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Alte Fotos erzählen 39: Wo die Südtangente die B3 "küsst"
Thema Alte Fotos erzählen 39: Wo die Südtangente die B3 "küsst"
14:55 07.05.2015
Von Andreas Babel
Wo der Wilhelm-Heinichen-Ring auf die Bundesstraße 3 trifft, musste 1963 der Hof Olshausen weichen. Eine mögliche - Verlängerung der Südtangente in Richtung Altencelle haben vor allem die Bauten der Volksschule 1938 (unten) und der - damaligen Kreismittelschule, der heutigen Oberschule Westercelle 1953 (darüber) verhindert. Quelle: Thomas Brandt
Westercelle

Betrachtet man sich das wenige Tage alte Luftbild rechts, dann könnte man die Geschichte glauben: Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Kreismittelschule 1953 nur deshalb an dieser Stelle in Westercelle errichtet worden sei, um zu verhindern, dass hier die Südtangente weitergeführt und somit Westercelle geteilt wird, sagt Hans-Joachim Bartz (Jahrgang 1947). Hänschen Röling (Jahrgang 1940) meint, dass die weiter südlich liegende Volksschule (heute Grundschule) deshalb dort entstanden sei. Diese ist aber schon 1938 gebaut worden, wie Evelyne Preisler (Jahrgang 1950) weiß.

„Das ist eine Mär. Das schiebt man Landrat Bruns immer in die Schuhe“, sagt Westercelles ehemaliger Ortsbürgermeister Hannskarl Rauterberg (Jahrgang 1935). Er kennt sich wie kein Zweiter in seinem Ortsteil aus. Er hat erst im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht, in dem er so detailreich über sein „Dorf“ berichtet, dass selbst alteingesessene Einheimische sicher noch einiges hinzulernen, wenn sie die 216 Seiten von „Erzähl doch was aus Westercelle!“ studieren.

„Dass das eine Legende ist, steht in der Luft“, meint Arnold Linke (Jahrgang 1930). Er hat zusammen mit Landvermesser Klatt die ersten Bebauungspläne nach dem Krieg für die Umgebung der Stadt Celle erarbeitet. Er kann sich an Pläne erinnern, auf denen eine Trasse zu sehen ist, die den heutigen Wilhelm-Heinichen-Ring genau in diesem Bereich verlängern, wo heute die beiden Schulen stehen. Die Pläne für die Celler Umgehung seien ja schon über 80 Jahre alt, weiß Linke.

Die beiden Betriebe auf der westlichen Seite der Bundesstraße 3, der Hof von Olshausen (im Zuge der Einmündung der Südtangente abgerissen) und der Hof von der Brelie, sind erst Mitte des 19. Jahrhunderts dort entstanden. Die Betreiber mussten dorthin umsiedeln, nachdem ihre Höfe, die einst mitten im Dorf lagen, 1852 abgebrannt waren.

Südlich der Schulstraße liegen die heutige Oberschule (die aus der Realschule und davor aus der Kreismittelschule hervorging) und die Grundschule (einst Volksschule). Die Scheune weiter östlich und die Wiese daneben, die auf dem Luftbild aus den 1950er-Jahren in der CZ vom vergangenen Sonnabend zu erkennen sind, gibt es auch heute noch. Die Wiese ist ein wenig geschrumpft. „Ein Teil der Ackerfläche ist heute dem Schulhof zugeordnet worden. Der Rest ist Erweiterungsland“, erläutert Rauterberg.

„Um das neue Schulhaus konnte man wunderbar herumlaufen. Ich erinnere mich, dass wir in den ersten Schuljahren in den Pausen ,Eckenkieker, wo kommst du?‘ gespielt haben. Der Eckenkieker sauste hinter der übrigen Meute rechts oder links herum her. Der, den er von der nächsten Ecke sah, wurde beim Namen gerufen und als Eckenkieker für die nächste Runde genannt“, erinnert sich Rauterberg an ein schönes Spiel an der damals neuen Volksschule.

Östlich der Schulstraße hatte die Sämerei Hagemann Flächen angepachtet, auf denen Samen angezüchtet wurden. „Wenn ich mal ein schlechtes Gewissen hatte, habe ich meiner Mutter einen Strauß Blumen von dort mitgebracht“, berichtet Rauterberg von seinem Schulweg zurück ins Elternhaus, das an der Blumenstraße stand.

Brunhilde Gieseke (Jahrgang 1930) hat mit ihrem Mann Karl-Heinz von 1953 bis 1997 ein Papier- und Schreibwarengeschäft direkt neben der Kreismittelschule geführt. Sie lebt immer noch in dem Haus an der Schulstraße. „Um dreiviertel Sieben haben wir aufgemacht, bis 13.30 Uhr hatten wir geöffnet und dann noch mal von 15 bis 18 Uhr“, erinnert sich Brunhilde Gieseke an ihr „gut verlaufenes“ Berufsleben. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie das Geschäft aufgegeben.

Hans-Joachim Bartz erinnert sich, dass eine Frau Hoppe noch bis in die 1970er-Jahre hinein vor ihrem Haus am Waldweg auf zwei aufgebockten Brettern Obst und Gemüse verkauft hat. Das Haus sei komplett saniert erhalten geblieben. „Dorthin haben wir Obst geliefert, das weiß ich noch“, erinnert sich Hanna Bolle (Jahrgang 1934). Die geborene von der Brelie heiratete den Lehrer Horst Bolle, der zunächst an der Volksschule und dann an der benachbarten Kreismittelschule arbeitete. Als er das Angebot annahm, die Grundschule Adelheidsdorf zu leiten, zog seine Familie von der Hannoverschen Heerstraße dorthin.

Evelyne Preisler (Jahrgang 1950) erinnert sich daran, dass Lehrer Hoppe stets einen seiner Schüler bat, seine gerade eingeschulten Kinder über die damals auch schon einigermaßen stark befahrene B3 zu begleiten. Sie hat die Hoppe-Kinder einige Male nach Hause gebracht. Im Schreibwarengeschäft Gieseke hat sie sich mit Büchern und Heften eingedeckt und so manches mal in der „Bravo“ geblättert, um nachzusehen, ob denn nicht ihr Liebling abgebildet sei. Und weil der Sänger Roy Black dort fast jedes Mal auftauchte, musste sie öfter, als es ihr lieb war, 50 Pfennig aufbringen. „Das war ein Problem“, sagt sie. Besonders gerne erinnert sie sich an den Lehrer Helmut Schmidt-Harries: „Der kam immer mit Jägerhut an und hat uns sehr die Natur näher gebracht.“

Karl-Heinz Füllberg (Jahrgang 1947) hat beide Westerceller Schulen besucht: „Ich wurde dort für das Leben fit gemacht. In der Volksschule hatte ich in den ersten vier Jahren Herrn Fuhlbrücke als Klassenlehrer, dem ich viel zu verdanken habe und in der Mittelschule war zuletzt Herr Span mein Klassenlehrer.“

Irma Bogdanski (Jahrgang 1941) fuhr im Sommer mit dem Fahrrad von Nienhagen über Bennebostel zur Kreismittelschule nach Westercelle. Im Winter nahm sie den Bus. Gerne erinnert sie sich an Rektor Herbert Wilhelm, der – wie sie meint – aus Ostpreußen stammte: „Er hatte sehr viel Gespür dafür, den Kindern zu helfen, die aus nicht so guten Verhältnissen kamen wie etwa die Flüchtlingskinder.“ Auch an ihren Klassenlehrer Thilo Scheller denkt sie gerne zurück: „Der war korrekt“, meint sie. Von dessen Vorgeschichte erfuhr sie erst jetzt durch die CZ.

1965 wechselte Oskar Ansull (Jahrgang 1950) zur Realschule Westercelle. Dort war zuvor ein Lehrer tätig, der nun, als pensionierter Pädagoge, die Jugendbühne Celle leitete und in der Celleschen Zeitung seine lustigen Hein Lütt-Gedichte veröffentlichte. Die Rede ist von Thilo Scheller. Der Pädagoge wurde 1897 in Wittingen geboren und starb 1979 in Westercelle. Ehe er nach dem Krieg Mittelschullehrer wurde, war er vor und während des Krieges im Propagandaapparat der NSDAP kein kleines Licht. „Doch wusste ich das damals noch nicht. Wusste nicht, dass ich da einen Idealisten, der an das deutsche Wesen glaubte, an dem die Welt genesen sollte, dass ich da eine im Grunde an ihren treu geglaubten und lauthals propagierten Idealen gescheiterte Existenz vor mir hatte. Ich zog 1965 als Schüler mit ihm herum, wenn er seine plattdeutschen Reime vom Hein-Lütt im Landkreis vortrug und führte mit einem Diaprojektor die Bildchen von Bruno Zwietasch dazu vor. Hein-Lütt, harmlos verreimte Jungenstreiche, in Verse gefasste Witze, pädagogische Lebensweisheiten, alles plattdeutsch und schmunzelfroh verpackt“, sagt Ansull in seinem Buch „Himmel, welch ein Land!“ aus dem Jahr 2010.

Thilo Scheller war während der NS-Zeit Reichsarbeitsdienstführer im Rang eines Oberfeldmeisters (achthöchster Dienstgrad). Er begann als Leiter der Zeitschrift „Turnerjugend“ und „Die Schar“ in den 20er- und 30er-Jahren. 1934 bis 1939 organisierte er in der Abteilung Volkskunde und Feiergestaltung des Amtes Rosenberg der NSDAP für den Reichsarbeitsdienst die Feiern im gesamten Reichsgebiet.

Aus seiner Feder stammt unter anderem folgendes Schmähgedicht:

„Deutschland erwache aus deinem bösen Traum!

Gib fremden Juden in deinem Reich nicht Raum!

Wir wollen kämpfen für dein auferstehn –

arisches Blut darf nicht untergehn!

All diese Heuchler, wir werfen sie hinaus!“

1949 kehrte Scheller aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Der vormalige Reichsarbeitsdienstführer a. D. wurde Mittelschullehrer für die Fächer Deutsch und Sport. Der heutige Religionspädagoge Professor Frieder Gadesmann (Jahrgang 1943) hat nichts von Schellers Vorgeschichte gewusst. Er hätte sonst von seiner „späten Liebeserklärung“ an Scheller ganz vorne in der Jubiläumsschrift „50 Jahre Realschule Westercelle“ im Jahre 2003 Abstand genommen: „Ich teile die Einschätztungen von Oskar Ansull“, sagte er jetzt der CZ .

Andreas Babel