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Alte Fotos erzählen 43: Wo einst die Celler Maschinenfabrik stand
Thema Alte Fotos erzählen 43: Wo einst die Celler Maschinenfabrik stand
14:32 07.05.2015
Von Andreas Babel
Harald Klingemann (Zweiter von links) - mit anderen CM-Auszubildenden auf der Hannover Messe 1963 vor einer mobilen - Bohranlage. Quelle: Sammlung Harald Klingemann
Celle

NEUENHÄUSEN. Vor nunmehr 20 Jahren endete in Celle eine 120-jährige Firmengeschichte: Die „Celler Maschinenfabrik“ (CM), die erstmals 1988 Konkurs angemeldet hatte, wurde bis Ende 1992 von Geschäftsführer Wilhelm Schlottky noch am Leben erhalten, 58 von einstmals 160 Beschäftigten hatte das Unternehmen zuletzt. Mitte der 1990er-Jahre wurden die 1906 an dieser Stelle hochgezogenen und immer wieder ergänzten Fabrikgebäude an der Windmühlenstraße 48 abgerissen. Zunächst entstand eine massige und mehrgeschossige Eigentumswohnungsanlage, später Stadtvillen und Einfamilienhäuser auf dem rund 22.000 Quadratmeter großen Areal zwischen Windmühlen-, Spörcken-, Nordtmeyer- und Hoppenstedtstraße.

Die Traditionsfirmen CM und die von ihr 1956 abgespaltene Bomag leben unter dem Dach der CM-Hartmann GmbH seit 1997 noch fort, als Schlottky, der Celler Wolfgang Genannt sowie Werner Hartmann aus Ehlershausen an der Ströherstraße in Vorwerk 25 Arbeitsplätze schufen. Die Firma Hartmann Valves gibt es noch in Vorwerk und Ehlershausen. Hier werden heute beispielsweise Kavernenköpfe und Anlagenarmaturen hergestellt, die vorwiegend in der Bohrindustrie zum Einsatz kommen.

Adolf Schäfer hatte das Unternehmen 1873 als Schlosserei in Peine gegründet. Die erste fahrbare Bohranlage für die Erdölsuche hat man an der Celler Windmühlenstraße konstruiert und gebaut. 1914 bis 1918 hat man hier Munition produziert. Durch die Bombardierung Celles am 8. April 1945 wurde die Fabrik teilweise zerstört, aber wieder aufgebaut.

Im Obergeschoss einer der Fabrikhallen lagen Werkswohnungen. In einer davon lebte die Familie von Rolf Karpenstein (Jahrgang 1950) in den Jahren 1954 bis 1972. „Das waren dürftige Wohnungen. Durch die reingelegten Dielen konnte man in die Dreherei hinunterschauen, da konnte man so manches Gespräch mitbekommen, das da unten geführt wurde“, erzählt Karpenstein. Laut wurde es morgens gegen 6.45 Uhr, wenn man die Drehbänke hochfuhr. „Wenn die dann liefen, dann hörte man die nur unwesentlich. Man gewöhnte sich daran. Nur wenn es sonntags war, dann fehlte irgendetwas“, sagt Karpenstein. In der CM arbeiteten die Beschäftigten nicht rund um die Uhr. Feierabend war gegen 17 Uhr.

Als Kind spielte Karpenstein noch bis in die 1960er-Jahre hinein in dem großen Obstgarten auf dem Areal, den der Betriebsleiter nutzte und wo dieser auch einen Hühnerstall hatte. Mitte der 1960er-Jahre seien die Bäume gefällt worden, weil Parkplätze fehlten. „Adolf und Christa Schäfer lebten in dem prachtvollen weißen Haus neben der Fabrikanlage. Die Schmiede auf der rechten Seite von der Windmühlenstraße aus gesehen wurde in den 60er-Jahren abgerissen, da sind dann Büros entstanden“, weiß Karpenstein.

Rainer Wage (Jahrgang 1938) lebte 13 Jahre lang in einer Werkswohnung, die sich unmittelbar neben dem großen Schornstein befand. „Unter unserer Wohnung war eine Dampfmaschine, die über eine Welle die gesamte Fabrik in Gang setzte“, sagt Wage, dessen Vater Paul einst als Werkmeister dort arbeitete. Wage meint, dass in einer der Werkswohnungen direkt nach dem Krieg eine der Fabrikantentöchter mit ihrer Familie einige Jahre lang lebte. Auch der Betriebsleiter hatte hier seine Wohnung. Wage erinnert sich zum Beispiel an die große Modelltischlerei, in der Modelle für große Teile angefertigt wurden. Darunter standen riesengroße Schleifmaschinen, Neben Schlosserei und Dreherei gab es noch besagte alte Schmiede. Das große Gebäude an der Ecke Windmühlenstraße/Spörckenstraße wurde einst als Verwaltungsgebäude der Wintershall AG genutzt, war dann lange Zeit Kreiswehrersatzamt und wird heute als Schulungszentrum genutzt.

Gefertigt wurden in der CM unter anderem Bohrrohre und Bohrverbindungen, zudem Bohrkronen und Bohrfänger, mit denen man verloren gegangene Bohrkronen aus der Tiefe der Erde wieder ans Tageslicht befördern konnte. „Als erste hat die Celler Maschinenfabrik klappbare Bohrtürme entwickelt, vor allem für die Firma Celler Brunnenbau, die man auf Unimogs montiert hat. Außerdem hat man hier Presswerkzeuge hergestellt, die sich große Leute aus Japan und den USA angeschaut haben“, erzählt Wage.

Harald Klingemann (Jahrgang 1944) hat nach der Mittleren Reife und einem Jahr Ausbildung an der Berufsfachschule an der Bahnhofstraße von 1962 bis 1964 seine Lehre als Maschinenschlosser bei der CM absolviert. „Die Zeit dort war schön, ich habe viel gelernt, das mir später auch zugute kam“, sagt er. „Die Geschäfte liefen sehr gut. Die Bohrgeräte wurden weltweit vertrieben, zum Beispiel nach Nordafrika zum Brunnenbohren“, so Klingemann, der mit anderen Auszubildenden 1963 bei der Hannover-Messe das Equipment begutachtete.

Davon berichtet auch Arnold Linke (Jahrgang 1930), der den großen Stand dort oft besuchte. „Eng neben der Maschinenfabrik Schäfer befand sich bis 1920 (abgerissen) eine noch auf freiem Felde um 1450 erbaute Bockwindmühle. Nach ihr erhielt anliegende spätere Straße den Namen“, weiß Linke.

Helmut Marwede (Jahrgang 1951) hat von 1968 bis 1971 seine Lehre zum Industriekaufmann in der CM absolviert. Er erinnert sich gern an die Zeit dort zurück. Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung hat er jedoch gewechselt. „Produziert wurden in dieser Zeit zum einen Vertikal-Bohrgeräte, auf mobilen Lkw montiert, zum Beispiel für den Brunnenbau. Desweiteren wurden Horizontal-, Bohr- und Pressgeräte in verschiedenen Durchmessern und Dimensionen hergestellt. Mit diesen Geräten und Anlagen war es möglich, Rohre und Leitungen unterirdisch zu verlegen, ohne die gesamte Strecke auszuschachten“, sagt Marwede.

Der Vater von Vera Götze (Jahrgang 1932), Rudolf Krohne, hat als Betriebsmauer seit 1932 für die CM gearbeitet, eine neue Halle aufgebaut und alle anfallenden Arbeiten wie die Sanierung des Schornsteins ausgeführt. Sie weiß, dass man hier in der ersten Hälfte der 1940er-Jahre „Kriegsmaterial hergestellt“ hat. Ihr Vater war bis Januar 1945 vom Kriegsdienst befreit, dann zog man ihn aber doch noch ein. Aus der französischen Gefangenschaft kehrte er eine Woche vor der Währungsunion heim, am 13. Juni 1948. Er arbeitete dann bis zum Renteneintritt in der CM.

Auch ein Enkel von Vera Götze, Markus Feldmann, zog es zur CM. Er beendete seine Lehre zum Maschinenbauschlosser in den letzten 18 Monaten der Ausbildung an der Windmühlenstraße. Und kehrte dann für kurze Zeit ganz zum Schluss der Ära CM wieder dorthin zurück.

Klaus Jozesowski (Jahrgang 1940) hat Maschinenschlosser in der CM gelernt und war noch ein halbes Jahr anschließend dort als Dreher beschäftigt. „Das hat mich nicht wieder losgelassen. Ich habe bis zur Rente als Dreher gearbeitet“, sagt Jozesowski.

„Das war meine Firma“, sagt Kurt Ebel (Jahrgang 1925). Das zeigt, wie er sich mit der CM identifiziert hat. Er war von 1940 an bei der CM beschäftigt. 1989 war für den Leiter der Terminabteilung und Auftragsbearbeitung das Ende seiner beruflichen Laufbahn erreicht. Nur durch seine Gefangenschaft in den USA von 1944 bis April 1946 wurde diese Zeit unterbrochen. Ein nettes Detail hat Ebel auf dem alten Luftbild entdeckt: Rechts hinter der alten Schmiede steht der helle Mercedes des damaligen Betriebsleiters Hans-Ekkehard Bob (Jahrgang 1917): „Das war ein Ritterkreuzträger. Mit diesem Wagen hat er meine Frau und mich zur Hochzeit gefahren“, sagt Ebel. Bob gründete mit der „Bomag Bohrmaschinen und Geräte GmbH & Co. KG“ seine eigene Firma in Celle, die er 1990 verkaufte. Der passionierte Motorflieger Bob, er war Mitbegründer der Flugsportvereinigung Celle, starb am 12. August dieses Jahres in seinem Geburtsort Freiburg im Breisgau.

Zum Ende der Fabrik möchte Ebel sich nicht äußern. Es gab zwar jemanden, der laut CZ-Bericht aus dem Jahr 1992 drei Jahre zuvor 1,8 Millionen Mark veruntreut hatte und dafür ins Gefängnis musste, aber das sei nicht die Hauptursache für den Niedergang gewesen, meint Ebel.

Hauptsächlich belieferte die CM den deutschen Markt, einige Auslandsgeschäfte hat man aber auch getätigt. Mit einer Lokomobile habe man für die Fabrik Strom erzeugt. „In schlechten Zeiten waren wir so autark“, sagt Ebel. Er weiß, dass die Gebrüder Adolf und Richard Schäfer, nach denen das Unternehmen „Celler Maschinenfabrik Gebrüder Schäfer“ hieß, die Firma 1916 übernommen hatten. Zwei Töchter des einen Bruders leben noch in Celle und Uetze.