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Alte Fotos erzählen 44: Finstere und schöne Zeiten in Celles Altstädter Schule
Thema Alte Fotos erzählen 44: Finstere und schöne Zeiten in Celles Altstädter Schule
14:31 07.05.2015
Von Andreas Babel
Das Luftbild, das um 1930 entstanden ist, zeigt die helle Altstädter Schule, rechts ist das heutige Dienstleistungszentrum an der Sägemühlenstraße (früher Finanzamt und davor Lazarett), links oben der Französische Garten, darunter das - KAV-Gymnasium und darunter das St.-Josef-Stift zu erkennen. Quelle: Sammlung Arnold Linke
Celle Stadt

Eine der ersten Schülerinnen in der Altstädter Schule war Ilse Kniep (Jahrgang 1923). Sie drückte dort seit 1930 die Schulbank. „Mein Onkel Wilhelm Bade war zunächst auch Lehrer in der Schule, wohnte in der Kanonenstraße, aber nicht in dem Rektorenhaus“, weiß Kniep. Das Schönste an dem architektonisch bedeutsamen, Ende der 1920er-Jahre modernen Haesler-Schulbau war für die 90-Jährige die Turnhalle, „die inmitten des Hauses lag“. Das Gebäude ist heute noch unverändert an der Sägemühlenstraße zu finden.

So weit die Architektur ihrer Zeit voraus war, so sehr waren noch etliche der Lehrer in ihrem Erziehungsstil eher dem Mittelalter als der Neuzeit zuzurechnen, wie aus den Erzählungen der ehemaligen Schüler hervorgeht. Kniep berichtet von zwei Schwestern, die dort Lehrerinnen waren und von den Kindern Winkelmann I und Winkelmann II genannt wurden. „Die eine, sie war meine Klassenlehrerin, war lieb, nett und hold, die andere war ein bisschen strenger und energischer“, sagt Kniep. Sie weiß noch wie heute, wie sie zum Beginn eines Schultages ihren Korallen-Ohrring vermisste. Und sie rechnet es ihrer Klassenlehrerin hoch an, dass sie sie nach Hause schickte, um auf dem Weg danach zu suchen. „Dann lauf schnell zurück“, sagte die Pädagogin. Und wo fand sie den Ohrring? „Im Bett war er“, sagt Kniep.

Irmgard Stadtmann (Jahrgang 1923) besuchte zwar die Neustädter Schule, hat aber im Schuljahr 1935/36 einmal pro Woche Kochunterricht an der Altstädter Schule mehr oder weniger genossen. „Der Weg dorthin über die Jägerstraße war so ein bisschen Freiheit in dem ansonsten sehr strengen Schulalltag, wo man doch nur stur in der Bank sitzen und mit dem Finger aufzeigen musste“, meint die 90-Jährige. An fünf Kochblöcken waren jeweils vier bis fünf Mädchen beschäftigt. „Es gab noch keinen Kühlschrank. Die Töpfe, die wir kühlen wollten, haben wir im Winter in einen Schneehaufen auf dem Schulhof gestellt“, erinnert sich die Cellerin.

Sie würde es befürworten, wenn auch heute jungen Menschen in der Schule das Kochen beigebracht würde. „Das war ein guter Grundstock für mich.“ Als sie einmal Kartoffelsalat und Pfannkuchen zusammen essen sollte, weigerte sie sich und würgte die Gerichte hintereinander herunter. „Die Lehrerin stand hinter mir. Es gab kein Entrinnen. Das war ziemlich diktatorisch damals, man musste gehorchen, wenn man keine 5 oder 6 haben wollte“, sagt sie.

Von architektonischen Besonderheiten weiß Erhard Pausch (Jahrgang 1924) wenig zu berichten, wohl aber eine Menge über die Pädagogen dort. Sein „wunderbarer Lehrer“ Wilhelm Främke wechselte sich mit dem stets im Unterricht Filzhut tragenden August Kruse darin ab, zwei bitterarmen Schülern jeden Morgen Frühstücksbrote mitzubringen. Warum der einzige jüdische Mitschüler Kurt Roberg mittwochs nie am Religionssunterricht teilnahm, erklärte Främke den Mitschülern so: Er hat eben eine andere Konfession. Den Satz des Pythagoras hat Främke seinen Schülern auf der Stechbahn zu erklären versucht, indem er mit einem 50-Meter-Band bewaffnet, die Höhe des Kirchturms durch das Winkelmaß zwischen Kirche und Hotel „Celler Hof“ feststellen ließ. August Kruse schlug öfter mit seinem Rohrstock auf seinen Tisch, wenn die Glocke schellte und schrie: „Sehen Sie, Herr Minister, wir haben doch viel zu wenig Zeit. Wie soll ich das denn den Kindern beibringen?“ Pausch erklärt sich diese Verzweiflungs-Schläge damit, dass Kruse bei Verdun im Ersten Weltkrieg zweimal verschüttet worden war.

Besonders negativ hat Jürgen Heitmann (Jahrgang 1936) den Schulleiter Pape in Erinnerung: „Der hat mich mal fürchterlich verdroschen. Ich soll ,Volkseigentum beschädigt‘ haben, hat er mir vorgehalten. Er rannte immer in SA-Uniform durch die Schule. Mir war ein Tintenfass umgekippt und hatte acht Seiten in meinem Schreibheft unbrauchbar gemacht.“ Als eines seiner ersten Erlebnisse (eingeschult wurde er am 1. April 1942) ist ihm in Erinnerung, wie er als Sechsjähriger an Adolf Hitlers Geburtstag mit der gesamten Schülerschar vor der Schule antreten, strammstehen und die erste Strophe des Deutschland-Liedes und das Horst-Wessel-Lied singen musste. Und dann erinnert sich Heitmann noch an einen besonders makabren Klassenausflug im Winter 1944/45 in die Hindenburgstraße, wie die Bahnhofstraße früher hieß, aber davon später mehr...

Barbara Reimer (Jahrgang 1937) weiß noch, wie besinnlich die Adventszeit 1946 von ihrer Klassenlehrerin Frau Bingmann zelebriert wurde. Ihr Mitschüler Bernhard Guizetti hatte jedem Klassenkameraden eine kleine Honigwachskerze mitgebracht, „die wir immer, wenn wir Frau Bingmann in der ersten Stunde hatten, entzündeten“. Auch ließ die Pastorentochter Weihnachtslieder singen und festliche Gedichte aufsagen. „Das war eine schöne, feierliche Sache“, so Reimer.

Karin Rothert-Schnell (Jahrgang 1936) erinnert sich daran, dass Wilhelm Främke eine andere Art von Unterricht machte. So nahm er im Kunstraum mal eine Plüschbank hoch und wischte damit die Tafel sauber, auf der die Ergebnisse der Aufgaben notiert waren, die er gerade abfragte. Ihre Klassenlehrerin, die Offizierswitwe Wolf, sei sehr nett und geduldig gewesen. Sie hatte der Klasse einen Film gezeigt, der darstellte, wie man Kasperlepuppen basteln kann. Zwei Tage später brachten zwei Jungs mit Lernschwierigkeiten eigene, mit großer Präzision hergestellte Puppen mit. Die Lehrerin war so begeistert, dass sie sich spontan hinsetzte und an ihrer Nähmaschine Kleidchen für die Puppen nähte. „Damit haben wir dann ein schönes Spielchen gemacht“, sagt Rothert-Schnell.

Karl Montag (Jahrgang 1930) besuchte die Altstädter Schule von 1936 bis 1944. Auch er weiß, dass Rektor Pape oft in Uniform zu sehen war. Während des Krieges seien mehrere Baracken gebaut worden, von denen eine noch heute auf dem Schulhof steht. „Das wundert mich. Die müssen wirklich gut gebaut worden sein“, sagt der 83-Jährige. Er hat die Lehrer in keiner guten Erinnerung: „Wir mussten stundenlang sitzen und haben auf Schiefertafeln geschrieben. Wir wurden mit Stock und Hand geschlagen. Das ist mir auch ein paarmal passiert.“

Gundula Glaser (Jahrgang 1939) meint, dass Bingmann eine „ganz Strenge“ war. Einmal habe sie Jungen aus einer höheren Klassenstufe vor ihre Mädchenklasse zitiert, um sie dort „mit dem Rohrstock zu verdreschen“. Die hygienischen Verhältnisse in den Toiletten der Baracken sind „ganz fürchterlich“ gewesen: Die Kinder, die auf den Aborten saßen, waren nur durch dünne Wände voneinander getrennt. Es gab keine Tür. Vor jeder Toilette bildeten sich Schlangen. „Wenn jemand mal einen anderen Schüler schubste, hatte man den ersten der Schlange auf dem Schoß sitzen“, sagt Glaser.

Hänschen Röling (Jahrgang 1940) berichtet von 50 Kindern starken Klassen nach dem Krieg. Unter dem neuen Rektor Professor Moldenhauer „blühte die Schule auf“, meint er. Der Hausmeister Bodenstab hingegen habe die Schüler als sein „Freiwild“ angesehen. Sie rächten sich, indem sie seinen Obst- und Gemüsegarten plünderten.

Rudolf Peterson (Jahrgang 1930) erinnert sich daran, dass in der Halle auch die Vereidigungen der „Pimpfe“ der Hitlerjugend stattfanden. Er erinnert sich an die feierliche Atmosphäre, die durch Kerzen und Buchsbäumchen zustande kam. „Die Halle wurde ja vielfach genutzt. Es gab auch eine Ausstellung über die Dicke Berta. Dieses Geschütz wurde aus Holz nachgebaut gezeigt“, so Peterson. Im Jahr 1943 hatte er wie er meint ein „lustiges Erlebnis“, als ein Pilot mit seinem Ju-87-Sturzkampfbomber die Kinder auf dem Schulhof gesehen und sich gedacht haben muss, dass er denen mal einen Schrecken einjagen will. „Er stürzte mit eingeschalteter Jericho-Fanfare auf uns zu. Alle wichen zur Seite und standen wie erstarrt neben dem Gebäude“, weiß Peterson noch. 1941/42 muss die Schule kurzzeitig als Lazarett genutzt worden sein, denn seine Klasse wurde in dieser Zeit für etwa ein Vierteljahr in die Blumläger Schule ausquartiert. Als Pädagogische Hochschule wurde die Altstädter Schule jahrelang zumindest teilweise ebenso genutzt.

Die Schrecken des Naziregimes erfuhr Peterson als 15-Jähriger nachträglich noch, als er Anfang 1947 eine KZ-Ausstellung in der Halle der Altstädter Schule besuchte. 7000 Celler sollen sie seinerzeit gesehen haben. An einen Lampenschirm aus Menschenhaut erinnert sich Peterson und an einen Prügelbock, neben dem eine Peitsche lag. Von dieser Ausstellung berichtet auch der Band „Celle 45. Aspekte einer Zeitenwende“.

Marlise Münchau hat als Schulelternratsmitglied zusammen mit Hildegard Steinbömer und Pastor Ahlborn in den 1970er-Jahren verhindert, dass die Altstädter Schule auf das Gelände an die Burgstraße verlegt wurde. „Wir hatten Mitleid mit den kleinen Kinderbeinen. Wir haben uns Plakate vor den Bauch geschnallt und sind vor den Schulausschuss und vor den Rat gezogen. Und es hat etwas genützt. Die Altstädter Schule ist dort geblieben“, freut sich Münchau, die erst später Neuenhäusens Ortsbürgermeisterin wurde.

Andreas Babel