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Alte Fotos erzählen 42: Erinnerungen an ungleiches Häuser-Paar im Kreise
Thema Alte Fotos erzählen 42: Erinnerungen an ungleiches Häuser-Paar im Kreise
14:25 07.05.2015
Von Christopher Menge
Das ungleiche Paar steht heute noch im Kreise. Beide Häuser werden inzwischen bewohnt. Die Villa hat ihren Turm im Laufe der Zeit verloren. Quelle: Gert Neumann
Celle Stadt

Hänschen Röling (Jahrgang 1940) meint, dass die Essigherstellung an die Firma Boris in der Blumlage-Masch übergeben worden sei. Möglicherweise kennt Harling deshalb diesen kleinen Teil der Geschichte um das Fabrikgebäude nicht, das im Jahre 1890 als Wohn- und Fertigungsgebäude der Schirmfabrik Hugo errichtet worden war. „Dort wurden Schirmgestelle hergestellt“, erzählt Harling.

Im Jahr 1911 hatten Harlings Großvater zusammen mit seinem Schwager die „Celler Bürstenfabrik Borchers und Bonorden“ gegründet. „Ich habe meinen Großvater jeden Mittag abgeholt“, erinnert sich Harling. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte KFZ-Mechaniker Heinz-Leo Marhenke auf dem Hof der Bürstenfabrik in einer Garage eine Werkstatt aufgemacht. Ab 1953 wurde aus dem „Ein-Mann-Unternehmen“ der Betrieb „Marhenke Kraftfahrzeuge“. Neben zwei Hilfsarbeitern wurde auch ein Lehrling eingestellt.

Hans-Joachim Bartz (Jahrgang 1947) hat von einem Bekannten eine weitere Anekdote zur Bürstenfabrik gehört. „Wer unten bürsten will, muss oben klingeln“ soll auf dem Klingelschild gestanden haben, erzählt er. Auch Hildegard Wehmeyer (Jahrgang 1934), die im Kreise groß geworden ist, hat sich gemeldet. „Links war die Bürstenfabrik und in der Villa hatte Dr. Gläser seine Praxis und sein Wohnhaus“, sagt sie. Christa Friesel wusste, dass es sich um die Wehlsche Villa, die 1897 erbaut wurde, handelte. „Die Enkelin von Frau Wehl war eine Schulfreundin von mir“, erzählt sie, „als Dr. Gläser in der Villa gewohnt hat, hat die alte Frau Wehl noch in einem kleinen Haus auf dem Grundstück gewohnt.“

Manfred Klaus (Jahrgang 1950) erinnert sich an „ein wunderschönes Haus mit Vitrinen im ersten Stock, in denen Schmetterlinge und Bestecke zu sehen waren“. „Meine Mutter hatte bei Dr. Gläser eine Putzstelle“, sagt er. Während Klaus Vater Dr. Gläser immer als „Pferdeschlachter“ betitelte, ist er bei Gertrud Prüße (Jahrgang 1926) in guter Erinnerung geblieben. „Das war ein Arzt, dem man vertrauen konnte“, sagt Prüße, die auch mit Tochter Gertrud – Gläser hatte vier Kinder – befreundet war. „Das Grundstück ging bis zum Allerdamm. Von dort sind wir dann zur Fähre gepaddelt“, erinnert sich Prüße. Sie erinnert sich auch an die Firma „Essig und Sohn“, die später in die Blumlage gezogen sei.

Berühmtheit über die Stadtgrenzen hinaus erlangte die Villa aber erst nachdem Dr. Gläser 1962 verstorben war. In den 1990er Jahren wurde dort die TV-Serie „Unser Lehrer Doktor Specht“ gedreht. Daran erinnerten sich viele Leser. „Einmal bin ich richtig sauer geworden“, sagt Harling lachend, „die Filmwirtschaft hatte alles blockiert und die Lastwagen konnten die Ware nicht mehr rein und rausfahren.“ Den Drehort zur Verfügung gestellt hatte die zweite Ehefrau von Dr. Gläser Frieda. „Sie war eine hübsche Frau, hatte aber den Spitznamen blondes Gift“, erzählt Lutger Kleinschmidt, der die Villa 2004 von der Erbengemeinschaft Dr. Gläser gekauft hat.

Bei den Sanierungsarbeiten hat Kleinschmidt interessante Entdeckungen gemacht. „Die Wände im Obergeschoss waren nicht gedämmt“, erzählt der neue Hausbesitzer, „daher wurden alte Exemplare der Celleschen Zeitung genommen.“ Kleinschmidt weiß auch, warum der Turm einst abgerissen wurde. „Er war nicht richtig sturmfest und es hat ständig reingeregnet“, erzählt der 58-Jährige. Vom Reinregnen könnten auch zwei Laborärzte ein Lied singen, die ab Mitte der 1970 Jahre in der oberen Etage der Villa lebten. Wie einst die Praxis von Dr. Gläser kamen die Laborärzte über einen Nebeneingang ins Haus.

Kleinschmidt hat die Villa derzeit vermietet, will aber in ungefähr zehn Jahren selbst einziehen. „Ich will die Villa wieder als ein großes Haus nutzen“, sagt er.