn (Jahrgang 1939). „Die Brauerei Schilling liegt zum Teil im Celler Hafen, den man damals zuzuschütten begann, bis der Celler Yacht-Club das gestoppt hat und der Bereich zum Sportboothafen umgewidmet wurde“, berichtet Karl Ströher.

Peter Heppner erinnert sich an einen Besuch bei seiner Großmutter an der Lüneburger Straße. „Wir wollten auf dem Stadtfriedhof in eine Gruft einsteigen. Auf einmal sahen wir eine wahre Höllengestalt –Dampf, der aus dem Nichts aufzusteigen schien. Beim Schlachthof war wohl ein Bulle ausgerissen, durch die Aller geschwommen und auf den Friedhof gelangt. Die Schlachter liefen mit ihren Messern hinterher. Das hat sich mir so eingeprägt, dass ich mir den Einstieg in eine Gruft für alle Zeiten verkniffen habe“, sagt Heppner.
"Ich war so ca. gut 4 J. alt, Anfang der 50er Jahre, ich bin mal wieder mit meinem Papa über die Allerbrücke gegangen. Mein Papa klönte mit einem Bekannten, hatte mich bis auf kurze Zeit stets im Auge. Doch da nicht. Paddler fuhren unter die Allerbrücke fast hindurch, dachte ich und wollte mehr sehen. Schob meinen kleinen Kinderkopf durch die Allerbrückenstäbe. Das war ein Fehler, ich bekam den Kopf nicht wieder zurück. Die Ohren waren im Wege. Erst versuchte ich es selbst, dann weinte ich, dann weinte ich laut. Papa kam, ein Polizist kam, doch nichts half. Ich bekam Panik. Erst als ich nach langem Weinen erschöpft war, hielt ich meinen Kopf still und einer von links und einer von rechts legte das dazugehörige Ohr platt und so kam mein Kinderkopf heraus. Alles tat weh. Anschließend musste ich eine Weile getragen werden bis ich mich endlich beruhigt hatte.
Einige Jahre später, ich meine es war Ende der 60er Jahre, hat man die beiden Brückengeländer den "Kinderköpfen" angepasst. Somit kontrolliere ich jedes freistehende Geländer (bis heute) und stelle fest, dass dieses Malheur , egal wo, in Deutschland nicht mehr passieren kann", berichtet Astrid Aulich.