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Alte Fotos erzählen 31: Geschichten rund um den Bahnhof Celle-Vorstadt
Thema Alte Fotos erzählen 31: Geschichten rund um den Bahnhof Celle-Vorstadt
02:28 08.08.2018
Von Andreas Babel
Die Ansichtskarte aus dem Jahre 1905 zeigt einen haltenden Zug vor dem Bahnhofs-Restaurant Celle-Vorstadt, das heute nicht mehr existiert und hier hinter dem Baum nur noch schemenhaft erkennbar ist. Quelle: Sammlung Arnold Linke
Celle

Wenn Richard Schrader (Jahrgang 1925) mit seiner Dampflok am Signal des Bahnhofs Celle-Vorstadt zum Halten kam, dann gab es oft Gelegenheit zum Plausch mit seiner Frau Lisa Schrader (Jahrgang 1924). Dazu musste der Lokomotivführer noch nicht einmal sein Führerhaus verlassen, denn das war fast so hoch, dass sich die beiden Eheleute nahezu in Augenhöhe unterhalten konnten, wenn die Gattin aus dem Küchenfenster hinausschaute. Im kommenden Monat feiern die beiden Eiserne Hochzeit

Der alte Bahnhof war ab 1957 für zwanzig Jahre die Heimat der Schraders. Als er aus Wittingen nach Celle versetzt wurde, wurde ihm die Dienstwohnung in dem Bahnhofsgebäude zugewiesen. „Hier sind unsere Kinder groß geworden. Unten war ein Gastraum, in dem Tante Ella ausschenkte. Der Warteraum war ebenfalls ganz urig. Ich höre noch die Ansagen von Tante Ella: ,Ich bitte die Fahrgäste sich zum Bahnsteig zu begeben, denn die Schranken werden gleich geschlossen.‘„

Schrader vermutet, dass das noch heute existierende Gebäude um das Jahr 1910 herum gebaut worden sein muss. Damit hätte es den Bahnhof in der Gaststätte „Zum Posthorn“ abgelöst. Alte Postkarten belegen, dass hier Anfang des 20. Jahrhunderts auch der Bahnhof untergebracht war. Das Haus existiert heute ebenso wenig mehr wie das 1955 abgerissene „Pesthaus“, das nördlich der Gleise lag. Anna Kleinknecht (Jahrgang 1942) berichtet sogar „von vier oder fünf Pesthütten“. Weitere Zeitzeugen bestätigen, dass es mehrere Pesthütten gewesen sein müssen. In einer von diesen einst für Pestkranke erbauten primitiven Behausungen ohne Strom und Wasser habe ihre Großmutter gelebt. „Jeden Sonntag haben wir meine Großmutter dort besucht. Ich habe die Fußmärsche von meinem Zuhause an der Brabandtstraße dorthin gehasst“, sagt Kleinknecht. „Wir haben dort trotzdem schön gespielt, es war eine schöne Kindheit, wir haben die Züge beobachtet, es war richtig was los dort.“

Dietlind von Bernuth (Jahrgang 1938) war wie Jutta Oppelt (Jahrgang 1931) Fahrschülerin aus Lachendorf. Von Bernuth hat über ihre Erlebnisse ein Kapitel in dem Buch „Mein Schulweg“ veröffentlicht. Sie habe immer geschwankt, ob sie nach Schulschluss vom KAV-Gymnasium an der Magnusstraße zum Nord-Bahnhof der Kleinbahnen oder Bahnhof Celle-Stadt (das heutige OHE-Hauptgebäude an der Biermannstraße) oder zum Vorstadt-Bahnhof gehen solle. Für den Vorstadt-Bahnhof sprach, dass der Warteraum geheizt war und dass es für 50 oder 60 Pfennig eine Tasse Maggi-Brühe gab. „Man musste aber schauen, dass man auf den Bahnsteig kam, ehe sich die Schranken gesenkt hatten“, erzählt von Bernuth.

„Der Bahnhof ist mir noch gut in Erinnerung, es gab einen Vorraum, dort war der Fahrkartenschalter, und dann gab es eine Gaststube, die von der Familie Mengershausen be- trieben wurde. Wir Schulkinder durften uns im Winter oft dort aufwärmen, oder wenn früher Schulschluss war und wir auf den Zug warten mussten, auch schon mal mit den Hausaufgaben anfangen, wobei uns Herr Mengershausen manchmal ein bisschen half“, sagt Jutta Oppelt.

Der Enkel der beiden, Jochachim Mengershausen (Jahrgang 1945), berichtet, dass sein Opa Theodor relativ früh verstorben ist, seine Oma Ella die Gaststätte aber bis in die 1960er-Jahre hinein weiter betrieben habe. Seine Großmutter habe für die Briten, die abends in die Kaserne zogen, „fish and chips“ zubereitet.

Er habe an der Teichstraße als Junge gespielt. Den Graben, der dort aus einem vom Spinnhüttengelände kommenden Rohr austritt, hätten sie als Kinder im Winter angestaut, um auf der so entstehenden Fläche Schlittschuh zu laufen. Michael Sasse (Jahrgang 1954) hat bis 1967 im damaligen Bahnhof gelebt. „Es lebten elf Kinder in dem Haus. Hinten an der Teichstraße hatten wir einen zwei bis vier Meter hohen Hügel. Das war nach Schneefall immer unser Rodelberg. Da war der Bär los“, erinnert sich Sasse.

Richard Schrader meint, dass das Gelände als Auffangteich von Regenwasser für die Spinnhütte gedient habe. Arnold Linke (Jahrgang 1930) weiß, dass die Teichstraße ihren Namen von dem um 1750 angelegten Raths-Teich nördlich der heutigen Bahntrasse erhalten habe. Heute gibt es noch regelrechte Wasser-Biotope auf dem niedrig gelegenen Gelände, an dem nur noch das Haus Nummer 3 postalisch zu finden ist.

„Und dann erinnere ich mich daran, dass ein dänischer Lkw mit Butterfässern auf dem holprigen Bahnübergang in zwei Teile zerbrochen ist. Überall in den Vorgärten standen und lagen die Fässer herum“, sagt Mengershausen.

Die Bahnhofstation diente der Familie von Karsten Hälbig (Jahrgang 1958) und ihm als Abfahrtsstation, wenn sie seine Großeltern bis 1966 in Hermannsburg besuchten. „Am meisten hasste ich den Weg von unserem Zuhause in Altenhagen zu diesem Bahnhof, denn wir gingen ihn immer zu Fuß bis zu dieser Bahnstation. Die 45-minütige Zugfahrt im roten Triebwagen der OHE habe ich hingegen immer genossen“, sagt Hälbig.

Sein Vater habe immer schon gewusst, wann der Zug kam, bevor überhaupt etwas zu sehen war oder die Schranken sich senkten. „Das war ein Klingeln im Bahnhofsbüro und – wie mein Vater erläuterte – die Anmeldung des Zuges vom Bahnhof Celle her. Nach diesem Klingeln und der Anmeldung des Zuges senkten sich die Schranken und es erschien am Ende der sichtbaren Strecke aus Richtung Petersburgstraße kommend der ersehnte Triebwagen“, erzählt Hälbig. Mitte der 1960er-Jahre änderte sich noch etwas: Das Bahnhofsbüro wurde geschlossen und der Bahnsteig sowie das Stationsbüro auf die gegenüber liegende Seite der B 3 verlegt. Da muss wohl eine Art Güterschuppen umgebaut worden sein. Das Gebäude steht heute auch noch. Dadurch blieb die Schranke nicht so lange unten wie in der Zeit davor und die Autos, die spürbar immer mehr wurden, mussten nicht so lange warten.

Bei dem großen Wohnhaus auf der am Sonnabend veröffentlichten Aufnahme handelt es sich um das „Unteroffiziershaus“, das 1938 für Unteroffiziere in der Seecktkaserne gebaut wurde, weiß Peter Schleinitz (Jahrgang 1941), der heute in Kassel lebt. „Meine Eltern sind dort vor dem Krieg eingezogen; ich wurde 1941 geboren und habe bis 1966 in der rechten Hausseite (Nr. 78) gewohnt. Im ganzen Haus wohnten 12 Familien mit mehr als 20 Kindern. Noch heute habe ich Kontakt zu zwei Spielkameraden.“ In der Bahnhofsgaststätte holte er für seinen Vater sonntags das Bier in einer Milchkanne. Auch die Eltern des heutigen Winsers Gerhard Amann (Jahrgang 1939) haben in dem Unteroffiziershaus gelebt – seine Mutter immerhin 60 Jahre lang.

Die Teichstraße war immer nur ein schlecht gepflegter Sandweg, der für jeglichen Autoverkehr gesperrt war. Neben dem Haus mit dem Schild „Celle-Vorstadt“ stand ein lang gestrecktes niedriges Fachwerkhaus, Ende der 50er-Jahre wurde dahinter ein Neubau erstellt. Neben dem Fachwerkhaus stand für die Bahnreisenden ein Toilettenhäuschen. Am anderen Ende der Teichstraße, vor der Einmündung in die Petersburgstraße, standen drei Häuser, von denen jetzt nur noch eines existiert.